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Jore Dea

Druckfehler/Berichtigung zu Jore Dea

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Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter

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Elul-Gedanken.

 

Rüste dich Israel Deinem Gott entgegen! Amos 4, 12.

Während des ganzen Monats Elul ertönt zur Vorbereitung für die kommenden heiligen Tage Schofarschall in unsern Gotteshäusern und mahnt uns zur inneren Einkehr, zur Reue und zur Rückkehr zu unserem himm­lischen Vater. Draussen ist es Herbst geworden. Die fahlen Blätter fallen von den Zweigen. Ohne Laubschmuck stehen die Bäume da, die noch vor kurzer Zeit so saft- und kraftvoll schienen, mit ihren Früchten und ihrem Schatten uns erfreuten und erquickten, und der Sturm zaust und zerrt an den dürren Ästen. Die Natur bietet uns das Bild der Vergänglichkeit. Eindringlicher als Menschenzungen es vermögen, ruft sie uns die Mahnung zu: "Es dorrt das Gras, es welkt die Blume." Auch der Mensch ist wie der Baum des Feldes. Auch der Mensch hat die Zeit seines Wachstums, seiner Blüte, seiner fortschreitenden Entwicklung; aber auch er geht ein, wenn seine Zeit gekommen ist. Es gibt wohl keinen denkenden Juden, der nicht die gleiche Mahnung aus dem Schofarschall heraus hört: Gezählt, gezählt sind deine Tage, kurz, vergänglich, flüchtig ist dein Leben. Wie lange du dich des Daseins erfreuen, wie lange du im Sonnenlicht wandeln wirst, du und die Deinen, das bestimmt in diesen heiligen Tagen der Allmächtige, der über dich Gericht hält.

Aber nicht nur die Kürze unseres Lebens veranlasst uns zu ernsten Überlegungen, sondern auch die Unruhe und Hast, in der wir es verbringen.

Im Buche Hiob lesen wir einen Satz, der uns zu denken gibt: ,,wie die Tage des Mietlings sind des Menschen Tage." Warum vergleicht Hiob das Leben des Menschen mit dem des Taglöhners? Weil dieser die Stunden zählt, bis der Feierabend kommt, weil er sich freut auf den Augenblick, der ihm Ruhe bringt, und in welchem seine Arbeit endigt. Er horcht auf den Schlag der Turmuhr und sehnt die Zeit herbei, in welcher ihm nach der Mühe und Plage des Tages Erholung und Erquickung winken. Geht es nicht ähnlich den meisten Menschen, die, unzufrieden mit ihrer augenblicklichen Lage, stets ein Ende des gegen­wärtigen Zustandes herbeiwünschen, weil sie von der Zukunft mehr Glück und Freude erwarten?

Und nun begreifen wir die ganze Tiefe des bibli­schen Ausspruchs. Da unser Leben so überaus kurz ist, so sollte man meinen, dass wir Menschen uns an die vergängliche Stunde anklammern sollten, dass es uns leid sein müsste um jedes Jahr, das verrinnt von unserm flüchtigen Dasein, dass wir jedem Augenblick, den wir auf Erden geniessen, des Dichters Wort zurufen sollten: "Verweile doch, du bist so schön." Aber das Gegen­teil ist der Fall, und diese menschliche Eigentümlichkeit ist es, die unser Los noch tragischer macht, als es ohnehin schon ist. Kurz ist das Leben, und doch sehnt der Mensch die einzelnen Phasen seines Daseins hinweg, immer unzufrieden mit der Gegenwart, immer begierig nach einer Zukunft, von der er schönere Tage erhofft. Schon der Knabe, dessen junges Leben von Spiel ausgefüllt ist, wünscht, dass diese sorglose Zeit, die schönste des Daseins, verschwinde, und er in die Schule eintreten dürfe. Der Schüler wünscht sehnlichst, dass er die Schule verlassen und ins schaffende Leben einziehen könne. Der Lehrling, der Angestellte wünschen sich die Selbständigkeit, und der selbständig Schaffende, der unter der Last und Plage des Lebens seufzt, wünscht die Zeit herbei, da er frei von aller Arbeit ausruhen kann. Hat er endlich — einer unter vielen — dieses Ziel erreicht, so kommen Krankheiten aller Art und mindern ihm den Genuss des Daseins, und es kommt der Tod und ruft ihn ab aus der Reihe der Lebenden. Fürwahr, nicht nur kurz ist unser Leben, wie die Tage des Mietlings verbringen wir unsere Tage.

Woher kommt wohl diese menschliche Eigentüm­lichkeit? "Fremdlinge sind wir auf Erden und — schattengleich zieht unser Leben dahin." Weil wir eine Seele in uns tragen, ein Gottesteil von oben, so fühlen wir uns auf Erden selten recht befriedigt. Weil unsere Seele aus dem Himmel stammt, halten wir in Unrast und Unruhe, ohne uns der Gegenwart zu freuen, immer Aus­schau nach einer Zeit, von der wir volle Befriedigung erwarten, die auf Erden doch nicht häufig zu finden ist. Die glücklichsten Stunden aber sind und bleiben auch in der Erinnerung für uns die Stunden der religiösen Weihe und Erhebung, die Stunden, in denen wir uns selbst bezwungen, in denen wir etwas Gutes und Edles gewirkt und geschaffen haben, etwas, woran unsere Seele Freude empfand!

Vielleicht haben diese Gedanken dem Midrasch vorgeschwebt, als er die Bemerkung hinzufügt: "Wäre es noch wie der Schatten eines Baumes oder einer Wand, aber unser Leben gleicht dem Schatten eines Vogels, der entfliegt und seinen Schatten mit sich trägt." Kurz ist unser Leben, es gleicht einem Schatten, der nichts Greifbares ist, einem Traum, der zerflattert. Machen wir unser Dasein zu etwas Wesenhaftem, gleichen wir dem Baum, der andern Früchte spendet, der Mauer, die andern Schutz und Schatten gibt. Nur nicht dem Vogel gleichen, der seinen Schatten mit sich trägt; nur nicht aus dem Leben scheiden, ohne in jene Welt das Bewusstsein mitzunehmen von der erfüllten Pflicht, von den Gottesgeboten, die wir geübt, von den Gebeten, die wir gesprochen haben; nur nicht aus dem Leben scheiden, ohne Gott und Menschen erfreut, ohne zum Nutzen und zum Segen für andere geworden zu sein, denn "ein nutzlos Leben ist ein früher Tod".

Einstmals, so erzählen unsere Weisen im Talmud, war eine Zeit der Dürre im heiligen Lande eingetreten. Verschmachtet lagen die Felder da, die seit Wochen kein Regen erquickt hatte. Ein Jahr des Hungers drohte dem Volke. Da ordnete Rabbi Elieser Fasttage an. Das ganze Volk versammelte sich, und er sprach zu ihnen ergreifende Worte, um ihre Herzen zu rühren, damit sie durch gute Vorsätze und innige Gebete die Gnade und die Barmherzigkeit Gottes erlangten. Aber das Herz der Zuhörer blieb kalt und war nicht zu erweichen. Da sprach zu ihnen Rabbi Elieser: "Habt ihr euch eure Gräber schon gerüstet?" Da ging ein Beben durch das Volk, herzbrechendes Schluchzen ertönte, das Volk betete voller Inbrunst, und Gott sandte den Regen, die dürstenden Fluren zu tränken.

Welch magischer Zauber lag in den Worten: "Habt ihr euch eure Gräber gerüstet", dass sie imstande waren, harte Herzen weich  und  gefühlvoll zu machen?   Diese Worte erinnern, nach einer sinnvollen Erklärung, an eine traurige Periode aus der jüdischen Geschichte. Durch die von den Kundschaftern veranlasste Empörung hatten unsere Väter den Einzug in das heilige Land ver­scherzt. Das ganze damalige Geschlecht musste in der Wüste sterben. Nur die Kinder, von denen sie geglaubt, sie würden eine Beute der Feinde werden, durften in das gelobte Land kommen. Vierzig Jahre zog das jüdische Volk durch die Wüste. Am neunten Aw eines jeden Jahres, dem Tage der Versündigung, starb ein Teil des Volkes. Als Zeichen ihrer Bussfertigkeit musste sich während der Wüstenwanderung jeder, wie uns der Talmud erzählt, an diesem Tage selbst ein Grab schaufeln. Wenn dann am nächsten Morgen Schofarruf mächtig durch das Lager ertönte, standen die einen auf, frisch gestärkt zu neuem Leben, die andern erhoben sich nicht mehr. Sie schliefen den Schlaf, aus dem es auf Erden kein Erwachen gibt; und weinend und trauernd schaufelten die Angehörigen das Grab zu, das sich die Lebenden selbst bereitet.

Welch herzzerreissende Szenen müssen sich an einem solchen neunten Aw abgespielt haben! Da gruben nebeneinander zwei Brüder sich ein Grab, und wie einer dem andern in die treuen Augen blickte, dachten sie daran, dass sie morgen vielleicht einander nicht mehr wiedersehen und durch den Tod getrennt sein würden. Und mit welchen Gefühlen umfingen sich Gatte und Gattin bei dem Gedanken, dass sie vielleicht zum letztenmal beieinander weilten, und wie flössen ihre Tränen, wenn sie auf ihre noch unerzogenen Kinder blickten, die schon am nächsten Tage vater- oder mutterlos sein konnten, während sie der Leitung und Erziehung noch so sehr bedurften!    Begreifen  wir  nun,   dass  ein  Beben  durch das Volk ging, als es dieser traurigen Periode aus seiner Geschichte gedachte, die damals jedem Einzelnen weit besser bekannt und viel geläufiger war, als in unsern Tagen, dass es erschüttert wurde durch die Erwägung, dass, wenn nicht Gottes Gnade sich ihm zuwandte, Hunger, Elend und ein schrecklicher Tod jedem Einzelnen von den Bewohnern des Landes drohte?!

Uns allen gräbt die Zeit das Grab. Gar mancher weilte noch im vorigen Jahre in unserer Mitte, den nun der kühle Rasen deckt, und wenn wir in diesem Jahre den Schofarschall hören, so weiss niemand, ob er ihn auch im nächsten Jahre vernehmen wird.

Aber nicht nur die Zeit schaufelt uns einst das natür­liche Grab, in gewissem Sinne bereiten wir selbst uns das Grab dann, wenn wir nur sorgen für den Körper und die Seele darüber vergessen, wenn wir nur arbeiten und schaffen — und wie viele tun das — für das, was irdisch ist und den Tod nicht überdauert.

Dass wir nicht selbst uns das Grab rüsten sollen, diese Mahnung hören wir aus dem Schofarschall heraus. Wir sollen sorgen, dass, wie es in unsern Gebeten am Versöhnungstag heisst: unser Haus nicht werde unser Grab, dass, wie in den Häusern unserer Eltern, auch in unserem Hause die Thora ihre Stätte finde, welche unserem Streben und Wirken die Richtung geben und das Ziel bestimmen soll. Dann und nur dann bereiten wir uns nicht selbst das Grab, dann schaffen wir nicht für das, was stirbt, und was dem Tode anheimfällt, sondern für das, was lebt und was einst für uns sprechen wird am Throne des Allmächtigen.

Gar vieles hat ein jeder von uns in diesen heiligen Tagen von Gott zu erbitten. Möchte das neue Jahr ein Jahr des Lebens und der Gesundheit werden, in welchem der Allgütige die Wünsche unseres Herzens zum Guten

in Erfüllung gehen lasse. Wir aber wollen mit jedem Gebet, mit jedem Wunsche, den wir Gott vortragen, einen Vorsatz zum Guten verbinden. Wir flehen zu Gott, uns einzuschreiben in das Buch des Lebens, wir wollen das Gelöbnis hinzufügen, dass, wenn uns der Allmächtige begnadigt zu neuem Leben, wir uns selbst einschreiben in das Buch der Erfüllung unserer jüdischen und menschlichen Pflichten, in das Buch des wahren Lebens, das eine Vorbereitung sein soll, nicht für das Grab, sondern für ein höheres Dasein, in das Buch eines Lebens, dessen Wirksamkeit den Tod überdauert, eines Lebens, an dem Gott Wohlgefallen hat.

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An der Schwelle eines neuen Jahres.

Predigt zu Rosch-Haschana

 

Gott ist mein Licht und meine Hilfe, Vor wem sollte ich mich fürchten. Gott ist meines Lebens Wehr, Vor wem sollte mir bangen.

Psalmen 27, 1.

Mit den Worten des Psalmes, den wir in diesen heiligen Tagen alltäglich beten sollen, will ich sie er­öffnen, diese einzigartige Festesstunde, die jedes Menschen­herz ergreift, weil sie an der Grenze zweier Jahre ge­legen ist: „Gott ist mein Licht und meine Hilfe, vor wem sollte ich mich fürchten. Gott ist meines Lebens Wehr, vor wem sollte mir bangen.“

Unsere Weisen erzählen im Talmud übertreibend von einer Stadt, die so gross gewesen sein soll, dass, während auf der einen Seite schon die Feinde eindrangen, raubend, mordend, plündernd, auf der andern Seite noch Feste gefeiert und Hochzeiten abgehalten wurden. Ist das nicht ein Bild des Lebens? Ist nicht das vergangene Jahr mit seinen verschiedenartigen Erlebnissen, wenn wir es zurückschauend überblicken, dieser Stadt ver­gleichbar? Freude hat es dem einen, Leid dem andern gebracht, Glück zog bei dem einen, Trauer bei dem andern   ein.     Die  Wünsche   der   einen   wurden  erfüllt, die Hoffnungen der andern zerstört. So überschreiten die einen mit stolzem Herzen und freudig bewegt, die andern tief bekümmert und gebeugten Hauptes die Schwelle des neuen Jahres.

Auch mir hat das vergangene Jahr manche sorgen­volle Stunden gebracht. Mehr als die Hälfte des Jahres war ich an das Krankenbett gefesselt und habe kaum ge­dacht, dass ich in diesem Hause, über dem der Name Gottes genannt wird, noch einmal würde zu meiner lieben Gemeinde sprechen können. Der Allgütige hat mir geholfen und die Macht der schweren Krankheit ge­brochen. Nun ist es mir heute ein Herzensbedürfnis, der ganzen Gemeinde, den Vorstehern und allen Mit­gliedern, herzlichst zu danken für die liebevolle Nach­sicht, die sie mir gegenüber geübt haben. Wie klingt das Wort des Psalmisten wieder in jedem fühlenden Herzen „Wenn meine Kraft dahin­schwindet, verlass mich nicht“. Dieser Wunsch wurde mir gegenüber in schönster Weise erfüllt, und ich danke von Herzensgrund allen Männern und Frauen, die mir so viele liebevolle Teilnahme während meiner Krank­heit bezeugt haben. Es ist für mich ein erhebendes Bewusstsein, dass ich nach beinahe vierzigjähriger Wirk­samkeit so viel Liebe geerntet habe. Möge Gott jeden Einzelnen segnen für die Treue, die er mir erwiesen, und mein Gebet erhören, meine schwachen Kräfte auch fernerhin der Gemeinde widmen zu können.

Und nun stehen wir heute angstvoll und beklommen vor der Pforte der Zukunft. Was wird sie uns bringen? Zu König Salomo, von dem erzählt wird, dass er auch über die Dämonen, die unsichtbaren Geister, herrschte, wurde einst der Dämon Aschmedaj gerufen. Als man an  einem  Hochzeitszug vorbei kam,   der mit  Cymbeln und Pauken, mit Reigen und Schalmeien fröhlich dahinzog, fing der Dämon bitterlich zu weinen an. Dann führte sie der Weg an einem Wahrsager vorüber, der auf einem Stein sitzend für Geld die Zukunft enthüllte, da lachte der Dämon, und er konnte sich gar vor Lachen nicht fassen, als sie einen Mann sahen, der sich auf dem Markte ein Paar Schuhe erhandelte, die aber, wie er verlangte, so stark sein müssten, dass sie sieben Jahre ganz blieben. Da fragte ihn der König: „Warum hast du geweint, warum hast du gelacht?“ Und der Dämon antwortete: „Als ich das junge Paar so fröhlich dahinziehen sah, musste ich weinen, denn ihr Glück wird nicht lange dauern. Dort, wo jetzt die Schalmeien klingen, werden bald Klagelieder erschallen, dort, wo jetzt der Jubel tönt, werden bittere Tränen fliessen. Und sollte ich über den Wahrsager nicht lachen, der die Zukunft enthüllt, und der nicht einmal die Gegenwart kennt, denn unter dem Stein, auf dem er sitzt, liegt ein Schatz verborgen, von dem er keine Ahnung hat. Und wie sollte ich nicht lachen über den Mann, der sich Schuhe bestellt für sieben Jahre, da ich sein Schicksal kenne und weiss, dass er nicht sieben Wochen mehr zu leben hat!“

Ist dieses Wort nicht tief bedeutsam für uns Alle? Wir sorgen für Jahre und Jahrzehnte hinaus und wissen doch nicht, ob wir sie erleben werden, wir weinen dort, wo schon die Freude winkt, und wir jubeln, ohne zu wissen, was der nächste Tag bringen wird.                        .

Geht es uns nicht allen wie jenem König, der beim üppigen Gastmahl sass, und plötzlich erschien an weisser Wand eine Hand, die mit feuriger Schrift Worte schrieb, und „schrieb und schwand“. Ach, wir sehen die Schicksalshand nicht und sehen nicht die Schrift, und doch wissen wir, wie es in unserm Gebete steht: „an diesem Tage sitzt Gott auf seinem Richterthron, und vor Ihm ist aufgeschlagen das Buch des Lebens und das Buch des Todes.“ Wissen wir, ob auch wir werden eingeschrieben werden in das Buch des Lebens, in das Buch der Gesundheit, in das Buch des Glückes?

Fühlen wir nicht heute wie jener Schiffer, der auf leichtgezimmertem Fahrzeug auf dem Meere vom Sturm überrascht wird? Es brausen die Wogen und branden die Wellen, und die Fluten drohen, das Schiff zu verschlingen. Dichter Nebel verhüllt alle Aussicht, und der Schiffer kennt sich nicht mehr aus. Er weiss, Sandbänke drohen zur Rechten, ein Felsenriff dräut zur Linken. Welchen Weg soll er steuern? Da strahlt vor ihm ein helles Licht auf. Es sind die Lichtkegel, die der Leuchtturm wirft, und nun findet er sich zurecht. Nun weiss er den Weg, und jetzt kann er mit sicherer Hand in den schützenden Hafen steuern. — So ergeht es auch uns. Was die Zukunft bringt, ist mit dichtem Nebel verhüllt. Da leuchtet vor uns der Glaube an Gott als der rettende Leuchtturm auf. „Gott ist mein Licht und meine Hilfe, Gott ist meines Lebens Wehr!“ So wollen wir mit dem Psalmisten sprechen, und ohne Furcht und in festem Vertrauen auf die göttliche Waltung wollen wir einziehen in das neue Jahr. Wir sind schwache Menschen; an den starken Gott wollen wir uns anlehnen, wie der Psalmist uns lehrt: „wirf auf Gott deine Sorgen, Er wird sie dir abnehmen.“ Wohl wird Er nicht alle deine Wünsche erfüllen, nicht alle deine Gebete erhören. Aber gewöhne dich daran, auf Gott zu bauen; gewöhne dich zu denken: „auch dieses zum Guten.“

Aber können wir alle sprechen: „Gott ist mein Licht und meine Hilfe, Gott ist meines Lebens Wehr?“ Kann der sprechen, „Gott ist mein Licht,“ der an Gott nicht glaubt,  der von  Gott nichts wissen will,  den sein Weg nicht ins Gotteshaus führt? Kann der sprechen, „Gott ist meine Hilfe,“ der da sagt, „meine Kraft und mein Verstand haben mich reich gemacht,“ der da spricht, „ich kenne keinen Gott, wer ist der Gott, auf dessen Stimme ich hören soll?“ Kann der sprechen, „Gott ist meines Lebens Wehr,“ der nur dem Mammon dient und dieses Leben auffasst als einen Ort des Vergnügens?

Diese Frage ist unabwendbar und unabweisbar. Sie lehrt uns, wie wir die heilige Festzeit richtig auffassen müssen, als Tage heiliger Berufung, an denen wir uns unseres eigentlichen Berufes, unserer wahren Bestimmung und unseres höheren Lebenszweckes wieder bewusst werden wollen. Du kommst hierher, um Gott deine Wünsche vorzutragen. Nicht auf diese kommt es an, sondern auf Gottes Willen, nicht das, was du willst, ist die Hauptsache, sondern das, was du sollst. Morgen ergeht an uns alle des Schofars Schall; es ist der Ruf Gottes aus den Höhen, der Ruf des Hirten an seine Herde. Kehret um, ihr abtrünnigen Kinder! Kehret um zu eurem heiligen Vater! Das ist der Sinn und die Bedeutung der heiligen Festzeit.

Noch vieles hätte ich zu sagen, doch will ich mich beschränken auf ein einziges Wort, das wir wie ein Motto in das neue Jahr hinübernehmen sollen. Von unserem Stammvater Jakob wird erzählt: „und Jakob kam ganz nach der, Stadt Sichem im Lande Kanaan.“ Was bedeutet dieses Wort „ganz“? Im Midrasch wird es uns erklärt: Er kam „ganz mit seiner Lehre, ganz mit seinem Vermögen, ganz mit seinen Kindern.“ Wenn doch dieses Wort auch von uns gelten möchte!

Er kam ganz mit seiner Lehre. Es wird von einem Naturforscher erzählt, der im Mittelalter zum Tode durch das Feuer verurteilt wurde, weil er Gott geleugnet habe. Als er den Scheiterhaufen besteigen sollte, griff er einen Strohhalm auf und zeigte ihn allem Volk und sprach: „Und wenn ich Gott leugnen wollte, dieser Strohhalm würde sein Dasein beweisen, denn wer hat diesen Halm geschaffen?!“ Dieses Wort gilt auch für uns Juden: wenn alle Völker Gott leugnen wollten, wir könnten es nicht. Unsere Existenz allein beweist schon das Dasein Gottes. Sind wir nicht das kleinste Volk unter den Völkern, die schwächste unter den Nationen, verstreut allüberall, verfolgt, bedrängt von Allen und dennoch das einzige Volk, das aus dem Altertum sich erhalten hat? So wollen wir denn ganz mit unserer religiösen Überzeugung in das neue Jahr einziehen. Nicht heute fromm und morgen gottlos, heute gläubig und morgen zweifelnd, sondern ganz in der Überzeugung: es gibt einen Gott, es ist der Gott unserer Väter, und seine Gebote sollen uns, wie unsern Vätern, heilig sein.

Ganz mit unserm Vermögen. Das Wort Vermögen sagt schon, was der Reichtum für den Menschen bedeuten soll. Er gibt uns die Kraft, verleiht uns das „Vermögen“, Gutes zu tun, und wer reich ist, heisst nach deutschem Sprachgebrauch „bemittelt“, das will sagen: er hat die Mittel, den Armen zu helfen, die Schwachen aufzurichten. Aber wie viele Menschen gibt es, die besitzen gar nicht ihr Vermögen, sondern ihr Vermögen beherrscht sie! Ganz mit unserm Vermögen, bereit, es für gute Zwecke herzugeben, wollen wir die Schwelle zum neuen Jahre überschreiten.

Und ganz mit unsern Kindern. Wenn wir nur allein kommen und unsere Kinder bleiben fern und gehen andere Wege, wie stehen wir da? Haben wir dann unsere Pflicht  erfüllt?    Soll  das   Judentum  nach  einer  ruhmreichen Geschichte von Jahrtausenden ruhmlos enden? So sei es unser Vorsatz, ganz mit unsern Kindern, die Saaten der Gottesfurcht stets wieder in sie streuend, einzuziehen ins neue Jahr.

Zu Dir aber, o Allgütiger, richten wir unser Gebet empor, in dieser Feierstunde des jüdischen Jahres. Nicht für uns allein bitten wir, sondern auch für die Stadt, in der wir wohnen, für das Land, das uns als seine Bürger aufgenommen hat. Segne, o Allgütiger, unsere Stadt und unser Land und gib ihm Aufblühen und Gedeihen; denn es gilt das Wort des Propheten: an ihr Wohl ist das unsrige geknüpft. Segne, o Allgütiger, alle Juden, wo immer sie zerstreut über die weite Erde wohnen, und gib, dass endlich die Zeiten nahen, in denen Hass und Bosheit verschwinden und der Jude als Mensch unter Menschen lebt. Segne, o Allgütiger, unsere ganze Gemeinde, ihre Vorsteher und Leiter und alle diejenigen, die selbstlos sich den Angelegenheiten der Gemeinde widmen. Segne, o Allgütiger, unsere wohltätigen Einrichtungen und gib, dass sie den Armen helfen und die Dürftigen aufrichten. Segne, o Allgütiger, unsere Schule und gib, dass in ihr ein Geschlecht heranwachse, das mit ganzem Herzen unser Judentum liebt und seine Gebote heilig hält. Segne, o Allgütiger, die Männer und die Frauen, die Greise und die Kinder! Gib, dass unsere Kinder zu unserer Freude heranwachsen, als brave Menschen und als fromme Juden. Gib uns Allen aus Deinem Gnadenschatze Heil und Gedeihen! „denn bei Dir ist die Quelle des Lebens, in Deinem Licht schauen wir Licht.“

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Teschuwo


Lasst uns unser Herz in unsere Hände nehmen, Um es emporzurichten zu Gott im Himmel.
Klagelieder 3, 41.

Nirgends zeigt sich der Unterschied zwischen der jüdischen Mentalität und derjenigen der andern Völker deutlicher als in der Art, wie wir und wie sie das Neujahrsfest feiern. Mit einem Scherzwort auf den Lippen, den Becher in der Hand, so treten die Menschen, in deren Mitte wir wohnen, in ein neues Jahr ein. Es ist, als ob ihnen das Wort des alten Dichters vorschwebt: Carpe diem! Geniesse das Leben! Ganz anders wir Juden. Mit ernsten Gedanken erfüllt uns die Jahreswende. In unsern Gotteshäusern ziehen wir das Sargenes, die Sterbekleider an, die eine stumme, aber eindringliche Sprache reden, und der Schofar tönt an unser Ohr als ein Weckruf unseres himmlischen Vaters, der uns an unsere Pflicht mahnt, die oft vernachlässigte, und uns auffordert, die kurze, auf Erden uns zugemessene Zeit zu benützen, um Gutes zu tun, so lange Er uns Leben, Kraft und Gesundheit schenkt.

Ein neues Jahr des Daseins beginnt. Was wird es uns bringen? Dies ist die Frage, die uns alle bewegt. Unsere Schrifterklärer werden nicht müde, sie in unzähligen Formen zu variieren.
Es erhält jemand, so sagt einer von ihnen, einen Brief mit einem fremdartigen Siegel. Unruhig und besorgt prüft er ihn, ehe er ihn öffnet. Was mag der Brief enthalten? Gute oder böse Kunde, Mitteilung von Freud oder Leid? Und da er ihn geöffnet hat, starren ihm geheimnisvolle Zeichen entgegen, die er nicht lesen kann, die er nicht zu entziffern versteht. Ist nicht das neue Jahr ein solcher Brief? Zagend stehen wir am Anfang der neuen Zeit. Was birgt sie in ihrem Schosse? Gutes oder Böses, Heil oder Unheil? Wir können die geheimnisvolle Schrift nicht lesen, nur das eine wissen wir, „die Schrift ist die Schrift Gottes“, der über unser Schicksal entscheidet.

Dunkel liegt die Zukunft vor uns. Was aber können wir tun, damit wir ihr vertrauensvoll entgegenblicken dürfen?

„Wehe dem, der dahingeht mit seiner Last,“ so sagt einer der Weisen des Talmud. Was meint er damit? Da ist ein Steg, der über ein tiefes, reissendes Gewässer führt. Diesen Steg müssen wir alle beschreiten. Werden wir glücklich hinüber kommen? Werden wir das jenseitige Ufer erreichen? Werden wir weiterleben oder abberufen werden? Schmal ist der Steg und ohne Geländer, gefährlich ist der Weg. Heil dem, der festen, aufrechten Ganges, ruhigen Herzens, im Bewusstsein der erfüllten Pflicht ihn beschreitet. Doch angstvoll geht derjenige, der eine drückende Last auf seinen Schultern trägt. Je schwerer die Last, umso gefahrvoller der Weg, um so grösser die Furcht, dass das Gewicht ihn herabzieht, dass er ausgleitet und stürzt. Die Last auf unsern Schultern, das sind unsere Sünden und Vergehungen. Werfen wir sie ab, die Last unserer Verschuldung, und ruhiger und zuversichtlicher können wir der Zukunft entgegen gehen. So mahnen uns die heiligen Tage, ernst und streng mit uns ins Gericht zu gehen und reuig zu Gott zurückzukehren, ein Ende zu machen mit unserm sündhaften Lebenswandel und durch Teschuwo, durch Umkehr zu Gott die Verzeihung des Allmächtigen zu erlangen. Angstvoll fragen wir uns, was Gott wohl einschreiben wird auf das Blatt des neuen Lebensjahres, das Er uns schenkt. Nun, es hängt von uns ab. „Umkehr, Gebet und Wohltätigkeit wenden ab das böse Verhängnis.“ Schreiben wir auf unser neues Lebensblatt unsere guten Vorsätze, unsere reinen Absichten, und Gott wird uns erhören und uns die Kraft geben, sie auszuführen.
Wie müssen wir dem Allmächtigen dafür dankbar sein, dass Er in diesen heiligen Tagen uns den Weg zur Rückkehr weist. Wer wäre so gut und edel, dass er nicht nötig hätte, sich zu bessern? Wer hätte das Recht, mit sich zufrieden zu sein? Wer hätte nicht Ursache, Reue zu empfinden über so manches, was er getan, über so vieles, was er unterlassen?

Es ist aber auch niemand ausgeschlossen von der Rückkehr „Sei kein Bösewicht vor dir selbst.“ Halte dich nicht für zu schlecht, um den Weg der Umkehr zu beschreiten; Gottes Vaterarme sind einem jeden geöffnet, der reuig zu Ihm zurückkehrt.

Wie oft sagen wir in diesen heiligen Tagen die Worte: „Allgütiger, Allgütiger“, und rufen den Gottesnamen zweimal hintereinander an. Warum zweimal? Raschi sagt es uns, aber schwer verständlich sind seine Worte. „Gott ist der gleiche,“ so meint er, „ehe wir gesündigt, und der gleiche, nachdem wir gesündigt haben.“ Ein tiefer Sinn liegt in dieser Bemerkung. Ein irdischer König darf schwere Beleidigungen nicht vergeben, weil sonst seine Autorität leiden würde. Gottes Autorität aber leidet nicht, wenn Er uns verzeiht. Er wird nicht grösser, wenn wir gut sind, und bleibt nicht minder gross, wenn wir uns gegen seine Gebote verfehlen. Vergib uns doch, Allmächtiger, so rufen wir daher aus, denn Du kannst es, bleibst Du doch der gleiche grosse, gütige Gott, auch wenn wir gegen deinen heiligen Willen gefrevelt haben. Du willst ja nur unser Bestes und unser Glück. So sieh auf unsere Reue und unsern Schmerz, blicke auf die guten Vorsätze, die wir fassen, und nimm unsere Busse an.

Freilich liegt auch ein anderer Gedanke nahe. Wir berufen uns so gerne zu unserer Entschuldigung auf das Milieu, in dem wir uns befinden, auf die Zeit, in der wir leben, und die der Gottesfurcht nicht gerade günstig ist. Die Zeiten, so sagt man, haben sich geändert, und gar schwer ist es heute, die Gebote der Religion zu erfüllen. Aber in allem Wechsel der Zeiten ist Gott der gleiche geblieben, der gleiche, „ehe und nachdem wir gesündigt“. Er hat sich nicht geändert. Der alte Gott lebt auch in der neuen Zeit, und ewig und unveränderlich bleibt sein Gesetz. Nicht nach den schwankenden Anschauungen der Menschen, nicht nach den Ideen der Zeit, die dem Wechsel unterworfen sind, wollen wir uns richten, sondern in der Thora, dem ewigen Worte Gottes, wollen wir das Leitziel unseres Lebens aufs neue suchen und finden, zu Gott wieder emporrichten unser Herz.

Wie gross der Wert und die Bedeutung der Teschuwo ist, geht wohl am besten aus einem eigentümlichen Ausspruch unserer Weisen hervor. Gott wollte die Welt schaffen ohne Teschuwo, aber sie hatte keinen Bestand. Da schuf Gott die Teschuwo, und nun erst konnte die Welt bestehen.

Einer unserer Erklärer macht uns diesen Satz mit einem Gleichnis verständlich. Es war einmal eine Fabrik gegründet worden, welche allerlei Geräte herstellte. Vorzügliche Maschinen, ausgezeichnetes Rohmaterial, geschulte Arbeiter, tüchtige Leiter und Werkführer stellten den Erfolg, wie es schien, ausser Frage. Dennoch zeigte es sich zur allgemeinen Überraschung am Ende des Jahres, dass die Fabrik mit einer bedeutenden Unterbilanz gearbeitet hatte. Es stellte sich heraus, dass es unter den Geräten überaus viel Abfall gab, zahlreiche Gegenstände, die brüchig, fehlerhaft und unbrauchbar waren. Da kam der Besitzer der Fabrik zu dem Entschluss, das Unternehmen eingehen zu lassen, es sei denn, dass sich für den Abfall auch eine Verwendung finde, und die schadhaften Geräte wieder nutzbar gemacht und dem Gebrauche zugeführt werden könnten. Die Fabrik in diesem Gleichnis ist die Welt. Gott hat sie geschaffen, damit die Menschen Ihm in Freiheit dienen und dadurch glücklich werden. Doch es gab und gibt in der Menschheit zu viel Abfall und Sünde, Leichtsinn und Genußsucht, Falschheit und Gottlosigkeit. Der Bestand der Welt war gefährdet. Da schuf Gott die Teschuwo und gab damit den Menschen, die ihre Ideale verloren haben, die Möglichkeit, sie wieder zu gewinnen, und gab ihnen die Kraft, aus niedriger Gesinnung und sittlichem Verderben sich wieder zur Reinheit und zu einem Gott wohlgefälligen Leben empor zu arbeiten. „Wir wollen unser Herz in unsere Hände nehmen, zu Gott im Himmel.“
Wie oft hört heute der Gesetzestreue den Vorwurf, er gebe zu viel auf die Äusserlichkeiten der Religion. Nicht auf diese, sondern auf den Kern komme es an, das seien die Gedanken der Sittlichkeit, der Heiligkeit, des Edlen und Guten, die das Wesen der Religion ausmachen. Aber mit den Worten des grossen Dichters können wir erwidern: „Natur ist weder Kern noch Schale, alles ist sie mit einem Male.“ Was für die Natur gilt, gilt auch für die Gotteslehre. Auch die scheinbar äusserlichen Gebote führen zur Verinnerlichung der Religion und machen das Leben zu einem Dienste Gottes. Die Vorschriften unserer Thora, die unser ganzes Dasein umhegen und auf Schritt und Tritt uns begleiten, tragen zur Hei¬ligung des Lebens bei, zu der Erkenntnis, dass wir nicht auf Erden sind, um nach dem Belieben unseres Herzens zu wandeln, dass diese Welt nicht ein Ort des Vergnügens und der Lust ist, sondern dass wir eine Aufgabe auf Erden haben, die Pflicht, nach Gottes heiligem Willen zu leben und in dieser Welt, in der wir nur Fremdlinge sind, auf ein höheres Dasein uns vorzubereiten.

Aber werden nicht gerade die heiligsten Tage des Jahres von vielen unserer Glaubensgenossen rein äusserlich erfasst? Wohl hört man den Schofarschall am Roschhaschana, aber man vernimmt ihn ohne Ergriffenheit. Der Ton dringt ans Ohr, aber nicht ins Herz, und die wenigsten geben sich Rechenschaft über die Bedeutung dieses Rufes, den Gott an der Wende des neuen Jahres an uns ergehen lässt. Wohl sagt man am Jom Hakipurim die vorgeschriebenen Gebete, aber man bleibt ungerührt; wohl klopft man an die Brust, weil es auch der Nachbar tut, aber das Herz wird nicht weich und öffnet sich nicht. Man fastet auch an dem heiligen Tage, spähend, ob der Zeiger der Uhr bald das Ende der Kasteiung verkünde. Aber die innere Bedeutung des hohen Festes kommt nur den wenigsten zum Bewusstsein; ungeläutert und ungebessert lässt man die heiligen Stunden scheiden, die Gott zu unserer Veredelung und Erhebung eingesetzt hat, und am Tage nach Jom Kippur sind wir die gleichen Sünder wie zuvor. Es fehlt eben die Teschuwo, die reuige Rückkehr und Umkehr zu Gott. Wenn diese aber fehlt, so fehlt alles, so haben die von Gott eingesetzten festlichen Tage ihre Bestimmung verfehlt. „Wir wollen unser Herz in unsere Hände nehmen, um es emporzurichten zu Gott im Himmel!“ Einer der alten Erklärer sagt uns hiezu ein Gleichnis.

Ein Landmann hörte einst, wie im Garten seines Nachbars eine Nachtigall mit süssen, schmelzenden Tönen ihr Lied sang. Er bat den Nachbar, ihm die Nachtigall zu verkaufen. Aber als sie endlich handelseinig geworden waren, war die Nachtigall längst davongeflogen und liess ihr Lied in andern Gärten ertönen. Wir möchten gerne unser Herz zu Gott erheben, aber sind wir denn noch Herren und Meister unseres Herzens? Ach, das Herz von gar vielen ist verankert in ihren Geschäften, ist unlösbar verknüpft und verwoben mit allen Eitelkeiten und Torheiten der Welt. Erst müssen wir wieder Herren unseres Herzens werden, erst wieder Macht gewinnen über unser Inneres. Erst müssen wir erkennen, dass es unser nicht würdig ist, unser Herz zu hängen an Geld und Gut, das wir einst zurücklassen werden in unserer Todesstunde, an sinnliche Vergnügungen und Zerstreuungen, die uns wertlos erscheinen werden, wenn wir von hinnen gehen. Erst müssen wir einsehen, dass wir auf Erden sind, um gut und fromm zu sein und unserm himmlischen Vater zu gefallen, dann erst, wenn wir unser Herz in unsere Hände genommen haben, dann erst können wir es erheben zu unserm Gott im Himmel!

Ein neues Jahr beginnt. Wiederum ruft der himmlische Vater seine Kinder zur Teschuwo auf. Wie oft wir diesen Ruf noch vernehmen werden, wissen wir nicht. Lassen wir ihn dieses Mal nicht ungehört verhallen; wir wollen nicht bloss Vorsätze zum Guten fassen, sondern sie auch ausführen. Wir wollen besser und reiner werden, wollen wieder Juden sein, wie es unsere Väter waren, die ihr Judentum opferfreudig liebten mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzer Kraft. Der Allgütige aber schaue auf unsere Teschuwo, Er erhöre unsere Gebete zum Guten und segne uns, ganz Israel und die ganze Menschheit mit einem Jahre des Glückes und des Friedens!

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Sittlichkeit als Grundforderung des Judentums

Im Judentum ist die sittliche Forderung ein Grundsätzliches, ein Tragendes der Religion. Die Ethik ist hier zur Religion nicht hinzu­gefügt, sondern ein Wesentliches in ihr. Ohne sie gibt es hier keinen Glauben an die Bedeutung des Lebens noch an das, was über das Leben hinausgeht. Das Neue, das der Glaube Israels der Welt ge­bracht hat, wurzelt in diesem bestimmten ethischen Charakter, der ihm eigen ist.

Der Monotheismus Israels ist der ethische Monotheismus. Die Einheit Gottes ist erkannt worden, weil die göttliche Heiligkeit erkannt worden ist. Der eine Gott, den die Propheten verkündet haben, ist der eine, nicht etwa weil er allein das ist, was die Götter der Heiden zusammen sind, sondern er ist der eine, weil er anders als sie ist, weil das eine Gute in ihm seine Wirklichkeit und Gewissheit hat. Neben dem einen sittlichen Gott können keine andern Götter sein, weil die eine Sittlichkeit nichts andres neben sich duldet. Der einig-einzige Gott und der heilige Gott, das bedeutet hier das gleiche. Der eine Gott verkündet dem Menschen, was das eine Gute ist: Gerechtigkeit und Liebe zu üben. Darin liegt der Unterschied zwischen ihm und den vielen Göttern.

Der Glaube an den einen Gott ist so aus der Unteilbarkeit der Gewissensforderung hervorgewachsen. Der Satz: „Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig“ und der andre Satz: „Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft“ gehören unlösbar  zusammen. Mit all dem, was in uns ist und was uns gegeben, können wir nur dem einen Gotte dienen, und nur der eine Gott kann es gebieten, dass das ganze Herz, die ganze Seele und die ganze Kraft des Menschen sich ihm hingeben. In der sittlichen Einheit seiner Seele wurde dem israelitischen Menschen die Einheit Gottes bewusst.

Gott erkennen bedeutet hier nicht, sein Wesen verstehen, sondern sein Walten begreifen, den Weg des Rechten sehen und gehn, den Gott gewiesen hat, den einen Weg, der für alle die verschiedenen, mannigfaltigen Menschen der gleiche ist. Die Wege Gottes sind die Wege, die der Mensch suchen soll. Auf ihnen kann er sich Gott zuwenden, Gott anhangen. Erst durch die Treue gegen Gottes Gebot, gegen die sittliche Forderung, die von ihm dem Menschen gestellt ist, tritt er vor den einen Gott hin, um ihm zu dienen. Je mehr wir wahre sittliche Menschen sein wollen, desto näher sind wir Gott, desto näher ist er uns. Wir können ihn immer finden, wenn unser ganzes Herz sich seinem Gebote zukehrt.

Hierdurch gewinnt das Leben des Menschen seinen Sinn. In ihm ist ein Wirkliches: das Gute. Und dieses Gute, dieses Sittliche vermag der Mensch zu schaffen, er vermag es zu verwirklichen. Darin bildet er sein Leben, er wird ein Schöpfer des Guten, das Ebenbild des einen Gottes. So viel des Guten gibt es auf Erden, wie Menschen Gutes tun, Gutes ins Dasein rufen. Das Leben ist von Gott dem Menschen gegeben, und er selbst soll es gestalten und bereiten. Dadurch, dass er das Rechte übt, „erwählt er das Leben“, wird er der Schöpfer seines Daseins.

In der sittlichen Tat wird damit der Mensch des Könnens, das in ihm ist, bewusst, in ihr kann und soll er sich entscheiden, in ihr erfährt er um seine Freiheit. Das Gute und das Böse ist vor ihn hingestellt, damit er wähle. Auch die Freiheit ist eine sittliche Aufgabe, die Gott in das Menschenleben hineingelegt hat, damit sie erfüllt werde. Der Wille zum Guten ist der Wille zur Freiheit und der Wille zum Leben. Das Leben zu wählen und zu gestalten, das ist die Forderung, die das Judentum an den Menschen richtet.

Das Leben des Menschen steht so nicht unter der Schicksalsbestimmung,  die über ihn verhängt ist, sondern unter der Entscheidung,  die er selbst trifft. Sein Ziel ist ihm gegeben, zu dem seine Freiheit ihn hinführt. Er vermag, wenn er von ihm sich abgewendet hatte, umzukehren, um jetzt den Weg zu gehn, auf dem er Gott findet. Er kann sich versöhnen, sich reinigen. Seine Tat, die sittliche Tat, ist es, die die Versöhnung schafft. Nicht das Wunder und nicht ein Sakrament bringt sie, sondern die Freiheit, die in ihn gelegt ist. Und in der Versöhnung schafft sich der Mensch dann die neue Freiheit und damit die neue Verantwortung; sie wird zum Wege, zur neuen Aufgabe.

Wie dem einzelnen ist dieses Ziel der Menschheit gesetzt. Ihr Ziel ist die Erfüllung des Guten auf Erden, die Verwirklichung dessen, worin allein die Menschheit ihr Leben findet, ihr Leben erwählt. Über 12

ihr steht das unendliche sittliche Gebot, mahnend und fordernd. Die Zukunft wird damit zur Aufgabe. Der Sinn der Geschichte ist, dass das Gute mehr und mehr sein Dasein besitze. Nur in ihm hat sie ihr Bestehendes und Dauerndes; nur das lebt weiter, was durch die sittliche Tat leben will. In dieser Gewissheit liegt der Glaube des Judentums  an die Zukunft.

Im Judentum sind die Gedanken oft mannigfaltige Wege gegangen. Aber in diesem Einen sind sie immer übereingekommen und zu diesem hat die Entwicklung immer bestimmter hingeführt, dass Frömmigkeit und Gottesfurcht sich auf die sittliche Tat gründen, dass der Mensch Gott findet, nur wenn er weiß, dass Gott in der Erfüllung des Guten ihm den Inhalt seines Lebens gegeben hat.

 

Bibel

1:  Ich habe ihn [Abraham] erkoren, damit er seinen Kindern gebiete und seinem Hause nach ihm, dass sie den Weg des Ewigen wahren: zu üben Gerechtigkeit und Recht. — 1. B. Mos. 18, 19.

2:  Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott. — 3. B. Mos. 19, 2.

3:  Und nun, Israel, was verlangt der Ewige, dein Gott, von dir? Doch nur, dass du fürchtest den Ewigen, deinen Gott, dass du in allen seinen Wegen wandelst und ihn liebest und dienest dem Ewigen, deinem Gott, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele. — 5. B. Mos. 10, 12.

4:  Denn dies Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht verborgen und nicht fern; es ist nicht im Himmel, dass du sagest: Wer steigt für uns in den Himmel und holt es uns und macht es uns kund, dass wir es befolgen? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagest: Wer zieht für uns über das Meer hin und holt es uns und macht es uns kund, dass wir es befolgen? Sondern sehr nahe ist es dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, es zu tun. — 5. B. Mos. 30, 11—14.

5:  Waschet euch, reinigt euch, schaffet euer böses Tun aus meinen Äugen, höret auf, Böses zu tun. Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, steht dem Vergewaltigten bei, sprechet Recht der Waise, nehmet euch der Witwe an. — Jesaja 1, 16—17.

6:  Wer in Gerechtigkeit wandelt und aufrichtig redet, wer Gewinn durch Bedrückung verschmäht, wer seine Hände schüttelt, dass sie nicht Bestechung nehmen, sein Ohr verstopft, dass es nicht auf Blutrat höre, sein Auge zudrückt, dass es auf das Böse nicht schaue, der wird auf Höhen wohnen, Felsenfesten sind seine Burg, sein Brot ist ihm gegeben, sein Wasser versiegt nicht. — Jesaja 33, 15—16.

7:  So spricht der Ewige: Wahret Recht und übet Gerechtigkeit, denn nahe ist meine Hilfe zu kommen, und mein Heil, sich zu offenbaren. — Jesaja 56, 1.

8:  Es kommen Tage, spricht der Ewige, an denen ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließe. Nicht wie jener Bund, den ich geschlossen habe mit ihren Vätern an dem Tage, da ich sie bei der Hand fasste, sie herauszuführen aus dem Lande Ägypten, welchen Bund sie später gebrochen haben, und ich bin doch ihr Herr, spricht der Ewige. Sondern dies ist der Bund, den ich mit dem Hause Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der Ewige: Ich lege meine Lehre in ihr Inneres, und auf ihr Herz werde ich sie schreiben, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. — Jeremia 31, 31—33. 9: Er hat dir kundgetan, o Mensch, was gut ist. Und was fordert der Ewige von dir? Doch nur Recht tun, Güte lieben und in Demut wandeln mit deinem Gott! — Micha 6, 8.

10: Ewiger, wer darf in Deinem Zelte weilen. Wer darf auf Deinem heiligen Berge wohnen? Wer in Geradheit wandelt und Recht übt und Wahrheit redet in seinem Herzen. Wer auf seiner Zunge nicht Verleumdung trägt, seinem Nächsten nicht Böses tut und Schmähung nicht spricht gegen seinen Nebenmenschen. Der Verächtliche ist in seinen Augen verachtet, aber die den Ewigen fürchten, ehrt er; er schwört zu seinem Schaden und ändert es nicht. Sein Geld leiht er nicht auf Zins aus, und Bestechung gegen einen Unschuldigen nimmt er nicht. Wer solches tut, wankt nimmer. — Psalm 15.

11: Wer darf steigen auf den Berg des Ewigen und wer stehn an seiner heiligen Stätte? Wer reiner Hände und lauteren Herzens ist, wer nicht zu Eitlem seine Seele erhebt und nicht zum Truge schwört. Er trägt Segen heim vom Ewigen und Gnade von dem Gotte seines Heils. — Psalm 24, 3—5.

12: Den Ewigen fürchten ist das Böse hassen. — Sprüche 8, 13.

13: Zum Menschen spricht er: Sieh, Furcht des Herrn ist Weisheit, und vom Bösen weichen ist Einsicht. — Hiob 28, 28.

14: Habe ich je missachtet das Recht meines Knechtes oder meiner Magd in ihrem Streite mit mir? [Denn ich dachte stets:] Was tu ich, wenn Gott aufsteht, und wenn er es rügt, was erwidere ich ihm? Hat nicht im Mutterschoße, der mich gebildet, auch ihn gebildet, und Einer uns im Mutterleibe bereitet?  Habe ich Armen ein Begehren versagt   und die Augen einer Witwe schmachten lassen?   Habe ich meinen Bissen allein gegessen, aß nicht die Waise davon?   Von meiner Jugend an wuchs sie mir doch auf wie einem Vater, und wie vom Leibe meiner Mutter führte ich sie. Habe ich einen Umherirrenden ohne Kleid gesehen und ohne Hülle den Dürftigen? Seine Hüften priesen mich, und mit meiner Schafe Schur erwärmte er sich. Habe ich gegen eine Waise meine Hand erhoben, weil ich am Tor [bei Gericht] meinen Beistand sah, dann falle meine Schulter aus dem Blatt, und werde mein Arm aus der Röhre gebrochen.  Schrecken überkäme mich, das Unheil Gottes; ob seiner Erhabenheit vermöchte ich nichts.  Habe ich Gold zu meiner Zuversicht gemacht und zu Kleinodien gesagt: mein Vertrauen?   Habe ich mich gefreut, dass meine Habe groß geworden ist, und dass meine Hand viel erworben hat?  Habe ich mich gefreut über das Unglück meines Feindes, und habe ich gejubelt, dass ihn Böses getroffen hat? Ließ ich doch meinen Mund nicht sündigen,   seine Seele  zu  verfluchen.    Draußen  hat  der Fremde   nicht   übernachten   müssen;   meine Tür  tat   ich   dem Wanderer auf.  Habe ich nach Menschenart meine Vergehn verheimlicht, verborgen in meinem Busen meine Missetat? . . .  Hat mein Acker über mich geschrieen, haben seine Furchen allzumal weint? Habe ich seine Kraft verzehrt ohne Entgelt, habe ich seinem Besitzer das Leben genommen? Hiob 31, 13—25; 29—33; 38—39.

 

Palästinische Apokryphen

1:   Jegliche Weisheit ist Furcht des Ewigen, und in jeglicher Weisheit ist Übung der Lehre. — Sirach 19, 20—21.

2:   Wohlgefallen des Ewigen ist Ablassen von Bosheit, und Sühne ist Ablassen von Unrecht. — Sirach 32 (=35), 5.

3:   Und nun, meine Kinder, machet gut eure Herzen vor dem Ewigen, und machet gerade eure Wege vor den Menschen, so werdet ihr Huld finden vor Gott und Menschen. — Testamente d. 12 Patriarchen II 5, Z. 2—4.

4:   Beobachtet, meine Kinder, die Lehre Gottes, und erwerbet euch Einfalt und wandelt in Unschuld, ohne Vorwitz zu treiben mit den Geboten des Herrn und den Handlungen des Nächsten; vielmehr liebet den Herrn und den Nächsten, erbarmet euch des Armen und Schwachen. — Testamente d. 12 Patriarchen V 5, Z. 1—3.

5:   Habe acht, mein Sohn, auf dich in all deinem Tun, und erweis dich wohlerzogen in deinem ganzen Verhalten, und was dir selbst verhasst ist, das tu keinem andern. — Tobit 4, 14—15.

 

Jüdisch-hellenistische Literatur

1:   Die heiligen Gebote sind zum Zwecke der Gerechtigkeit gegeben worden, um fromme Gedanken zu wecken und den Charakter zu bilden. — Aristeasbrief 144; vgl. auch das.  168.

2:   Und es gibt sozusagen zwei Hauptstücke unter den zahllosen Einzellehren und -sätzen, das eine in bezug auf Gott: Gottesverehrung und Frömmigkeit, das andre in bezug auf Menschen: Nächstenliebe und Gerechtigkeit. — Philo: De specialibus legibus II (de septenario)  (M. II 282, C.-W. 63).

3:   Es ist wahr, was nicht ohne Grund einer der Alten ausgesprochen hat, dass die Menschen nur dann Gott ähnlich handeln, wenn sie wohl tun. Welch höheres Gut aber könnte es geben, als die Nachahmung des ewigen Gottes durch (uns) Sterbliche? — Philo: De specialibus legibus IV (de judice)  (M. II 347, C.-W. 73).

4:   Das ist es vor allem, was der fromme Prophet [Mose] durch seine ganze Gesetzgebung erreichen will: Eintracht, Gemeinschaftsgefühl, Gleichheit der Gesinnung und Harmonie der Charaktere, Eigenschaften, durch die Familien und Städte, Völker und Länder und überhaupt das ganze Menschengeschlecht zur höchsten Glückseligkeit gelangen können. Philo: De virtutibus (de caritate) (M. II 395, C.-W. 119).

5:   Diesem Gott müssen alle gehorchen und in Tugendübung sollen sie ihn ehren; denn das ist der vornehmste Gottesdienst. — Josephus gegen Apion II, 22.

 

Talmudisches Schrifttum

1:   Simon der Gerechte .... tat den Ausspruch: Auf drei Dingen steht die Welt: — Auf der Lehre, auf dem Dienst [Gottes] und auf Liebeswerken. — Sprüche d. Väter I, 2.

2:   Ferner geschah es einst, dass ein Heide vor Schammai trat und zu ihm sprach: Mache mich zum Proselyten [gajjereni], wofern du mich die ganze Thora lehrst, während ich auf einem Fuße steh. Der stieß ihn von sich mit dem Messstab, den er in der Hand hatte. Da ging er zu Hillel, und dieser machte ihn zum Proselyten [gijjero]. Er sagte nämlich: Was dir verhasst ist, das tu keinem andern; das ist die ganze Thora, das andre ist Erklärung — gehe hin und lerne. — Sabbat 31a [vgl. Test. d. 12 Patriarchen VIII b, 1 Z. 15—16; Tobit 4, 15; Philo: Fragmente M. II 629]. 3: „Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst“ (3 M. 19,18). R. Akiba lehrte: Das ist ein Hauptgrundsatz (kelal gadol) der Thora. Ben Asai lehrte: Es gibt noch einen wichtigeren Grundsatz: Das ist das Buch der Entstehung des Menschen . ... im Ebenbilde Gottes schuf er ihn (1 M 5, 1). — Sifra c. 4 [vgl. Albo: Ikkarim (Grundlehren) I, 24].

4:   Rabbi Simlai lehrte:   Die Thora enthält 613 Gebote, und zwar 248 Gebote:  „Du  sollst“, entsprechend den  248  menschlichen Gliedern, und 365 Gebote: „Du sollst nicht“, entsprechend den 365 Tagen des Sonnenjahres.   König David hat sie alle in elf zusammengefasst.   Denn so heißt es (Ps. 15): Ewiger, wer darf in Deinem Zelte weilen?  Wer darf auf Deinem heiligen Berge wohnen? Wer in Geradheit wandelt und Recht übt und Wahrheit redet in seinem Herzen. Wer auf seiner Zunge nicht Verleumdung trägt, seinem Nächsten  nicht Böses tut und Schmähung   nicht spricht gegen seinen Nebenmenschen.   Der Verächtliche ist in seinen Augen verachtet,  aber die den Ewigen fürchten, ehrt er; er schwört zu seinem Schaden und ändert es nicht.   Sein Geld leiht er nicht auf Zins aus, und Bestechung gegen einen Unschuldigen nimmt er nicht. Wer solches tut, wankt nimmer. Der Prophet Jesaja hat sie in sechs zusammengefasst (33, 15—16): Wer in Gerechtigkeit wandelt und aufrichtig redet, wer Gewinn durch Bedrückung verschmäht, wer seine Hände schüttelt, dass sie nicht Bestechung nehmen, sein Ohr verstopft, dass es nicht auf Blutrat höre, sein Äuge zudrückt, dass es nicht auf das Böse schaue, der wird auf Höhen wohnen, Felsenfesten sind seine Burg, sein Brot ist ihm gegeben, sein Wasser versiegt nicht. Der Prophet Micha hat sie in drei zusammengefasst (6, 8): Er hat dir kundgetan, o Mensch, was gut ist. Und was fordert der Ewige von dir? Doch nur Recht tun, Güte lieben und in Demut wandeln mit deinem Gott. Dann hat sie Jesaja wiederum in zwei zusammengefasst (56, 1): Wahret Recht und übet Gerechtigkeit, denn nahe ist meine Hilfe zu kommen, und mein Heil, sich zu offenbaren. Zuletzt hat sie der Prophet Habakuk in einen Satz zusammengefasst (2, 4): Der Gerechte lebt in seiner Treue. — Makkot 23, 24.

5:   Die Thora ist nur zu dem Zweck offenbart worden, die Menschen zu läutern. — Bereschit rabba c. 44.

6:   Jedes der göttlichen Werke ist lauter [Spr. 30, 5]; dies will andeuten, dass die Gesetze Israel gegeben sind, es zu läutern und von Begierden zu reinigen. — Wajjikra rabba c. 13.

 

Mittelalter

1:   Auf jedem in Israel, dessen Tun rein, dessen Herz lauter, dessen Seele ganz bei dem Gotte Israels ist, ruht der Strahl göttlicher Heiligkeit [Schechina]. — Jehuda ha-Levi: Kusari, V, 23.

2:   Was die Lehre Israel befiehlt, hat nur den Zweck, unter Menschen gegenseitige Liebe und Frieden aufrechtzuerhalten. — Buch der Frommen, § 956 (567).

3:   Unsere Weisen haben das Gebot, in Gottes Wegen zu wandeln, also erklärt: So wie Gott gütig genannt wird, so werde auch du gütig, wie Gott barmherzig ist, so werde auch du barmherzig, wie Gott heilig ist, so werde auch du heilig. In diesem Sinne haben die Propheten Gott langmütig, huldvoll, gerecht genannt; — um erkennen zu lassen, dass dieses die guten und geraden Wege sind, auf denen der Mensch wandeln soll, um damit Gott nach Kräften ähnlich zu werden. — Maimonides: Mischne tora hilchot deot (Religionskodex, Ethik) I 6.

4:   Entferne nicht Gott aus deinen Gedanken, vergiss nicht, was er dir getan, lass den fremden Götzen, deine Sinnenlust, nicht herrschen über dich. Handle so, dass du vor dir nicht zu erröten hast, gib nicht der Begierde Gehör, sündige nicht und sprich, du wollest nachher Buße tun, nie gehe ein Schwur über deine Lippen, nie erhebe dein Sinn sich in Hoffart, folge nicht der Augen Lust, verbanne die Hinterlist aus deinem Herzen, die Frechheit von Blick und Gemüt. Sprich nie leere Worte, streite mit niemand, halte dich nicht zu Spöttern, hadre nicht mit Bösen. — R. Eleasar b. Jehuda: Rokeach, übers v. Zunz in: Zur Gesch. u. Lit. I, S. 132.

5:   Der höchste Gottesdienst ist die reine Liebe zu dem Schöpfer. — R. Mose b. Jacob aus Coucy: Aus dem großen Buch der Gebote, Verbote 2. 64. 170; Gebote 3. 16. 74.

6:   Wandle fürder nicht in den Wegen deines Herzens, sondern in der Furcht Gottes und in der Gewissenhaftigkeit gegen seine Gebote: in Keuschheit, Bescheidenheit, Reinheit und Heiligkeit. Fromme Gedanken seien stets in dir. — Mose Cohen b. Eleasar: Das kleine Buch der Frommen, S. 2.

7:   Man könnte annehmen: Maimonides wollte nicht Glaubensdogmen aufstellen, mit denen das Judentum steht und fällt, sondern nur wichtige Prinzipien des Judentums. Ist das der Fall, so schlage ich vor, als ein wichtiges Prinzip des Judentums den Grundsatz zu bezeichnen, dass wir Juden an den Zusammenhang zwischen Gott und Mensch glauben, dass Gottes Heiligkeit immer unter uns vorhanden ist. — Joseph Albo: Ikkarim (Grundlehren) I, 3. 8: Sie   [die   Thora]   ermahnt   zur   Menschenliebe:   „Liebe   deinen Nächsten wie dich selbst!“ (3 M 19, 18).  Sie entfernt den Hass: „Hasse nicht deinen Bruder in deinem Herzen“ (das. 17) und empfiehlt, den Fremden zu lieben: „Und ihr sollt lieben den Fremdling“ (5 M 10, 19), verbietet, ihn zu bedrücken: „Bei dir soll er wohnen, in deiner Mitte, an dem Orte, den er wählen wird in einem deiner Tore, wo es ihm wohl ist; du sollst ihn nicht bedrücken.“ (das. 23,  17).   Und dies bezieht sich nicht auf den bekehrten Fremdling,   sondern   auch auf den  bloßen Beisassen, der nicht Götzen dient. — Joseph Albo: Grundlehren III, 25.

 

Neueres jüdisches Schrifttum

1:   Die Forderung, in den Wegen Gottes zu wandeln, umfasst die gesamte Charakterbildung. Das meinen unsere Weisen mit den Worten: Wie er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig. Der Inbegriff von allem ist, dass der Mensch alle seine Eigenschaften und alle seine Handlungen nach der Geradheit und Sittlichkeit bestimme. — Mose Chajim Luzzatto: Messillat jescharim. (Der Weg der Frommen), übers. v. Wohlgemuth, 1906, Vorrede.

2:   Das Wesen der Heiligkeit besteht darin, dass der Mensch so sehr seinem Gott anhängt, dass er sich in keiner Handlung, die er übt, von ihm trennt oder auch nur entfernt, so dass nicht er von seiner Verbindung mit Gott und von seiner Höhe durch seine Beschäftigung mit dem Irdischen herabgezogen, sondern vielmehr das Irdische dadurch, dass er sich damit befasst, emporgehoben wird. — Mose Chajim Luzzatto: Der Weg der Frommen, c. 26.

3:   Das ist also der Hillelsspruch: „Was dir gehässig wäre,  das tu deinem Nächsten nicht,“ und darum konnte er auch diesen Satz als den Grundbegriff des ganzen Gesetzes geben, denn auch alle übrigen Gesetze sind nichts weiter als Gerechtigkeit und Liebe gegen alle Wesen (oder Erziehung dazu). — S. R. Hirsch: Choreb, 1837, c. 91 § 586.

4:   Gottes Wesen begreifen, das heißt: wissen, dass er gerecht und unbestechlich, barmherzig, gnädig und langmütig ist, wissen, dass, was er tut, wohlgetan ist, wissen, dass er den Menschen zur Tugend bestimmt hat. Nur wer Gott erkennt, vermag so den Menschen zu begreifen. Denn diesen ergründen, das heißt: einsehen, was er vor Gott und für Gott ist, was er nach dem Willen Gottes sein soll, einsehen, dass er geschaffen ist, um gut und edel und glücklich zu sein, heilig wie sein Vater im Himmel. Je mehr wir von Gott erfahren, desto mehr vermögen wir den Menschen zu verstehn, desto mehr lernen wir, wahre Menschen zu sein. Was Gott sagt, und was Gott will, ist das, was für den Menschen gut ist; die Wege Gottes sind die Wege, die der Mensch gehn soll. Auf diesen allein werden wir zu Gott hingeführt, nur in der rechten Tat erschließt sich das Wesen Gottes. Tu deine Pflicht, dann weißt du, wer Gott ist. Je aufrichtiger wir wahre Menschen sein wollen, desto besser erkennen wir also wiederum Gott, und das ist das klarste und reinste Begreifen, das wir von Gott gewinnen können, dasjenige, das wir gewinnen sollen. „Auf allen deinen Wegen erkenne ihn.“ Gott suchen, das ist: nach Gutem streben; Gott finden, das ist: Gutes tun. Von Gott wissen und das Rechte üben sind gleichbedeutende Begriffe. Leo Baeck: Das Wesen des Judentums, 1905, S. 21/22.

5:  Der ethische Charakter, die grundsätzliche Bedeutung des sittlichen Tuns, ist für die israelitische Religion ursprünglich. Wie immer man ihre zeitliche Entstehung ansetzen und wie immer man sich zu der Frage nach ihrem Weiterschreiten stellen mag, das eine steht doch fest, dass von Anfang an, seit die eigentliche israelitische, prophetische Religion vorhanden ist, für sie das Sittengesetz den Angelpunkt bildet. Das Judentum ist nicht nur ethisch, sondern die Ethik macht sein Prinzip, sein Wesen aus. — Leo Baeck, Das Wesen des Judentums, 1905 S. 39.

6:   Gott über alles und den Nebenmenschen wie sich selbst lieben, das fordert die geoffenbarte Lehre wie das Sittengesetz. — M. Bloch: Die Ethik in der Halacha, 1886, S. 9.

7:   Die Ethik aber ist das Lebensprinzip des Judentums. Seine Religion will Sittenlehre sein und ist Sittenlehre. Die Liebe Gottes ist die Erkenntnis Gottes. Und die Erkenntnis Gottes ist die Erkenntnis von dem sittlichen Endzweck des Menschengeschlechts. — Hermann Cohen: Innere Bezhg. d. Kant. Philos. z. Judentum, 1910, S. 59/60.

8:   Die pharisäische Religionsanschauung hat die Wichtigkeit der sittlichen Werke, der Barmherzigkeit und Bruderliebe nie gering geschätzt, sondern in Übereinstimmung mit den Propheten sie immer als das oberste und letzte Ziel des religiösen Lebens hingestellt „Gerechtigkeit und Mildtätigkeit wiegen alle religiösen Vorschriften auf.“ „Wer in seinem Handeln und Wandeln mit den Geschöpfen sich von Treue leiten lässt, dem wird es angerechnet, als hätte er die ganze Thora erfüllt.“ — J. Elbogen: Die Religionsanschauungen der Pharisäer, 1904, S. 27/28.

9:   Tugend und Sittlichkeit galten [bei den Juden] nur als eine Seite der Frömmigkeit, die von Gottesverehrung nicht ablösbar war. Das Schrifttum des Judentums ist wie von religiösen, so von ethischen Gedanken durchdrungen.  Von ihnen erfüllt sind nicht bloß zahllose Moralschriften, Mahnbüchlein, Strafreden und Bußgedichte mit ihren strengen sittlichen Forderungen und der unerbittlichen Geißelung moralischer Schäden, sondern auch die Rechtsgutachten, die oft nur eine praktische Anwendung jener Sittenbücher enthalten, und die Predigten, die den Inhalt der Heiligen Schrift ethisch ausdeuten.    Den gleichen sittlichen Gehalt zeigt das praktische Leben des hart verfolgten und gering geschätzten, aber sittlich gesunden Volkes. — J. Freudenthal: Spinoza I, 1904, S. 29/30. 10: Allein das Judentum sollte nicht bloß einen neuen Gottesgedanken in die Welt bringen, es sollte auch alle menschlichen Verhältnisse verklären und veredeln.  Die Männer, die es aussprachen in der alten Zeit:  Der eigentliche Grund und Nerv der Lehre ist: Was dir missfällt,   das tu auch deinem Nächsten nicht,   das ist der Grund und die Wurzel der Lehre, das übrige ist die Erklärung: Geh hin und lerne sie, oder der Spruch: Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst, das ist der große umfassende Grundsatz der Lehre, oder der andre: Dies ist das Buch der Zeugungen des Menschen, das ist noch ein größerer Grundsatz, Mensch sein und überall den Menschen erkennen und alle Nachkommen gleich und ebenbürtig, — die Hillel, Akiba und Ben Soma [Asai], die solches aussprachen, sie sind die Säulen und Träger des Judentums, und wir müssen ihr Wort wohl beherzigen. Das Judentum also, sage ich, ist nicht bloß in die Welt eingetreten, um einen neuen Gottesbegriff ihr zu schenken, sondern die menschlichen Verhältnisse, die Erkenntnis und Würdigung des Menschen zu verklären. — Abraham Geiger: Das Judentum u. s. Geschichte, 1865, I S. 41.

11: Wir stellen zunächst den kurzen Satz auf: Das Judentum hat zuerst mit einer wahrhaft idealen Konsequenz Religion und Sittlichkeit miteinander verbunden. — Max Joseph: Zur Sittenlehre d. Judentums, 1902, S. 4.

12: Sie alle [die Propheten] sagen es klar und deutlich: Willst du Gott wahrhaft verehren, so übe allererst Gerechtigkeit und Liebe! Willst du in den Augen Gottes Wohlgefallen finden, so führe allererst ein reines, sittlich geweihtes Leben! — Max Joseph: Zur Sittenlehre d. Judentums, 1902, S. 9.

13: Jedoch hat nur das Judentum das sittliche Wesen der Gottheit klar begriffen und in dem Ausdruck Heiligkeit den Begriff höchster sittlicher Vollkommenheit geschaffen, um in ihm das Ur- und Vorbild lauterster Sittlichkeit zur Anschauung zu bringen: „Seid heilig, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott!“ (Lev. 19, 2) das ist der Kern- und Gipfelpunkt der jüdischen Lehre. Heiligkeit ist der Inbegriff aller sittlichen Vollkommenheit, eine von jedem Hauch des Bösen unbefleckte Reinheit. — Kaufmann Kohler: Grundr. e. syst. Theol. d. Judentums, 1910, S. 76.

14: Die Frage, was die Bestimmung des Menschen sei, beantwortet das Judentum damit, dass es Gott, wie wir gesehen haben, als das Urbild höchster sittlicher Vollkommenheit erfassen lehrt und dem Menschen die Aufgabe stellt, „in Gottes Wegen zu wandeln und die höchste sittliche Vollkommenheit zu erstreben“. — Kaufmann Kohler: Grundr. e. syst. Theol. d. Judentums, 1910, S. 165.

15: Durch die ganze rabbinische Literatur zieht sich dann gleichmäßig der Gedanke, dass das göttliche Wesen selbst und deshalb die Erkenntnis seiner sittlichen Eigenschaften, verbunden mit dem Streben, dieselben im Endlichen nachzubilden, Norm und Grund des Sittlichen zugleich sei... — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums, 1899, I S. 87.

16: Aus alledem folgt als wesentliche Anschauung des Judentums: Die Sittlichkeit als Grund und Ziel ihrer selbst, sie ist des Menschen und aller  geistigen Wesen Beruf.    Nicht   irgendwelchem Zweck außer ihr selbst soll sie dienen, sondern sie ist sich selbst Zweck, und allen andern Zwecken, die der Mensch erstrebt, gibt sie den Wert und bestimmt sie das Maß. — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums, 1899, I S. 118.

17: Charakteristisch für die Grundlehre des Judentums aber ist es, dass das Sittliche als das schlechthin Absolute, als das völlig Unbedingte erscheint; hier wie dort und dort wie hier ist es das Höchste mit ewiger Geltung. Im Gottesbegriff selbst bilden die ethischen Ideen den wesentlichen Gehalt; durch diese mehr als durch irgendeinen andern Inhalt ist der Mensch imstande, göttliches Wesen zu erlassen. — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums, 1899, I S. 202. 18: Im Mittelpunkt der prophetischen Forderungen steht die Lehre, dass alle Frömmigkeit und Gottgefälligkeit mit der Menschenliebe anheben und in ihr sich wieder auswirken müsse. Religion und Moral, der Weg zu Gott und der Weg zum Menschen, fallen zusammen, gelten als eins. — Max Wiener: Die Religion d. Propheten, 1912, S. 11/12.

19: Es lässt sich keine Periode der israelitischen Religionsentwicklung ausfindig machen, in der nicht das Verhältnis Gottes zu seinem Volke als ein streng sittliches mit leuchtender Klarheit empfunden würde. — Max Wiener: Die Anschauungen d. Propheten v. d. Sittlichkeit, 1909, S. 35.

20: Der heilige Gott verlangt ein heiliges, reines Leben .... Es ist kaum möglich, einen klareren Ausdruck für die Unzertrennlichkeit wahrer Religion und wahrer Sittlichkeit zu prägen. — Max Wiener: Die Anschauungen d. Propheten, 1909, S. 47/48.

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Grundlegende Sittlichkeitsanschauungen

Tun und Glauben

„Im Judentum ist die sittliche Forderung ein Grundsätzliches, ein Tragendes der Religion“, d. h. was als gut erkannt, was als göttliches Gebot gelehrt wird, soll in die Tat umgesetzt werden. Die Lehre des Judentums ist keine theoretische Erörterung ethischer Lehrsätze, sondern eine Religion der Tat; seine sittlichen Forderungen wollen im Leben erfüllt werden. „Gott erkennen, heißt nicht, sein Wesen verstehen, sondern den Weg des Rechten gehn, den Gott gewiesen hat.“ Der Glaube ist kein zentrales Problem der jüdischen Religion. Das hebräische Wort Emuna bedeutet „Vertrauen“, Luthers Bibelübersetzung hat „Glauben“ dafür gesetzt. Im biblischen und rabbinischen Schrifttum wird dieses Vertrauen auf Gott als religiös-sittliche Gesinnung vorausgesetzt, nicht aber wie ein Dogma als Produkt des Denkens oder des Wollens gefordert. Erst da, wo die Reflexion dazwischentrat, wie in der alexandrinischen und mittelalterlichen jüdischen Religionsphilosophie, wurde der Begriff des Glaubens an Gott zu einer aus Erkenntnis geschöpften Überzeugung entwickelt; die vielfach aufgestellten Hauptsätze des Judentums (Ikkarim) sind nicht als Glaubensartikel, sondern als Grundwarheiten gedacht. Aber im Judentum wurde nicht blinder Glaube gefordert und die Freiheit des Denkens unterdrückt, wurde niemals die Meinung vertreten, dass sich die Frömmigkeit lediglich auf den Glauben gründete, und eine Erlösung der Seele ohne sittliche Tat für möglich erklärt. Die einseitige Bewertung des Glaubens durch Paulus mit ihrer Gefahr für das religiöse Leben, die selbst in den urchristlichen Kreisen auf Widerspruch stieß (vgl. z. B. Jakobusbrief 2, 14—18), hat im Judentum nie Eingang gefunden. Es hat vorübergehend Strömungen gegeben, die den Höhepunkt des religiösen Erlebnisses in die Spekulation und in das mystische Schauen verlegten, aber keine von ihnen hat die Dringlichkeit der sittlichen Tat bestritten. Im gesamten nachbiblischen Schrifttum herrscht nur eine Meinung darüber, dass die Religion sich bewähren muss in der sittlichen Tat.

Ismar Elbogen

Tun und Glauben

Bibel

1:   Ihr sollt wahren meine Satzungen und meine Rechte, die der Mensch üben soll, dass er durch sie lebe — ich bin der Ewige. — 3. B. Mos. 18, 5.

2:   Mose berief ganz Israel und sprach zu ihnen: Höre Israel die Satzungen und Rechte, die ich heute vor euren Ohren verkünde, und ihr sollt sie lernen und wahren, sie zu üben. — 5. B. Mos. 5, 1.

3:   So spricht der Herr der Heerscharen, der Gott Israels: Bessert euren Wandel und euer Tun, so will ich euch an diesem Orte wohnen lassen. Verlasset euch nicht auf die trügerischen Reden: Der Tempel des Ewigen, der Tempel des Ewigen, der Tempel des Ewigen ist hier! Nur, wenn ihr euren Wandel und euer Tun bessert, wenn ihr Recht schafft zwischen einem und dem andern, Fremdling, Waise und Witwe nicht bedrückt, unschuldiges Blut nicht vergießt an diesem Ort und andern Göttern nicht nachwandelt euch zum Unheil, werde ich euch wohnen lassen an diesem Ort, in dem Lande, das ich euren Vätern gegeben habe, von Ewigkeit zu Ewigkeit. — Jeremia 7, 3—7.

4:   Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr lebet, dass der Ewige, der Gott der Heerscharen, mit euch sei, wie ihr es sagt. Hasset das Böse und liebet das Gute und stellet das Recht fest am Tore. — Amos 5, 14—15.

5:   Kommt, Kinder, hört mir zu, Gottesfurcht will ich euch lehren. Wer ist der Mann, der Leben begehrt, der Tage wünscht, Gutes zu schauen? Wahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor Trug. Weiche vom Bösen und tu Gutes. Suche Frieden und jage ihm nach. — Psalm 34, 12—15.

6:   Halte dich fern vom Bösen und tu Gutes, so wirst du stets Ruhe finden. — Psalm 37, 27.

 

Jüdisch-hellenistische Literatur

dass übrigens eine Gesetzgebung sich in so hervorragender Weise von den andern unterschied und zum Gemeingut wurde, erklärt sich daraus, dass sie die Frömmigkeit nicht zu einem Bestandteil der Tugend machte, sondern die übrigen guten Eigenschaften wie Gerechtigkeit, Standhaftigkeit, Besonnenheit, vollkommene Eintracht der Bürger untereinander als Äußerungen der Frömmigkeit erkannte und sie demgemäß erläuterte. Denn alle Handlungen, Beschäftigungen und Reden haben bei uns Beziehung zur Frömmigkeit gegen Gott. — Josephus gegen Apion, II, 16.

 

Talmudisches Schrifttum

1:   Nicht die Forschung ist die Hauptsache, sondern die Betätigung. — Sprüche d. Väter I, 17.

2:   Wessen Tun mehr ist als sein Wissen, dessen Wissen hat Bestand; wessen Wissen aber mehr ist als sein Tun, dessen Wissen hat keinen Bestand. — Sprüche d. Väter III, 12.

3:   Wessen Wissen mehr ist als sein Tun, wem gleicht der? Einem Baum mit vielen Zweigen und wenigen Wurzeln, — es kommt der Wind und reißt ihn aus und wirft ihn um, wie es heißt [Jer. 17, 6]: Und er gleicht einem kahlen Strauch in der Steppe und sieht nicht, dass Gutes kommt, er wohnt in dürrer Gegend, in der Wüste, in salzigem, unbewohntem Lande. Wessen Tun aber mehr ist als sein Wissen, wem gleicht der? Einem Baum mit wenigen Zweigen und vielen Wurzeln, dass selbst alle Stürme der Welt ihn anstürmen und doch nicht von der Stelle rücken können, wie es heißt [das. 17, 8]: Er gleicht einem Baume, am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach streckt; er spürt nicht, dass die Glut kommt, sein Laub bleibt frisch, im Jahre der Dürre bangt er nicht und hört nicht auf, Früchte zu tragen. — Sprüche d. Väter III, 17.

4:   Mehr als du lernst — handle. — Sprüche d. Väter VI, 5.

5:   Wer nur Thora studiert, der hat gleichsam keinen Gott. — Aboda sara 17 b.

6:   „Wenn ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Gebote beobachtet und sie ausübt . . .“ [3 M. 26, 3]. Dazu lehrte Rabbi Chija: Wer die Thora lernt, soll sie lernen, um ihre Gebote auszuüben, wer aber die Thora lernt und ihre Gebote nicht ausübt, der wäre besser nie geboren. — Wajjikra rabba c. 35.

7:   Der Anfang aller Weisheit ist die Furcht des Ewigen; gute Einsicht wird allen, die sie üben,“ [Ps. 111, 10] denen, die sie üben, nicht aber denen, die sie nur lernen. — Jalkut zu Ps. 111, 10.

8:   „Wer ist der Mann, der Leben begehrt, der Tage wünscht, Gutes zu schauen? Wahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor Trug. Weiche vom Bösen und tu Gutes“. Wolltest du glauben ich möchte es im Schlafen erreichen, so heißt es: „Tu Gutes“. — Jalkut zu Ps. 34, 13—15, § 720.

9:   Wer die Worte der Thora lernt und sie nicht befolgt, dessen Strafe ist schwerer, als wenn er sie gar nicht gelernt hätte. — Debarim rabba c. 7.

10:   Wer die Lehre kennt und sie nicht übt, der wäre besser nicht geboren. — Schemot rabba c. 40.

 

Mittelalter

1:   Es leuchtet ein, dass Gottes Wohlwollen durch dieses Verfahren [nämlich Gebote und Verbote] wertvoller für die Menschen ist, als wenn er alle Mühe ihnen aus dem Wege geräumt hätte. Zur Klärung der Frage sei bemerkt, dass es besser ist, dass Gott die Erlangung des dauernd Guten darauf gegründet hat, dass er die Mühe der Gebote von den Menschen forderte; das lehrt auch die Vernunft, dass das Gute, das der erlangt, der sich eifrig darum bemüht, doppelt so wertvoll ist, wie dasjenige Gute, zu dem einer aus bloßer Gnade ohne die geringste eigene Tätigkeit kommt. — Saadja, Emunot we-deot (Offenbarungs- und Vernunftlehren) III, 1.

2:   Wie kann der Mensch eine solche Sinnesart erlangen und in sich befestigen? Er soll stets danach handeln, und zwar einmal, zweimal und dreimal und sich ständig darin üben, bis es ihm leicht wird, danach zu handeln. Dann wird dies in ihm zu einer festen Gesinnung. Das ist der Weg Gottes. Diesen Weg hat er unsern Ahn Abraham und seine Nachfolger gelehrt, und wer auf diesem Weg wandelt, trägt Segen heim. — Maimonides: Mischne tora hilchot deot (Religionskodex, Ethik) I, 7.

3:   Beschäftige dich, so oft du kannst, mit der göttlichen Lehre, und zwar um sie auszuüben; schließt du das Buch, so sieh, ob in dem Gelernten sich etwas findet, was du ausüben kannst. Jeden Abend und jeden Morgen untersuche deine Handlungen, so wird dein ganzes Leben eine Erhebung zu Gott sein. — R. Moses aus Evreux: Im Kol Bo (Kompendium) Nr. 66.

4:   Der richtige Glaube führt zum wahren ewigen Glück des Menschen. Das ist der Glaube an Gott und an seine Lehre .... Indessen müssen wir uns vor Augen halten, dass nicht der Glaube an sich unter allen Umständen die wahre Glückseligkeit herbeiführt. Wenn der Mensch an Unmögliches glaubt, so führt dies nicht auf den Weg des Sittlichen. Daran kann kein Mensch zweifeln. Nur der Glaube, der die sittliche Bedeutung des Menschen hebt, ist der wahre Glaube, d. h. nur der Glaube an sittliche Wahrheiten. Deshalb soll der Mensch nicht schlechtweg alles glauben, sondern genau prüfen und untersuchen, was der Inhalt dieses Glaubens ist, und woher das, was er glaubt, stammt, und was nicht glaubwürdig ist, soll er aufgeben. — Joseph Albo: Ikkarim (Grundlehren) I, 21.

 

Neueres jüdisches Schrifttum

1:   Ob nun gleich dieses göttliche Buch, das wir durch Moses empfangen haben, eigentlich ein Gesetzbuch sein und Verordnungen, Lebensregeln und Vorschriften enthalten soll, so schließt es gleichwohl, wie bekannt, einen unergründlichen Schatz von Vernunftwahrheiten und Religionslehren mit ein, die mit den Gesetzen so innigst verbunden sind, dass sie nur eins ausmachen. . . . Allein alle diese vortrefflichen Lehrsätze werden dem Erkenntnisse dargestellt, der Betrachtung vorgelegt, ohne dem Glauben aufgedrungen zu werden. Unter allen Vorschriften und Verordnungen des mosaischen Gesetzes lautet kein einziges: Du sollst glauben, oder nicht glauben, sondern alle heißen: Du sollst tun, oder nicht tun! Dem Glauben wird nicht befohlen; denn der nimmt keine andern Befehle an, als die den Weg der Überzeugung zu ihm kommen. Alle Befehle des göttlichen Gesetzes sind an den Willen, an die Tatkraft der Menschen gerichtet. — Moses Mendelssohn: Jerusalem, 1783, S. 174/175.

2:   Die große Maxime dieser Verfassung scheint gewesen zu sein: Die Menschen müssen zu Handlungen getrieben und zum Nachdenken nur veranlasst werden. Daher jede dieser vorgeschriebenen Handlungen, jeder Gebrauch, jede Zeremonie ihre Bedeutung, ihren gediegenen Sinn hatte, mit der spekulativen Erkenntnis der Religion und der Sittenlehre in genauer Verbindung stand und dem Wahrheitsforscher eine Veranlassung war, über jene geheiligten Dinge selbst nachzudenken oder von weisen Männern Unterricht einzuholen. — Moses Mendelssohn: Jerusalem, 1783, S. 191.

3:   Es gibt also ein äußeres Maß für die Menschentat, — es ist Übereinstimmung mit Gottes Willen; und es gibt ein inneres für des Menschen Größe, — es ist nicht der Umfang der verliehenen Mittel, es ist nicht der Umfang des Gewirkten, sondern es ist die Erfüllung göttlichen Willens nach Verhältnis des Verliehenen. — Also, mit bester Gesinnung ein verfehltes Leben, wenn die Tat nicht die rechte ist; also mit kleinstem Wirken ein großes Leben, wenn die Mittel zu mehr nicht ausreichten. Also auch Glückseligkeit und Vollkommenheit nur größte Fülle von äußeren und inneren Gütern, deren volle Verwendung nach Gottes Willen erst des Menschen Größe macht. — S. R. Hirsch: 19 Briefe, 1836, IV, S. 19/20.

4:   Aber ein von der Welt zurückgezogenes, bloß beschauendes und betendes Leben ist nicht Judentum; Thauroh und Awaudoh sind nur Weg zum Wirken! Talmud gadol sche-mebi lijde maasse ist Ausspruch unserer Weisen; und Blüte und Frucht aller unserer T'fillauß sind B'rochauß, Entschlüsse zu einem gottdurchdrungenen tätigen Leben; dies allein also überall Ziel. — S. R. Hirsch: 19 Briefe, 1836, IV, S. 73.

5:   In dem ganzen Bereiche des göttlichen Gesetzes ist uns nicht eine einzige Wahrheit offenbart, die nur theoretisches Interesse hätte, keine einzige, die nur unser Wissen bereicherte, ohne auf unser sittliches Verhalten Einfluss zu üben geeignet zu sein. — S. R. Hirsch: Ges. Schr., III, 1906, S. 372.

6:   Im Judentum nehmen die Gebote, die Forderungen religiösen, sittlichen Handelns, einen so bedeutungsvollen Platz ein, dass die Glaubenssätze notwendig zurückstehn. Vor das Wissen von Gott treten die Pflichten gegen Gott. „Die Grundprinzipien der Thora“, wie sie z. B. der Talmud aufstellt, betreffen fast nur das fromme Handeln. Nur dieses ist religiös festgestellt und hat gewissermaßen seine fertigen Antworten. — Leo Baeck: Das Wesen des Judentums, 1905, S. 3.

7:   Weise ist, wer in den Wegen Gottes wandelt, wer das Gute tut; so wiederholt es im Judentum die Überzeugung aller Jahrhunderte. Religion und Leben werden damit aufs innigste verbunden, die Religion, welche bewiesen werden soll durch das Leben, das Leben, welches geweiht werden soll durch die Religion. Diese wird zur Erde herabgeführt, jenes zu göttlichem Inhalt erhöht. Dem Zwiespalt zwischen Glauben und Tun ist damit der Boden genommen: keine Frömmigkeit gibt es als die, welche durch die Lebensführung bewährt wird; keine Lebensführung kann gelten als die, in welcher sich die Religion verwirklicht. — Leo Baeck: Das Wesen des Judentums, 1905, S. 22.

8:   Das Judentum ist eine Religion, die ihre Bewährung im Leben sucht und in der sicheren Klarheit des Lebens auch ihre letzte und höchste Vollendung findet. — Leo Baeck: Das Wesen des Judentums, 1905, S. 28.

9:   Die Religion ist nicht etwa ein Ideal, das lediglich ersehnt, sondern ein Ideal, das tagtäglich und unmittelbar betätigt werden muss. In dem so genannten „Mosaismus“ ist das religiös-sittliche System mit dem staatlich-sozialen auf das innigste verwachsen. Die Grunddogmen des Glaubens werden als leitende Prinzipien für das praktische Leben  aufgestellt......Die mosaische  Lehre  ist „eine Propaganda der Tat“: sie verlangt überall eine aktive, nicht bloß eine passive Moral. — Simon Dubnow: Jüd. Gesch., 1898, S. 25/26.

10: Die ausübende Religion oder das praktische Judentum soll sich vor allem im Sittlichhandeln betätigen, aber es erstreckt sich auf alle Lebensäußerungen. Nichts ist so geringfügig, dass es nicht durch den Stempel der Religion veredelt, dass daraus nicht eine Beziehung auf Gott gewonnen werden könnte. Das ist die Grundanschauung, welche das praktische Judentum und die demselben gewidmeten Teile des Talmud durchzieht. — M. Güdemann: Das Judentum in s. Grundzügen, 1902, S. 81.

11: Vor allem liegt den Talmudisten das Studium, das Sehnen und Ringen und Streiten um die Feststellung der Halacha am Herzen und wird aufs höchste gepriesen. Nur dass eine bloße Theorie, eine hohle und leere Theorie, eine, die nicht Theorie für die Praxis sein will, von den Rabbinen ebenfalls verworfen wird. — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums,   I. 1899, S. 422.

12: Das bloße Fernbleiben vom Bösen genügt nicht, sondern positive sittliche Tat wird gefordert. Freie Initiative aus sittlichem Grunde und Antrieb. S. Aboda sara 19 b: Sollte vielleicht ein Mensch sagen: Weil ich meine Zunge bewahrt habe und meine Lippen, dass sie nicht Trug reden, so will ich hingehn und mich dem Schlafe hingeben, so heißt es: „Weiche vom Bösen und tu Gutes“ (Ps. 34, 15). Positive Energie und Initiative wird gefordert.  Eingreifen zum Guten, als Zeuge sich melden, zum Retter sich aufwerfen. — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums, II, 1911, S. 53—54. 13: Der Begriff der Maaßim tobim „der guten Taten“ spielt überhaupt die größte Rolle in der jüdischen Ethik und ist niemals wie im Christentum durch den Begriff des „Glaubens“ in den Hintergrund gedrängt worden. — Felix Perles: Boussets „Religion d. Judentums“, 1903, S. 65.

14: Von den Propheten angefangen bis zu den Sittenlehren des Mittelalters (vgl. über dieselben Zunz: Zur Geschichte und Literatur 122—157 [Ges. Sehr. I, 60—85]) weht ein heroischer Geist durch die sittlichen Lehren nicht nur, sondern, was noch viel mehr bedeutet und am entscheidendsten ist, durch das sittliche Leben. Derselbe Ernst, dieselbe Unerbittlichkeit, mit der die sittliche Forderung ausgesprochen wurde, zeigt sich auch in der Betätigung. Was die Führer des Volkes lehrten, das lebten sie auch dem Volke vor, das blieb nicht bloß gesprochenes und geschriebenes Wort, sondern ging dem ganzen Volke ins Bewusstsein über, das wurde auch unter den schwersten äußeren Verhältnissen gehalten. Es ist gerade das Charakteristische an der jüdischen Pflichterfüllung, dass man niemals die Pflicht lau nahm, sie nur halb oder nur zum Scheine erfüllte, sondern unweigerlich alle Konsequenzen zog und vor keinem Opfer zurückschreckte, um alle Forderungen der Religion auch wirklich in vollem Umfang und unter allen Umständen zu halten (vgl. darüber z. B. Steinthal, Jahrb. f. jüd. Gesch. u. Lit. 1901, 59. 61.) — Felix Perles: Boussets „Religion d. Judentums“, 1903, S. 66/67.

15: Das allein ist der Sinn dieses im Judentum bis auf den heutigen Tag sehr ernst genommenen Begriffes Kiddusch ha-schem [Heiligung des göttlichen Namens] und seines Korrelats des Chillul ha-schem [Entweihung des göttlichen Namens). Jede edle Handlung ist ein Sieg des Gottesgedankens und somit eine Heiligung Gottes vor allen Menschen, während jede schlechte Handlungsweise eine Niederlage des Gottesgedankens, eine Entweihung Gottes vor allen Menschen bedeutet. — Felix Perles: Boussets „Religion d. Judentums“, 1903, S. 69/70.

16: Der Wunsch, die Ideen zu verwirklichen, darf uns nie abhanden kommen und muss uns immer beseelen; denn er bildet den notwendigen Durchgangspunkt der Idee zum Willen. Immer müssen wir z. B. wünschen, Wohlwollen und Liebe zu üben, damit, so oft die Gelegenheit dazu geboten ist, wir auch willens und bereit sind, jene zu betätigen. Dann, wenn wir den Hilfsbedürftigen erblicken, dann muss der allgemeine Wunsch zu helfen auch zur bestimmten Tat führen. — H. Steinthal: Zu Bibel u. Religionsphil., II, 1895, S. 204.

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Versöhnung.

 

An diesem Tage wird Er euch sühnen,

Euch zu reinigen.

Von all euern Sünden

Sollt ihr vor Gott rein werden!

III Mos. 16, 30.

„An diesem Tage wird Er euch sühnen." Was ist besonderes an diesem Tage? Flammt die Sonne heute strahlender auf, geht sie leuchtender zur Rüste? Funkeln glänzender als sonst droben am Himmelsdom die ewigen Sterne? Ist die Atmosphäre heute reiner und milder, die Luft erfrischender und erquickender? Nichts von alledem. Äußerlich unterscheidet sich der heutige Tag in nichts von den andern Tagen des Jahres. Aber für uns Juden hat er eine Bedeutung, die ihn weit hinaushebt über alle Zeiten, durch die der Kreislauf der Monate uns führt. Denn dieser Tag bringt uns Vergebung für unsere Sünden und Versöhnung mit Gott.

Ein Mann geht dahin, eine große Last auf seinen Schultern tragend. Schwerer wird die Last, drückender die Bürde. Immer mehr beugt sich der Körper des Mannes, häufiger muss er, tief aufseufzend, stehen bleiben, bevor er, alle seine Kräfte anspannend, seinen Weg fortsetzen kann. Wie lange wird er die Last noch tragen können, wann wird er unter ihr erliegen und zusammenbrechen? Da kommt sein bester Freund, der Erbarmen mit ihm hat. Er nimmt die Last von seinen Schultern. Wie atmet der Befreite tief auf, erlöst und beglückt, wie streckt und dehnt er die Glieder! Ähnlich ergeht es uns an diesem heiligen Tage. Im Laufe des Jahres häufen sich unsere Sünden und Vergehungen. Sie lasten auf unserer Seele. Sie hindern uns am sittlichen Aufschwung und erschweren unser Vorwärtsschreiten zum Guten. Sie drücken das Göttliche, das in uns lebt, in den Staub und in die Niedrigkeit herab. Da kommt der heutige heilige Tag und ruft uns mit den Worten des Propheten zu: ,,Es weicht deine Schuld, und deine Sünde wird gesühnt," und erlöst und befreit können wir ein neues besseres Leben beginnen.

Das alte Märchen, das schon manchen Dichter begeistert hat, erzählt von einem Prinzen, der durch den Bann eines Zauberers in ein Tier verwandelt worden war. Aber an einem Tage weicht der Fluch, und aus dem Tiere wird ein Mensch, ein edler Königssohn, der, seiner Würde sich bewusst, zurückkehrt in den Palast seines Vaters. Erleben wir nicht alljährlich an uns selbst dieses Märchenwunder ? Das ganze Jahr hindurch herrscht der Körper mit seinen sinnlichen Begierden über die Seele, welche ihre Sehnsucht himmelwärts zieht, und mancher Mensch vergisst über der täglichen Arbeit und seinen körperlichen Bedürfnissen überhaupt, dass er eine Seele in sich trägt, und sorgt wie das Tier nur für sein leibliches Wohlergehen. Aber wie im alten Rom an einem Tage des Jahres die Knechte von ihren Herren bedient wurden, so triumphiert am heutigen Tage die Seele über den Körper.

Und da sagt man, wir Juden seien ein materielles Volk. Man zeige uns doch eine Nation, die ein so rein geistiges Fest zu feiern imstande ist wie wir. Am heutigen Tage genießen wir nicht Speise und Trank, entsagen allen Vergnügungen und sinnlichen Freuden, beten und büssen; und dennoch nennen wir diesen Tag den schönsten, den herrlichsten, den reinsten Tag des Jahres, weil er ein Feiertag der Seele ist, an dem wir unserer Menschenwürde, unseres göttlichen Ursprunges uns bewusst werden, und von den zwölf Millionen Juden, die in der Welt leben, gibt es nur wenige, die dem Zauber des heutigen Tages sich entziehen, für die er nicht der starke Magnet ist und bleibt, der alle jüdischen Herzen mächtig und unwiderstehlich an sich zieht.

„An diesem Tage wird Gott euch sühnen": Warum wird die Versöhnung an einen bestimmten Tag geknüpft? Hat nicht schon jener alte Lehrer unseres Volkes, Rabbi Elieser, seinen Schülern zugerufen: „Kehret um einen Tag vor eurem Tode," und da sie zu ihm sprachen: „wir wissen ja nicht, wann wir sterben werden," ihnen geantwortet: „Gerade das meine ich, kehret jeden Tag zu Gott zurück, tuet Busse an jedem Tage, denn vielleicht ist es der letzte eures Lebens." Richtet Gott nicht an jedem Tage die Menschheit, blickt Er nicht jederzeit in unser Herz, kann Er nicht jede Stunde unsere Reue sehen und uns verzeihen? Aber der Allgütige kennt unsere Herzen und unsere menschliche Schwäche. Würden wir nicht diesen Tag haben, der uns mit Macht auffordert zur Busse und Rückkehr, würde im Gleichklang der Zeiten sich Tag an Tag und Woche an Woche reihen, ohne dieses einzigartige Fest, das unserer Seele neue Schwungkraft und die Fähigkeit verleiht, sich emporzuheben, dann würde in unserm Leben sich Sünde an Sünde knüpfen. Die Abkehr von Gott und von unsern Pflichten würde dem Menschen zur zweiten Natur werden, denn die „Gewohnheit nennt er seine Amme", sie würde zu einer Kette werden, deren Schwergewicht uns zu Boden drücken müsste. Wir würden dem Hause gleichen, das nie gesäubert wird. Wie viel Schmutz, Unrat und Ungeziefer sammelt sich darin an. Da wird das Haus geöffnet und gereinigt. Luft und Licht dringen herein, und es steht da in neuem Glanze. Wie dankbar müssen wir dem Allmächtigen sein, dass Er diesen Tag uns gegeben, den Tag der Besserung, den Tag der Sühne, den Tag der Rückkehr zu Ihm!

Doch warum hat Gott gerade diesen Tag, gerade den zehnten Tischri gewählt? Freilich könnten wir auch bei jedem andern Tage so fragen. Aber unsere Weisen wissen uns eine befriedigende Antwort zu geben. Einstmals hatte sich Israel schwer versündigt, so sagen sie uns. Unsere Väter hatten ein goldenes Kalb angebetet, und beinahe wäre um dieser schweren Verirrung willen das ganze Volk vernichtet worden. Da hat Gott am zehnten Tischri Israel diese große Sünde verziehen und das Volk in Gnaden wieder aufgenommen. Darum hat Gott gerade diesen Tag als Tag der Versöhnung für alle Zeiten bestimmt.

Dieses Wort unserer Weisen ist geeignet, uns zum Nachdenken anzuregen. Sagen sie doch, es gebe kein Geschlecht, das ganz frei wäre von der Sünde des goldenen Kalbes. Unser Geschlecht macht von dieser allgemeinen Regel sicherlich keine Ausnahme. Hat doch ein bekannter Antisemit den Juden einmal im deutschen Parlament vorgeworfen: „Sie umtanzen noch heute das goldene Kalb, wie ihre Väter es in der Wüste getan haben." Wohl ist dieser Vorwurf in seiner Allgemeinheit unbegründet, wohl trifft er, dort wo er richtig ist, nicht nur die Juden, sondern ebenso die nichtjüdischen Kreise. Aber sollten wir Juden nicht ein Reich von Priestern, für alle Völker ein Beispiel der Sittenreinheit und ein Vorbild der Unbestechlichkeit des Charakters sein?

Spielt das Gold nicht eine allzugrosse Rolle in unserm   Leben?   Beeinflusst   es   nicht   allzu sehr   schon die Erziehung unserer Kinder? Wir halten sie an, zu lernen, was nützlich ist, was ihnen einmal Geld und Gut einbringen wird. Gibt es denn nur ein einziges Ziel der Erziehung, sie zu Menschen heranzubilden, die einmal großen Reichtum sich erwerben können? Und wo bleiben die Ideale, die Bildung des Charakters und des Gemütes, die Kenntnisse der Thora und ihrer Gebote, die Erziehung zur jüdischen Pflichttreue? Tritt all das nicht weit, weit zurück, während es die Hauptsache, das Wichtigste sein sollte? Ist das Gold nicht der Moloch, dem wir Shabbath und Festtage, die Vorschriften und Gesetze unserer heiligen Religion, und damit unser Teuerstes und Bestes willig, ach, nur allzu willig, opfern? O, dass wir an diesem Tage, der uns an die Sünden unserer Väter mahnt, auch der eigenen gleichartigen Verirrung gedenken möchten! Fort mit der Überschätzung und Anbetung des Goldes! Du kannst mit Gold nicht das wahre Glück erkaufen, nicht hohes Alter und Gesundheit, nicht gute Kinder und ein glückliches Familienleben. All das kann dir nur der Ewige, dein Gott gewähren. Ihm wollen wir dienen und nicht dem Golde „Wir wollen nicht mehr als Gott ansprechen das Werk unserer Hände." Wir wollen nicht mehr anbeten den irdischen Erfolg, nicht mehr vergöttern das, was vergänglich ist!

Wollen wir nicht auch bei der Erinnerung an die Sünde des goldenen Kalbes, die der Versöhnungstag mit sich bringt, Moses, unseres Lehrers, und seines Verhaltens gedenken? Als er den Götzendienst im jüdischen Lager sah, zerbrach er die Tafeln. Warum tat er das? Der Midrasch sagt es uns. Er sah, dass die Buchstaben sich aus dem Stein emporhoben in die Lüfte, da zerbrach er den Stein. Liegt hierin nicht ein tiefer Gedanke ? Der Stein war rohe Materie.   Nur die Buchstaben waren es, die ihm Wert verliehen. Schwanden die Buchstaben, so musste der Stein zerbrochen werden. Was nützt ein Körper ohne Geist, ein Leib ohne Seele! Als Moses den Götzendienst im Lager sah, da erkannte er, dass aus dem jüdischen Volkskörper der Geist des Judentums entflohen war. Da zerbrach er die Tafeln, um dem von Gott abgefallenen Israel zu zeigen, dass es, gleich den Tafeln eines nicht befolgten Gesetzes, völlig wertlos sei.

Auch wir erleben es heute, dass aus den Tafeln der jüdischen Pflichttreue, die unsere Väter so sorgsam gehütet haben, ein Gebot nach dem andern sich heraushebt und zu verschwinden droht. Muss nicht bei einem Blick auf das jüdische Leben der Gegenwart Angst und Sorge um die Zukunft unseres Volkes uns erfassen ? Kann es denn ein Judentum ohne Thora geben? Wenn Shabbath und Festtage, Reinheits- und Speisegesetze und die andern spezifisch jüdischen Pflichten nicht mehr gehalten werden, was bleibt noch übrig? Wir sind der Stein, in den Gott seine Gebote gegraben. Nur diese Gebote haben uns erhalten. Entweicht der Geist des Judentums aus unserer Mitte, sind wir das Gottesvolk nicht mehr, das sich durch die Thora, die es trägt, unterscheidet von allen Völkern, assimilieren wir uns den Nationen der Welt und werden wir gleich ihnen, so sind wir ein Gefäß ohne göttlichen Inhalt, ein Körper ohne Geist, welcher nicht bestehen kann und der Zerstörung anheim fallen muss gleich jenen Tafeln, die Moses zerbrochen.

Aber auch einen tröstlichen Gedanken legt uns die Erzählung vom goldenen Kalbe nahe. Moses bittet und fleht für Israel und ruft dabei Gott an als den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Auf den ersten Blick erscheint die Berufung auf die Stammväter unseres Volkes völlig unangebracht und unpassend in jener Stunde, da Israel sich   so   schwer  versündigt   hat.    Muss   die   Schuld   der Kinder nicht noch dunkler und schwärzer sich abheben von dem hellen Hintergrund der großen Ahnen, deren wir uns rühmen? Jene haben ihr Leben für Gott geopfert, und die Enkel haben Ihn vergessen und verraten! Dennoch hat Moses Recht mit seiner Berufung auf Abraham, Isaak und Jakob. Siehe, so spricht er damit zu Gott, von solch edlen Männern stammen die Kinder Israel ab, ein guter Kern liegt in ihnen; wohl haben sie gesündigt, aber sie werden wieder zu ihrer Pflicht, sie werden wieder zu Gott zurückkehren. Hierin liegt ein Trost für uns. Wir Juden blicken auf eine Geschichte von über drei Jahrtausenden zurück. Welche Glaubenshelden haben wir hervorgebracht! Wie viele Tausende unserer frommen Väter und Mütter sind eines qualvollen Todes gestorben für unsere Emuno! Wie viele Tausende haben in den Zeiten der Verfolgung Haus und Hof verlassen und sind einer Ungewissen Zukunft entgegengegangen, um der Thora treu zu bleiben! Und nach einer solchen Ruhmesgeschichte ohnegleichen soll das Judentum in Selbstauflösung verschwinden, nur weil die Emanzipation uns in eine Reihe mit den andern Völkern gestellt hat, weil wir, ausdauernd im Unglück, das Glück nicht zu ertragen vermögen, weil wir im Reichtum und in der Freiheit uns selbst untreu werden? Nein, das kann, das wird nicht sein. Der gute Kern in uns, das Verdienst der frommen Väter, wird uns die Kraft geben, auch die jetzige schwere Krise, in der das Judentum lebt, siegreich zu überstehen und zurückzukehren zu unsern jüdischen Pflichten.

„Euch   zu   reinigen!"

Der Unterschied zwischen der Lebensauffassung, die in früheren Tagen herrschte, und derjenigen, die in der modernen Gegenwart zutage tritt, zeigt sich wohl nirgends so deutlich, wie bei der Bestimmung des Begriffs der  Sünde.   Hat es  doch der große und  übermächtige Einfluss des Modephilosophen unserer Zeit dahin gebracht, dass in vielen Köpfen sich eine vollkommene Umwertung aller Werte vollzogen hat. Früher galt Unsittlichkeit als schimpflich, hingegen galt als maßgebend und wurde als sittliche Forderung das Wort unserer Heiligen Thora empfunden „wandelt nicht eurem Herzen und euren Augen nach," beherrschet, bezwinget eure sinnlichen Triebe! Heute glaubt schon der Jüngling, der kaum die Schule verlassen hat, es sei sein Recht, „sich auszuleben", er brauche seinen Begierden und Sinnen keine Zügel aufzuerlegen. Früher galten Grausamkeit, Egoismus, Hartherzigkeit als hässliche Eigenschaften, deren man sich schämen müsse, während sie heute von manchen Seiten als Zeichen eines höheren Kulturstandes gepriesen und andrerseits Nachsicht, Barmherzigkeit und Milde als Schwäche bezeichnet und herabsetzend als Herdenmoral charakterisiert werden. Ist für uns Juden am heutigen Tage ein Zweifel möglich, welche Auffassung die richtige ist? Bäumt sich heute nicht alles in uns auf gegen die Anschauung der Materialisten, der Mensch sei ein „Raubtier", geboren zum Genuss des Augenblicks? Lebt in uns nicht heute mächtig die Überzeugung „fürwahr, ein Geist lebt in uns Menschen," und ein Hauch von Gott gibt uns den Verstand. Wahrlich, heute kann es kein Schwanken und kein Zweifeln in uns geben. Wir sind ja nicht Nachkommen des Esau, dessen Lebensprinzip auf die einfachste Formel zu bringen ist: „er aß und trank, stand auf und ging davon," dem der Genuss das Höchste war und der die idealen Güter verachtete; wir fühlen uns heute als Nachkommen des Jakob, und der heutige Tag, an dem wir erschauernd der Ewigkeit gedenken, will uns vorbereiten für den großen Gerichtstag, an welchem als Sünde gilt, was Gott in   seiner  Thora   als   Sünde   bezeichnet   hat.

Ja, was Gott verboten hat, das ist und bleibt Sünde. Wohl hat es in unserer Zeit Rabbiner gegeben, die „eine Umwertung der Werte" auch innerhalb des Judentums vornehmen wollten. Mit keckem Wagemut haben sie sich über die heiligsten Vorschriften unserer Thora hinweggesetzt. Sie haben erlaubt, was Gott verboten hat. Sie gestatten, was die Thora mit schwerer Strafe bedroht. Es wäre lächerlich, wenn es nicht so überaus traurig wäre. Will der Mensch Gott meistern, das Geschöpf sich erheben über seinen Schöpfer? Mit dem Psalmisten sprechen wir: „Für ewig besteht dein Wort im Himmel." Die Zeiten und was aus ihnen entstanden ist, sind dem Wechsel und der Veränderung unterworfen. Gottes Wesen aber, über Zeit und Raum erhaben, ist ewig, und ebenso ewig und unveränderlich  ist  seine  Thora.

Von einem Lehrer unseres Volkes wird erzählt, dass er zu seinen Schülern gesagt hat: „Gott schütze euch vor etwas, was ärger ist als die Sünde." „Was ist das ?" fragten sie. „Der Hochmut," antwortete er ihnen. Ist es nicht, als ob dieses Wort geprägt wäre für unsere Zeit? Nicht dass wir sündigen, ist das Schlimmste, viel schlimmer ist der Hochmut, mit dem wir Gott und sein Gesetz entthronen, uns hinwegsetzen über die Thora und ihre ewig heiligen Vorschriften, indem wir uns das Richteramt anmaßen, darüber zu urteilen, was Sünde ist und was nicht.

Möchte doch der Versöhnungstag mit dieser Verirrung ein Ende machen. Möchten wir uns doch zu der Erkenntnis durchringen  „auf deine Erkenntnis verlass dich nicht," sie ist schwach und unzulänglich. Als Jude bist du heute ins Gotteshaus gekommen, wie deine Väter seit Jahrtausenden es getan haben. Dich lockt die Verheißung, dass Gott dich heute sühnen wird für alle deine Sünden. Gott hält sein Versprechen, aber eine Vorbedingung musst du erfüllen: Du musst deine Sünden erkennen und bereuen, einsehen, dass es Sünde ist, wenn du dir dein eigenes Gesetz machst, statt des ewig gültigen der Thora, dass es Sünde ist, wenn du Gebote der Thora leichtfertig übertrittst, statt sie mit Liebe und Treue auf dich zu nehmen. Wie oft sprechen wir es an diesem Tage, beherzigen wir es endlich, „wir sind nicht so keck und dreist, vor Dir zu sprechen: Ewiger unser Gott und Gott unserer Väter, wir haben nicht gesündigt; vielmehr erkennen wir, dass wir durch Abkehr von der Thora und ihren Satzungen uns gegen Gott und gegen unsere Bestimmung verfehlt haben."

„Von all euern Sünden sollt ihr vor  Gott rein werden!"

Vor Menschen kannst du dich verstellen, vor Menschen eine Maske tragen. Vor Gott ist das unmöglich, denn Gott sieht in dein Herz. Sein Siegel ist die Wahrheit. Wie werden wir bestehen vor Ihm? Wie viele gibt es, die anders sprechen als sie denken, die nach de  bekannten Wort die Sprache benutzen, um ihre Gedanken zu verbergen. Scheinen nicht viele zu glauben, es stünde in der Thora statt vom Wort der Lüge, vom Wort der Wahrheit halte dich fern? Die Inschrift auf dem Orakel von Delphi: „Erkenne dich selbst" ist die Forderung unseres Festes. Heute fallen alle Hüllen, heute hört jede Verstellung auf. Heute dürfen wir unser Tun nicht beschönigen und uns nicht selbstgerecht brüsten.   Heute wollen wir erkennen, dass wir Sünder sind, denn heute stehen wir vor Gott, unserm unbestechlichen Richter, und vor Ihm wollen wir rein werden.

Ja, vor Gott sollen wir rein werden! Das aber wollen die meisten Besucher unserer Gotteshäuser nicht. Sie wollen bleiben, wie sie sind. Jede gründliche, mit Opfern verbundene Änderung ihres Lebenswandels liegt vollkommen außerhalb ihrer Absichten. Wie von jenem Manne erzählt wird, der in der guten alten Zeit, in der diese schöne Sitte herrschte, sich mit seinem Feinde am Erew Jom Kippur versöhnte, dann aber seine wahre Gesinnung verriet, indem er die bedeutungsvollen Worte sprach, „aber nach Jom Kippur!", so betet und fastet auch heute der Jude und sucht Versöhnung mit seinem Gotte, denkt jedoch bei sich: aber nach Jom Kippur bin ich der gleiche, der ich vorher gewesen. Sinkt bei dieser Auffassung nicht der Jom Kippur zu einer Art Ablass herab, mit dem man im Mittelalter Vergebung seiner Sünden zu erlangen hoffte? Freilich, das wäre bequem, wenn wir das ganze Jahr hindurch sündigen dürften, und dann käme der Jom Kippur und brächte uns automatisch die Versöhnung, und durch das Fasten und Beten während eines einzigen Tages würden die Sünden eines ganzen Jahres ausgelöscht, als wären sie nie gewesen! Nein, das ist der Sinn und Zweck des Versöhnungstages nie und nimmer, „Der Versöhnungstag kann nur in Verbindung mit dem innigen Streben, zu Gott zurückzukehren, die Sühne bewirken." Wohl bringt er uns die Versöhnung, deren wir so oft bedürfen, aber wir müssen unsere Sünden erkennen und bereuen und Besserung geloben: Vor Gott sollen wir rein werden, bessere Menschen und   Juden   sollen  wir  werden.

Bessere Menschen: hilfreich, edel und gut sollen wir sein, liebevoll gegen diejenigen, die uns im Leben nahe stehen, gerecht und voll warmen Gefühls und voller Hilfsbereitschaft gegen die Armen und Bedrückten, versöhnlich  auch gegen  diejenigen,  die uns wehe getan.

Und bessere Juden! Bedrückt der Gedanke an die Zukunft Israels nicht das Herz jedes Juden, der mit Innigkeit an dem Glauben seiner Väter hängt? Es mehrt sich der Abfall von der jüdischen Religion. Aber sind an dem Abfall der Kinder nicht die Eltern schuld, die ihre Kinder in nichtjüdischen Pensionaten erziehen lassen, die sie lehren, die Gebote der jüdischen Religion mit Gleichgültigkeit zu betrachten und gering zu schätzen? Ziehen die Kinder nicht eigentlich nur den Schluss aus der unjüdischen Erziehung und dem unjüdischen Vorbild, das ihnen die Eltern gegeben haben?

Lassen wir uns doch von der Natur belehren! Solange die Zweige und Blätter kraft- und saftvoll mit dem Baume verbunden sind, bleiben sie am Stamme, auch wenn der Sturm an ihnen rüttelt. Wenn aber die Zweige verdorren, die Blätter verwelken und nur noch lose an ihrem Ursprung hängen, dann fallen sie beim kleinsten Windstoss herunter. Erziehen wir unsere Kinder, dass sie fest im Judentum wurzeln! Jedes Gebot, das wir sie üben lehren, jedes Verbot, das sie zu meiden gewohnt sind, jedes Gebet, das sie regelmäßig sprechen, verbindet und verknüpft sie mit dem Judentum. Frommere Juden wollen wir schon um unserer Kinder willen sein, damit sie einmal gute Juden werden und den Namen unserer Eltern, mit dem sie genannt werden, dereinst in Ehren inmitten   des   Judentums tragen!

Ein sinniges Märchen erzählt einer unserer Brüder aus dem Osten: Ein frommer Beter war einst in einem Gotteshause eingeschlafen und erwachte erst in der Geisterstunde,   in   der   auch   die  leblosen   Dinge   Leben und Sprache erhalten. Da sah er in einem Gebetpult, das sich geöffnet hatte, einen Tallis vor sich, und der Tallis weinte und lachte. Warum weinst du, o Tallis, fragte er. Ach, sprach der Tallis, ich bin dazu da, den Juden zu schmücken, wenn er sein Gebet vor Gott ergießt, aber mein Besitzer betet gar nicht, er ist reich und glaubt, der Gebete nicht zu bedürfen. So bin ich nicht imstande, meine schöne Bestimmung zu erfüllen, ich fühle, dass ich nutzlos bin, und darüber weine ich. Und warum lachst du, fragte er weiter. Nun, sprach der Tallis, bald vielleicht kommt die Zeit, da mein Besitzer die letzte Reise antritt, von der es keine Rückkehr mehr gibt. Dann wird er in mich allein eingehüllt und außer den Sterbekleidern nimmt er nichts mit als mich, mich, den Tallis, den er jetzt so vernachlässigt. Dann komme ich zu Ehren, und darüber freue ich mich.

Gibt uns dieses Gleichnis nicht zu denken? Wie hasten wir durch das Leben, es locken uns Geld und Gut, Zerstreuungen und Vergnügungen. Wir haben keine Zeit für Werke der Frömmigkeit und für gute Taten, die doch allein uns einst begleiten werden in eine bessere Welt!

Den Versöhnungstag schickt uns Gott als einen Boten des Heils. „An diesem Tage wird Er euch sühnen, euch zu reinigen; von all euern Sünden sollt ihr vor Gott rein werden."    

Möchte dieser Tag an uns allen zum Segen werden, indem wir alle an ihm den Vorsatz fassen, gute Menschen und gute Juden zu werden. Der Allgütige aber erhöre unsere Gebete und die Gebete von ganz Israel und schreibe uns ein und besiegle uns in dem Buch des glücklichen und segensreichen Lebens.

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Gleichheit aller Menschen

Die Ethik des Judentums wird beherrscht vom Prinzip des Universalismus, d. h. sie kennt in ihren Forderungen und Vorschriften keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden. Was sie befiehlt, gilt schlechthin; die Scheidung der Menschen nach Abstammung und Glauben ist für sie bedeutungslos. Es hieße die jüdische Sittlichkeitslehre nicht nur herabwürdigen, sondern völlig verkennen, wollte man annehmen, sie lege den Geboten der Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe eine größere Verbindlichkeit bei, wo es sich um Juden untereinander handelt, als wo die Ansprüche Andersgläubiger Berücksichtigung verlangen.

Wie bei der sittlichen Verpflichtung, so macht das Judentum auch hinsichtlich der Eignung zur Sittlichkeit keinerlei Unterscheidung zwischen Menschen und Menschen. Der Mensch als solcher ist sowohl Objekt als Subjekt der Sittlichkeit. Alle Erdenkinder sind zugleich Gotteskinder, fähig und berufen, das Gute zu verwirklichen und seine Herrschaft in der Welt immer mehr zu befestigen. Die sittliche Anlage ist jedem Menschen angeboren, es liegt ihm ob, sie im Kampf mit seinen Trieben und Begierden zu immer größerer Macht auszubilden.

Der grandiose Ausdruck dieser Anschauung vom sittlichen Beruf aller Menschen ist die Messiaslehre des Judentums geworden, jene Zukunftshoffnung, die auf ihrer höchsten Stufe unter dem Bilde des Gottesreiches auf Erden die Versittlichung der Völker und Nationen als Endziel der Menschheitsentwicklung schaut.

Der Gedanke der Auserwählung Israels, der auf den ersten Blick der Lehre von der sittlichen Gleichwertung aller Menschen zu widerstreiten scheint, ordnet sich ihr bei näherer Betrachtung vielmehr unter: Israel hat — das ist der tiefste Sinn seiner Begnadung durch Gott — die Aufgabe, beispielgebend auf die übrige Menschheit einzuwirken; es soll sein ethisches Gut nicht für sich behalten, sondern allen Völkern mitteilen, auf daß sie aufsteigen zu immer höherer Gesittung.

Das Judentum ist so weit davon entfernt, die sittliche Würdigkeit von der Übung seiner zeremoniellen Gebote abhängig zu machen, daß es den Frommen, d. h. den Sittlich-Guten aller Völker Anteil an der ewigen Seligkeit verheißt. Aus diesem Grunde hat es auch auf eine großzügige Bekehrungspropaganda verzichtet, wiewohl es dem Proselyten, der freiwillig und ohne Nebenabsichten kommt, die Aufnahme nicht verweigert. Das Fehlen der eigentlichen Mission im Judentum der letzten zwei Jahrtausende bedeutet kein mangelndes Vertrauen in die Werbekraft des eignen Glaubens, sondern entspricht der Überzeugung, daß die Erfüllung ethischer Forderungen auch außerhalb seiner Kreise möglich ist.

 

Samson Hochfeld

 

Gleichheit aller Menschen

 Bibel

1: Und es wird geschehen in der Späte der Tage, da wird aufgerichtet sein der Berg des Hauses des Ewigen hoch über alle Berge und erhaben über alle Hügel — und strömen werden zu ihm alle Völker, und gehn werden viele Völker und sprechen: Auf, laßt uns hinaufziehen zum Berge des Ewigen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns belehre über seine Wege und wir gehen in seinen Pfaden, denn von Zion geht die Lehre aus und des Ewigen Wort von Jerusalem. — Jesaja 2, 2—3 u. Micha 4, 1—2.

2: Nicht spreche der Fremde, der sich dem Ewigen anschließt: Absondern wird mich der Ewige von seinem Volke ... — Jesaja 56, 3.

3: Und die Fremden, die sich dem Ewigen anschließen, ihm zu dienen und den Namen des Ewigen zu lieben, auf daß sie seine Diener seien, ein jeder, der den Shabbath wahrt, ihn nicht zu entweihen, und alle, die an meinem Bunde festhalten — sie bringe ich zu meinem heiligen Berge und erfreue sie in meinem Bethause; ihre Ganzopfer und ihre Schlachtopfer sollen wohlgefällig sein auf meinem Altar, denn mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker. Jesaja 56, 6—7.

4: Sie [die heidnischen Völker] werden eure Brüder aus allen Völkern als eine Gabe dem Ewigen bringen zu Roß, auf Wagen und in Sänften, auf Maultieren und Dromedaren auf meinen heiligen Berg in Jerusalem — spricht der Ewige, so wie die Kinder Israel die Opfergabe in reinem Gefäße in das Haus des Ewigen bringen. Und auch von ihnen werde ich zu Priestern und Leviten nehmen, spricht der Ewige. — Jesaja 66, 20—21.

5: In dieser Zeit wird man Jerusalem den Thron des Ewigen nennen, versammeln werden sich dahin alle Völker nach Jerusalem um des Namens des Ewigen willen, und nicht werden sie fürder der Verstocktheit ihres bösen Herzens folgen. — Jeremia 3, 17.

6: Dann werde ich den Völkern reine Lippen schaffen, daß sie alle den Namen des Ewigen anrufen und ihm einmütig dienen. — Zefanja 3, 9,

 

Palästinische Apokryphen

 

Welches Geschlecht steht in Ehren? Das Geschlecht des Menschen. Welches Geschlecht steht in Ehren? Die, die den Herrn fürchten. Welches Geschlecht steht nicht in Ehren? Das Geschlecht des Menschen. Welches Geschlecht steht nicht in Ehren? Die, die Gebote übertreten. — Sirach 10, 19.

 

Jüdisch-hellenistische Literatur

 

1: Und dann wird er ein Königreich errichten für alle Zeiten über alle Menschen, er, der einst das heilige Gesetz den Frommen gab, denen er verhieß, die ganze Erde zu erschließen und die Welt und die Tore der Seligen und alle Freuden und unsterblichen, ewigen Geist und ein frohes Herz. Von der ganzen Erde werden sie Weihrauch und Gaben zu dem Hause des großen Gottes bringen, und es wird kein andres Haus bei den Menschen sein auch der Nachwelt zur Kunde, als das, welches Gott den gläubigen Männern zu verehren gegeben hat. Denn den Tempel des großen Gottes werden es die Sterblichen nennen. — Sibyllinen III, 767—776.

2: Gott heißt die Tugend willkommen; auch wenn sie aus niedrer Abkunft sprießt. — Philo: De praemiis et poenis (de execrationibus), (M. II, 433, C.-W. 152).

3: Wenn es ein solches Volk [von Tugendhaften] gäbe, so würde es über die übrigen Völker hervorragen wie das Haupt über den Körper, nicht sowohl um sich auszuzeichnen, als vielmehr um den übrigen, die es bemerken, zu nützen. — Philo: De praemiis et poenis (M. II, 426, C.-W. 114).

4: Von solchem Geiste sagt der Prophet, daß Gott „in ihm wandle" wie in einem Königspalast — denn wirklich ist Gottes Palast und Wohnhaus der Geist des Weisen —; "sein Gott" heißt eigentlich der Gott aller Wesen, und er wiederum „das auserwählte Volk", nicht das Volk einzelner Herrscher, sondern das des einen wahrhaften Herrschers, das heilige (Volk) des heiligen (Gottes). — Philo: De praemiis et poenis (M. II, 428, C.-W. 123).

5: Jeder Mensch ist seinem Geiste nach der göttlichen Vernunft verwandt, da er ein Abbild, ein Teilchen, ein Abglanz ihres seligen Wesens ist. — Philo: De opificio mundi (M. I, 35, C.-W. 146).

6: Was haben wir also mit denen zu teilen, die auf den Adel, als wäre er nur ihr Eigentum, Anspruch erheben, während er ihnen (in Wahrheit) etwas Fremdes ist? Solche können, abgesehen von dem Gesagten, mit Recht als Feinde sowohl des jüdischen Volkes als auch aller Menschen allenthalben angesehen werden: des jüdischen Volkes, weil sie ihren Stammesgenossen die Freiheit gewähren wollen, ein vernünftiges und sittlich gekräftigtes Leben zu verachten im Vertrauen auf das Verdienst der Vorfahren; der andern Menschen, weil diese auch dann, wenn sie den Gipfel der Tüchtigkeit erreichen, keinen Nutzen davon haben sollen, weil sie nicht tadelfreie Eltern und Großeltern gehabt hätten. — Philo: De virtutibus (de nobilitate) (M. II, 444, C.-W. 226).

 

Talmudisches Schrifttum

 

1: Mißachte keinen Menschen. — Sprüche d. Väter IV, 3.

2: Die Frommen der Völker der Welt haben Teil am Jenseits. — Tossefta Sanhedrin 13, 2.

3: Rabbi Meir lehrte immer: Ein Heide, der sich mit der Thora befaßt, ist dem Hohenpriester gleichzuachten. Denn es heißt (3 M 18, 5): Wahret meine Satzungen und meine Rechte, die der Mensch üben soll, daß er in ihnen lebe. Es wird da nicht gesagt, Priester, Leviten oder Israeliten, sondern der Mensch. — Aboda sara 3 a.

4: Der Heilige, gelobt sei er, verwirft kein Geschöpf. Die Tore sind geöffnet, und wer eintreten will, mag kommen und eintreten. Denn so heißt es [Jes. 26, 2]: „Öffnet die Tore, daß eintrete ein gerechtes Volk, das die Treue wahrt." Es heißt da nicht: Priester, Leviten oder Israeliten, sondern: eintrete ein gerechtes Volk. — Sifra Abschnitt Achare mot; Schemot rabba c. 17.

5: Himmel und Erde rufe ich zu Zeugen an, es sei Nichtjude oder Jude, Mann oder Weib, Knecht oder Magd, nach dem Wirken jedes Menschen ruht der heilige Geist auf ihm. — Jalkut § 42.

6: „Sie lagerten in der Wüste", die Thora ward im Freilande gegeben, in aller Öffentlichkeit, an einer Stätte, die keinem gehört. Wäre sie nämlich im Lande Israel gegeben worden, so hätte das den heidnischen Völkern gesagt, daß sie keinen Anteil daran haben; darum ward sie im Freiland gegeben, in aller Öffentlichkeit, an einer Stätte, die keinem gehört, und wer sie annehmen will, komme und nehme sie .... R. Jose meint, es heißt ja (Jesaja 45, 19), „nicht im geheimen habe ich gesprochen, nicht an einer Stätte der Finsternis" usw.; als ich zuerst sie gab, gab ich sie nicht im geheimen, nicht an einer Stätte der Finsternis, nicht an einer Stätte der Dunkelheit, auch sprach ich nicht zu den Nachkommen Jakobs „euch allein gebe ich sie". — Mechilta zu 2. B. Mos. 19, 2.

7: „Gott liebt die Gerechten" (Ps. 146, 8); warum liebt er die Gerechten? Weil ihre Tugend nichts Ererbtes ist. . . . Wollte ein Mensch ein Levite oder ein Kohen sein, so kann er es nicht, wenn sein Vater kein Levite oder Kohen war. Will aber jemand ein Gerechter werden, so kann er, selbst wenn er ein Heide ist, ein Gerechter werden; denn die Gerechten kommen nicht von einem bestimmten Stamme her, sondern sie haben durch sich selbst diesen Vorzug erworben; deshalb heißt es: Gott liebt die Gerechten. — Midrasch zu Psalm 146; Bamidbar rabba c. 8.

8: Ob Israelit oder Heide — wer eine fromme Tat vollbracht hat, Gott wird sie ihm lohnen. — Tanna di be Elijahu c. 13.

9: „Deine Priester kleiden sich in Heil" (Ps. 132, 9). Damit sind auch die frommen Heiden gemeint, die ein priesterliches Leben führen. —  Jalkut zu Jesaia § 429.

10: Rabbi Simon b. Lakisch lehrt: Der Fremde, der aus innrer Überzeugung die Thora annimmt, ist höher zu bewerten als jene Scharen der Israeliten, die am Berge Sinai standen und die Thora annahmen, als sie die Donner vernahmen und die Blitze sahen. — Tanchuma Abschn. Lech lecha.

11: Den Priestern gleich sind die frommen Heiden, die Gott dienen. —  Otijjot di Rabbi Akiba § 7.

 

 

Mittelalter

 

1: Alle Israeliten haben Anteil an dem ewigen Sein und ebenso die Frommen der andern Völker. — Maimonides: Hilchot teschuba (Rückkehr zu Gott) III, 5.

2: Zu deiner Frage hinsichtlich der Völker: Wisse, daß Gott das Herz fordert, und daß alles von der Gesinnung abhängt. Darum haben unsre alten Weisen gesagt: Die Frommen der Völker der Welt haben teil am Jenseits, wenn sie sich angeeignet haben, was sie sich anzueignen vermochten von der Erkenntnis des Schöpfers, und ihre Seele veredelt haben durch gute Eigenschaften.  Und es ist kein Zweifel, daß jeder, der seine Seele veredelt hat durch Lauterkeit der Eigenschaften und durch Lauterkeit der Erkenntnis in der Auffassung des Schöpfers, daß der sicher teil hat am Jenseits. Darum haben unsre Weisen gesagt, ein Heide, der sich mit der Thora befaßt, ist dem Hohenpriester gleichzuachten. — Maimonides: Briefe, Ed. Lichtenberg, II, 23 d ff.

3: Solche, die sich zum Judentum bekehren, heißen Israeliten oder Juden, wenn sie auch von andern Nationen stammen. — Joseph Albo: Ikkarim (Grundlehren) IV 42.

 

Neueres jüdisches Schrifttum

 

1: Nach den Begriffen des wahren Judentums sind alle Bewohner der Erde zur Glückseligkeit berufen. — Moses Mendelssohn: Jerusalem, 1783, S. 170.

2: Gerade das Judentum ist's ja, das nicht spricht: außer mir kein Heil! Gerade das wegen seines vermeintlichen Partikularismus verschrieene Judentum lehrt ja: die Wackeren aller Völker wandern dem seligsten Ziele entgegen! Gerade die wegen ihres vermeintlichen Partikularismus verschrieenen Rabbinen weisen auf die Verkündigung des herrlichen Menschheitsmorgens im Munde der Propheten und Sänger hin, wie da nicht Priester, Leviten und Israel genannt, wie da die Gerechten, Wackeren und Braven aller Völker von dem herrlichsten Segen umschlossen seien. — S. R. Hirsch: Ges. Sehr. I, 1902, S. 155.

3: Unser Lied [Ps.8] meint, daß nur mit den Zorere ha-schem [Feinden Gottes] auch Aujew [Feinde] und Mitnakem [Rachsüchtige] aus der Menschengesellschaft schwinden werden, daß erst mit allverbreiteter Einkehr des rechten Gottesbewußtseins auch das rechte Menschenbewußtsein in jedem Menschengemüte und jedem Menschengeiste zur Herrschaft gelangen werde, jenes Bewußtsein von dem einen einzigen Gott und Vater der Menschheit, das zugleich in dem letzten gesunkensten Menschen noch die unverlierbare Göttlichkeit und in ihm das Gotteskind, den Bruder erkennen, achten und lieben lehrt und die Menschenfeindschaft tilgt .... — S. R. Hirsch: Ges. Schr. I, 1902, S. 394.

4: Wie groß immer der Gegensatz zwischen Menschen ist, die Gottesebenbildlichkeit ist ihnen allen charakteristisch und gemeinsam; sie ist es, die den Menschen zum Menschen macht. Nicht bloß dieser oder jener kann das Ebenbild Gottes sein, sondern der Mensch schlechthin ist es; denn er ist es von Natur aus. Ein jeder Mensch ist, wie die Heilige Schrift die Gottesebenbildlichkeit auch umschreibt, „das Kind Gottes". Er ist es durch sein Menschentum. Der edelste Adel, der einem Menschen gegeben sein kann, ist allen gegeben. Ihn einem absprechen, hieße ihn allen rauben. Über jeglicher Abgrenzung von Rassen und Völkern, von Kasten und Klassen, von Herrschenden und Dienenden steht der Begriff „Mensch". Wer immer Menschenantlitz trägt, ist befähigt und berufen, eine Offenbarung der wahren Menschheit zu sein. — Leo Baeck: Das Wesen d. Judentums, 1905, S. 93/94.

5: Die Anerkennung, die wir dem Nebenmenschen schulden, ist demnach unbedingt und unbeschränkt; denn sie beruht ausschließlich darauf, daß er ein Mensch ist. Wir sollen ihn ehren, nicht weil er vielleicht dieses oder jenes leistet und gilt, sondern weil er ein Mensch ist. — Leo Baeck: Das Wesen d. Judentums, 1905, S. 113.

6: Da der einzige Gott den Gott der Sittlichkeit bedeutet, so ist er nicht in erster Linie für das Individuum da, noch auch für die Familie, den Stamm und das Volk, sondern für die gesamte Menschheit. — Hermann Cohen: Religiöse Postulate, Vortrag, 1907, S. 14.

7: Mit den Juden müssen also alle Völker ohne jede Ausnahme von den entferntesten Inseln her gen Jerusalem ziehn. Und es darf kein Unterschied bleiben zwischen den Kindern Israel und den Söhnen der Fremde. Denn auch sie werden Priester und Leviten werden. Wir stehn vor der Zeit, da der „neue Bund" geschlossen wird; denn „die Thora wird ins Herz geschrieben" sein. Wir stehn vor der Zeit, da man sprechen wird: „Du bist unser Vater; Abraham hat uns nicht gekannt." — Hermann Cohen: Religiöse Postulate, 1907, S. 14/15.

8: Der Satz: „Gott hat Israel auserwählt" besagt demzufolge, daß der, der ihn geprägt, und wer ihn aufnimmt und als sein Bekenntnis wiederholt, an einen Gott glaubt, der der ganzen Menschheit den Weg zu sich bahnen will, der allen Menschen die Gotteskindschaft zu eigen gegeben und darum jemand zum Träger seiner Botschaft an die Menschheit bestimmt hat. — M. Dienemann: Israels Erwählung. 1914, S. 4.

9: Die Menschheit insgesamt aber ist geschaffen im Ebenbilde Gottes, nicht bloß der Stammvater dieses oder jenes Volkes, sondern der Stammvater aller, der auch die ganze Menschheit aus sich hervorgehen läßt als eine gleichberechtigte. — Abraham Geiger: Das Judentum u. s. Geschichte, I, 1865, S. 42.

10: Das Judentum hat die Schranken des engen Volkstums gebrochen; nicht die Geburt macht den Juden, sondern die Überzeugung, die Anerkennung des Glaubens, und auch derjenige, welcher nicht von jüdischen Eltern erzeugt ist, aber den wahren Glauben in sich aufnimmt, wird ein Vollberechtigter. Das Proselytentum in seinem edleren Sinne, wonach von den bisher Fernstehenden die Überzeugung aufgenommen wird, weil sie gleichfalls sich mit ihr einverstanden erklären, dieses Proselytentum ist ein Produkt des Judentums. — Abraham Geiger: Das Judentum u. s. Geschichte, I, 1865, S. 88/89.

11: Aber Gott ist der Vater aller Menschen, zu dem jeder in dem Verhältnis eines Kindes steht, und zu dem jeder, zu welcher Zeit immer, den Weg findet, wenn er ihn aufrichtig sucht. Das sind die Anschauungen, zu deren Bekundung der Neujahrstag durch seinen universalistischen Charakter den natürlichen Anlaß bietet, und die auch den Inhalt der Messiashoffnung des Judentums ausmachen. — M. Güdemann: Das Judentum i. s. Grundzügen, 1902, S. 103/104.

12: Das Judentum anerkennt, wie bereits dargetan wurde, daß es auch außerhalb seiner solche Fromme gibt, und es gesteht ihnen die ewige Seligkeit zu. Einen höhern Preis hat es selbst für seine Bekenner nicht zu vergeben. Ein Himmelreich, in das nur Juden Einlaß finden, oder in welches der Eintritt nur auf ein jüdisches Symbolum gewährt wird, kennt das Judentum nicht. — M. Güdemann: Das Judentum in s. Grundzügen, 1902, S. 105.

13: Aber das Judentum anerkennt das Verdienst eines jeden, der an der Heiligung Gottes auf Erden mitwirkt. Daß sie endlich verwirklicht und „die Welt zu einem Gottesreich geordnet werde", wie es in dem täglichen Schlußgebete heißt, ist die Hoffnung des Judentums für die Zukunft der Menschheit. M. Güdemann: Das Judentum in s. Grundzügen, 1902, S. 105.

14: Wir Juden haben eine andere Vorstellung von dem Gott der Liebe. Weil wir an einen Gott der Liebe glauben, der alle Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen hat, darum glauben wir an einen Fortschritt, der sich unaufhaltsam in der Geschichte der Menschheit vollzieht, und darum glauben wir an den Sieg des Versöhnungsgedankens im Leben der Völker. Jedes Kulturvolk als der Träger einer Idee steht im Dienste der ganzen Menschheit. Sein Ideal ausgestaltend, die ihm übertragene Mission erfüllend, bereichert und erweitert es den Besitz der gesamten Menschheit, trägt es dazu bei, die Menschheit ihrer letzten Bestimmung entgegenzuführen. Es kommt der Tag, wo diese Erkenntnis zu siegreichem Durchbruch gelangen und der Bruderbund der ganzen Menschheit erstehen wird. Dann wird der Versöhnungsgedanke des Judentums, die wahre Versöhnungsidee den Sieg errungen haben. Nicht der Messias erlöst die Menschheit von der Sünde, sondern wenn die Menschheit durch eigene Kraft von der Macht der Sünde sich befreit hat und zu wahrer sittlicher Vollendung herangereift ist, dann ist der Messias für sie gekommen. — Jakob Guttmann: Die Idee der Versöhnung im Judent. Heft „Vom Judentum", 1909, S. 14/15.

15: Anderseits bestreiten wir, daß irgendein Mensch hier auf Erden lebt, dem kraft seiner Hautfarbe, kraft seiner Gesichtsbildung, kraft seiner Abstammung die Fähigkeit verlorengegangen wäre, sich sittlich zu bewerten und seiner sittlichen Würde als Mensch treu zu bleiben. Daher stehen wir fest gegen allen Rassenhaß. — Emil G. Hirsch: Die Beiträge d. Judentums z. lib. Religion, 1911, S. 466.

16: Vor allem aber hat in Israel die Moral zuerst die nationalen Schranken niedergerissen, alle Menschen als Kinder Gottes bezeichnet und im Geiste eine ferne Zukunft geschaut, in welcher alle Menschen einmütig Gott dienen werden in Reinheit und Heiligkeit, in Gerechtigkeit und Liebe. — Max Joseph: Zur Sittenlehre d.  Judentums, 1902, S. 18.

17: Durch diesen Bund Gottes mit Noah und seinen Nachkommen für alle Geschlechter wird die Religion als die universale Grundlage menschlicher Gesittung dargestellt. Damit ist aber von vornherein der Grundgedanke ausgesprochen, daß das Judentum auf der breiten Grundlage einer Menschheitsreligion stehen und diese in voller Reinheit hergestellt sehen will. Wie die biblische Geschichte mit dem Menschengeschlechte beginnt, so findet die Geschichte Israels oder das Judentum das Endziel in dem die ganze Menschheit umschließenden Gottesbunde. — Kaufmann Kohler: Grundr. e.  syst. Theol. d. Judentums, 1910, S. 37/38.

18: Nicht am Roten Meer, am Sinai erst wurde Israel erlöst und mit Israel die Menschheit, lehren die Rabbinen an vielen Stellen, u. a. in der Allegorie, daß Gott Moses befohlen habe, das Gesetz in allen 70 Sprachen aufzuschreiben, damit alle Völker es empfangen können. Vgl. dazu die Stelle in Mechilta Jithro P. Bachodesch. — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums I, 1899, S. 25.

19: Nach ihrem [der ältesten Ethik des Judentums] wesentlichen Gehalt aber, in ihren Hauptgedanken über den Grund und das Ziel aller Sittlichkeit ist sie nicht eine nationale, sondern eine universale Sittenlehre; das heißt, die sittliche Erkenntnis ist nicht für dieses Volk allein, sondern für alle Welt geschaffen; die Ideale einer bestimmten Lebensführung werden nicht bloß den eignen Angehörigen verkündet, in deren Mitte sie ausgebildet werden, sondern der ganzen Menscheit, deren Vereinigung im Erfassen und Erfüllen dieser Ideale den Inhalt der wichtigsten Gebete, die nie gestillte Sehnsucht und die nie verzagende Hoffnung aller Edlen ausmacht. — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums, 1899,1, S. 144.

20: Zum Aufbau der sittlichen Weltordnung, zur geistigen Gestaltung der Ideenwelt und ihrer Verwirklichung im realen Leben ist die ganze Menschheit berufen. — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums, I, 1899, S. 149.

21: Was uns aber durch die Propheten „geoffenbart", ist einfach und schlicht die Aufgabe: Gott lieben und in seinen Wegen wandeln; und diese Aufgabe ist allen Völkern gestellt. — H. Steinthal: Über Juden u. Judentum, 1906, S. 14.

22: Das Judentum, als religiöse Gemeinschaft oder religiöses System, hat nie allein seligmachende Prätensionen gehegt; es verbürgt kein Seelenheil durch die Zugehörigkeit zu ihm und versagt es niemandem, der nicht als Jude geboren wurde. Jeder, — so lautet die talmudische Lehre (Megilla 13 a), — der den Götzendienst verwirft, ist ein Jehudi, und nur die sittliche Vervollkommnung verschafft den Menschen das ewige Heil. — Ludwig Venetianer: Jüdisches im Christentum, 1913, S. 27/28.

23: Die Grundvoraussetzung der mosaischen Lehre, der Glaube an einen einzigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, mußte den Gedanken an die Gotteskindschaft aller Menschen nahelegen und demnach die Verpflichtung zur brüderlichen Gesinnung gegen alle Menschenkinder hervorrufen. Denn im Mosaismus quillt das Sittengesetz aus dem Glauben an den einig-einzigen, heiligen Gott, der die Menschen zu seiner Nacheiferung berufen. Wie Gott selbst, so mußte darum auch sein Sittengebot alle seine Ebenbilder in gleicher Weise umfassen. — Begründung der öffentlichen Erklärung über die interkonfessionelle Stellung des Judentums. (Abgedruckt in: Verhandlungen u. Beschlüsse der Rabbiner-Versammlung i. Berlin am 4. u. 5. Juni 1884, S. 87.)

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Der Sinn der Sukko.

In Hütten sollt ihr sieben Tage wohnen,

Denn in Hütten habe Ich  eure Väter wohnen lassen,

Als Ich sie aus Ägypten herausführte.

III Mos. 23, 42. 43.

I.

Als unsere Väter aus Ägypten zogen, mussten sie vierzig Jahre lang durch eine Einöde dahinziehen, mussten im Sonnenbrand den weiten Wüstensand durchwandern und in leichtgebauten Hütten wohnen. Da grünte kein Halm, reifte keine Frucht, sprudelte kein Quell. Und Gott gab ihnen das Manna zur Speise, und aus Fels und Kiesel liess Er das Wasser hervorrieseln, ihren Durst zu stillen. Durch diesen Leidensweg und diese Kette von Prüfungen sollte nach dem Willen des Allmächtigen sich dem Herzen des jüdischen Volkes der Gedanke unauslöschlich und unverlierbar für alle Zeiten einprägen, dass der Mensch sein Glück nicht allein zu begründen vermag, dass vielmehr Gott es ist, der uns den Tisch des Lebens deckt, Gott, der uns nährt und speist, der uns erhält und vor allen Gefahren beschützt, Er allein! Gott ist unser Schutz, das ist die erste und wichtigste Lehre der Sukko. Spiegelt nicht den gleichen Gedanken tausendfältig die ganze jüdische Geschichte wieder? Durch eine Menschenwüste hat Gott uns geführt, in welcher feindliche Gewalten uns von allem ausschlossen, was das menschliche Leben verschönt und genussreich gestaltet, in welcher das Streben unserer Verfolger beständig auf das eine Ziel gerichtet war „der Namen Israels soll nicht mehr genannt werden." Aber Gott war unser Schutz und Beistand, Er war der Fels unseres Heils, und die Wogen des Hasses brachen sich, ohne uns vernichten zu können.

Unsere heilige Religion liebt den Anschauungsunterricht. Darum gebietet sie, dass wir alljährlich für sieben Tage unser festes Haus verlassen und in einer schwachen Hütte unsern Wohnsitz aufschlagen, in welcher nur ein wenig Laub über unserem Haupte die Decke bildet. Nicht auf dein Haus vertraue, so lehrt uns die Sukko, sondern auf Gott. Er kann dich auch in einer gebrechlichen Hütte schützen; und entzieht Er dir seinen Beistand, so hilft dir kein Haus und kein Palast, auch wenn sie noch so fest gebaut und herrlich eingerichtet sind. Warum bist du so stolz auf deinen Besitz und vergötterst deinen Reichtum, glaubst, er sei gesichert „fest wie der Erde Grund". Ach, die jüngste Zeit mit ihren traurigen Erfahrungen hat es wieder gelehrt „nichts nützt der Reichtum am Tage des göttlichen Zornes." Grosse Vermögen, gewonnen in jahrzehntelanger Arbeit, sind in wenigen Augenblicken verloren gegangen, in kurzer Zeit völlig entwertet worden, und wie viele mussten ihr Haus verlassen, um einer Ungewissen Zukunft entgegen zu gehen! Und bliebe auch dein Vermögen unangetastet, kann dich Gott nicht hinwegnehmen von deinem Besitze, ist unsere Gesundheit und unser Leben nicht täglich und stündlich in seiner Hand?

Sieh dir die Sukko an, welche unsere Thora alljährlich uns zu errichten befiehlt! Für die Beschaffenheit der Wände gibt es keine Vorschrift. Sie können aus einfachen Latten bestehen oder aus Holz, sie können aus festem Stein gebaut sein oder sogar aus Metall. Aber in einem sind sie alle gleich: ein leichtes Laubdach wölbt sich über allen. So sind wir Menschen verschieden nach Reichtum und Stellung und Ansehen. Aber in einem sind wir alle gleich, Reich und Arm, Hoch und Niedrig: wir alle bedürfen des Schutzes des Allmächtigen, und ohne Ihn können wir nicht bestehen. Ist aber Gott unser einziger Schutz, so müssen wir uns fragen: Verdienen wir seinen Beistand, sind wir seiner Hilfe wert? Durch das Blätterdach sehen wir die Sterne schimmern, wie Augen des Himmels. Gott sieht uns, Gott hört uns. Sei fromm und diene Gott, dann und nur dann kannst du getrost vertrauen auf den Allmächtigen, der deine Geschicke leitet.

 

II.

Die Hütte darf keine feste Wohnung sein, sonst verliert sie den Charakter der Sukko, sie muss vielmehr einen nur vorübergehenden Aufenthalt vorstellen. Ist so die Sukko nicht ein Bild des Lebens? Nur sieben Jahrzehnte sind nach dem bekannten Worte des Psalmisten unserem Erdenleben zugemessen. Flüchtigen Fusses gehen wir durch das Dasein. Dann aber winkt uns der Tod, und wir ziehen ein in ein höheres Leben. Diese Welt ist nur eine Halle vor der künftigen Welt. Hier sollen wir uns als gut und fromm bewähren, dann winkt uns der Lohn in der Ewigkeit. Wie wenig wird diese Lehre der Sukko berherzigt! Wir bauen uns die Hütte unseres Lebens, als würden wir ewig auf Erden weilen. Wohl wissen wir, dass dies nicht der Fall ist „Alle wissen und sprechen mit dem Munde," dass sie sterben werden. Kann man denn auch mit einem anderen Organe reden, als mit dem Munde? Aber wir sprechen es eben nur mit dem Munde, unser Tun jedoch entspricht nicht unsern Worten. Wir suchen Geld und Gut zu häufen, als würden wir ewig auf Erden leben, sorgen mit allem Eifer für Jahrzehnte voraus, als wüssten wir gewiss, dass wir sie erleben werden. Aber die Hauptsache vergessen wir völlig, dass dieses Leben nur ein vorübergehendes ist, und dass wir nach dem Tode werden Rechenschaft ablegen müssen über unser Wirken auf Erden. Dieses Leben wird häufig mit einem Traum verglichen. Aber dem Traum folgt das Erwachen, und für dieses Erwachen zu sorgen durch Erfüllung der göttlichen Gebote, durch fromme Werke, durch edle gute Taten, die uns einst vor den Thron Gottes begleiten sollen, daran denken wir nicht oder doch nicht genug. Sieh dir deine Sukko an, nur einen vorübergehenden Aufenthalt stellt sie dar. So ist dein Dasein. Lebe nach Gottes Willen und tue den Menschen Gutes, so lange dir die Sonne des Lebens scheint, damit du einst geschmückt mit einem guten Namen hinübergehest in das ewige Leben.

 

III.

Die Hütte darf nicht niedriger sein als zehn Tefach und nicht höher als zwanzig Ellen. Eine wichtige Lebensregel liegt in dieser Vorschrift. Der Jude soll nicht auf alle Genüsse der Welt verzichten, er soll seine Lebenshütte nicht zu niedrig, er soll sie menschenwürdig bauen. Aber auch nicht allzu hoch darfst du deine Hütte aufrichten wollen. Schaue nicht neidisch auf das Haus des Nachbars, das schöner als das deine ist. Blicke auf diejenigen, die vom Glücke minder begünstigt sind als du, und sei zufrieden mit deinem Lose. Nicht Glanz und Flitter sichern dir dein Glück. Je bescheidener deine Ansprüche an das Leben sind, um so mehr Aussicht hast du, dass sie Erfüllung finden. Wie schön wäre es, wenn wir zu der einfachen Lebensart unserer Väter zurückkehren möchten. Sie machten keinen Aufwand und waren dennoch glücklich, glücklicher als ihre verwöhnten Kinder.

Ein vornehmer Römer, so erzählen uns die Weisen im Midrasch, kam einst zu Rabbi Elieser und erklärte ihm, er wolle zum Judentum übertreten. Nur störe ihn in der heiligen Schrift, die ihm im übrigen ausgezeichnet gefalle, der Satz: „Gott liebt den Fremdling, ihm Brot und Gewand zu geben." Brot und Gewand, sprach der Römer, hat auch der Geringste von meinen Sklaven. Das Versprechen von Brot und Gewand kann mich gewiss nicht verlocken, das Judentum anzunehmen. Da sprach Rabbi Elieser zu ihm: Wenn dir dasjenige nicht genügt, um das unser Vater Jakob so herzinnig gebetet hat „Gib mir Brot zu essen und ein Gewand anzuziehen," wenn du nicht bescheiden bist in deinen Ansprüchen an das Leben, so wäre es besser, du würdest dem Judentum fern bleiben. Jakob, unser Stammvater, sei, wie in allem, so auch in seiner Bescheidenheit unser Vorbild. Wie bald würde die Hast und Ruhelosigkeit, mit der wir durch das Leben jagen und uns selbst um die höchsten Güter des Daseins bringen, aufhören, wenn wir anspruchsloser wären und nicht einer dem andern in Reichtum und Luxus es gleich und zuvortun wollte! Einst, so sagen unsere Weisen, wird der Prophet Elia das Fläschchen mit dem Manna zurückbringen, das verloren gegangen ist. Das Manna ist das Bild der Einfachheit und Genügsamkeit. Eine Vorbedingung der Erlösung und des wahren Glückes ist Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit!

 

IV.

Die Hütte muss so beschaffen sein, dass in ihr mehr Schatten ist als Licht, sonst ist sie zur Benutzung ungeeignet. Eine tiefe Lehre der Erziehung liegt in dieser Bestimmung. Die meisten Eltern sind gegen ihre Kinder schwach. Sie suchen ihnen jeden Wunsch zu erfüllen und jeden Stein des Anstosses aus ihrem Lebenswege zu entfernen. Mein Kind soll es einmal gut haben, besser als ich es hatte, so sprechen der Vater und die Mutter. Ob sie ihren Kindern damit wirklich etwas Gutes tun? Von einem missratenen Sohne des Königs David heisst es: „Sein Vater hatte ihn nie betrübt und nie zu ihm gesprochen: Warum tust du so?" Der König David hat mit seinen Erziehungsgrundsätzen kein Glück gehabt, und an diesem Sohne wenig Freude erlebt. Im Gegensatz hierzu lehrt die Heilige Schrift: „Wer die Rute zurückhält, hasst sein Kind," und „Gut ist es für den Mann, wenn er ein Joch trägt in seiner Jugend."

Mehr Schatten als Licht, das ist die Mahnung der Sukko. Nicht jeder Wunsch, kaum ausgesprochen, werde den Kindern gewährt. Sonst treten sie verweichlicht und verwöhnt ein in das Leben, das den Menschen manchesmal hart anpackt, und in welchem diejenigen am besten bestehen, die von vernünftigen Erziehern von Jugend auf gelehrt worden sind, auf so manches zu verzichten, manches Begehren als unerfüllbar aufzugeben und trotzdem froh und zufrieden zu sein.

Welch vortreffliches Mittel zur Erziehung bietet die Gewöhnung an die Erfüllung der Vorschriften unserer heiligen Religion! Kinder, die gewöhnt sind, des Morgens zu beten, bevor sie ihren Hunger stillen, des Abends das Nachtgebet nicht zu vergessen, ehe sie müde ihre Ruhestätte aufsuchen, die nach Fleischspeisen mehrere Stunden warten, bevor sie Milch geniessen, die es gelernt haben, auf so manche lockende Speise zu verzichten, weil Gott sie uns verboten hat, werden später im Leben nicht leicht nach Unerlaubtem die Hand ausstrecken, denn es ist ihnen zur zweiten Natur geworden, sich zu beherrschen und zu bezwingen und ihre Begierden dem Diktate der Pflicht unterzuordnen.

Machen wir doch unsere Kinder auf die Schattenseiten des Lebens aufmerksam. Lehren wir sie, dass unter den Genüssen und den scheinbar unschuldigen Vergnügungen die Schlange der Versuchung und der Verführung lauert. Lehren wir unsere Kinder, die Sünde zu scheuen und Gott zu fürchten. Schärfen wir es ihnen ein, dass vor Gott nichts verborgen ist, und dass Er nichts vergisst, dass Er wohl ein Gott der Güte und der Barmherzigkeit ist, dass Er aber auch die Missetat straft und die Untreue ahndet, und dass jede Schuld sich rächt auf Erden!

 

V.

Die Hütte darf nicht mit Gegenständen bedeckt sein, die für Unreinheit empfänglich sind.

Nach Reinheit müssen wir Juden streben, mehr als andere Völker.  Hat uns doch Gott ein hohes Ideal vorgezeichnet „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk." Wir wissen ja auch, dass man uns Juden mit besonders strengem Masstabe misst. Wenn ein Jude sündigt, so zürnt man der ganzen Gemeinde, und die Fehler des Einzelnen werden der Gesamtheit zur Last gelegt. Ja, noch mehr, Gott, Israel und seine Lehre bilden, nach einem bekannten Ausspruch im Sohar, eine Einheit. So wird auch, nach dem Verhalten Israels unter den Völkern, Gott und seine Lehre gewertet und beurteilt. Gibt es z. B. jüdische Wucherer, so führt das zu einer Entweihung des göttlichen Namens. Dann wird für die Vergehungen Einzelner die jüdische Religion verantwortlich gemacht, dann ist der Talmud schuld, dann taugt das jüdische Gesetzbuch, der Schulchan Aruch, nichts, und der Gott der Juden ist ein Gott der Rache! Sind wir Juden aber gewissenhaft, treu und ehrlich, edel und gut, so ist das eine Heiligung Gottes, und Gottes Namen wird durch uns gerühmt und zu Ehren gebracht.

 

VI.

Das Laub auf der Sukko darf nicht mit dem Baume verbunden, es muss vielmehr abgepflückt sein.

Was ist unser? Worin besteht unser Besitz, auch wenn wir einmal von hinnen gehen? Auf diese Frage gibt das abgeschnittene Laub auf der Sukko die Antwort. Was irdisch ist, verbunden mit der Erde, bleibt auf Erden zurück, und wer viel Geld zusammen scharrt, hat nach dem alten wahren Wort eines jüdischen Königs für Andere gesammelt. Aber was wir abgepflückt und für Höheres verwendet haben, die Stunden, die wir im Gotteshaus zugebracht, die Zeiten, die wir der Thora geweiht, die Mizwos, die wir vollbracht, die Wohltaten, die wir geübt haben, sie gehören uns in Wahrheit, sie bleiben unser Besitz, und sie gehen einst mit uns, wenn Gott uns ruft.

 

VII.

Eine Türe soll an der Sukko nicht fehlen. Die Türe stellt die Verbindung dar zwischen dem Bewohner der Sukko und der Aussenwelt. Sei kein Egoist, so lehrt uns diese Vorschrift. Arbeite nicht bloss für dich und deine Familie, wirke auch für deine Nebenmenschen und betätige dich als ein nützliches Glied der menschlichen Gesamtheit. Denke an das schöne Wort des Hillel „Wenn ich nur für mich lebe, was bin ich dann?" Das höchste Glück ist, andere zu beglücken, die wahrste Freude, andere zu erfreuen. Gib den Armen, gib ihnen wieder und wieder und werde nicht müde zu geben, und das Streben, Anderen Gutes zu tun, werde dir zur zweiten Natur. Unser grosser Lehrer Maimonides wirft einmal die Frage auf, was besser sei, einmal eine grosse Summe für gute Zwecke zu geben, oder die gleiche Summe in vielen kleinen Teilen. Ist es verdienstlicher und empfehlenswerter, einmal tausend Franken zu verschenken, oder tausendmal je einen Franken? Er antwortet, das letztere sei vorzuziehen, denn wer einmal sich zu einer grossen Gabe aufschwingt, dessen Herz kann leicht wieder hart werden, so dass er sein Ohr ein anderes Mal dem Ruf der Not verschliesst.   Aber wer tausend mal gegeben hat, der wird nicht mehr aufhören zu geben, und das Wohltun wird ihm zu einer schönen Gewohnheit. Vielleicht ist dies der Sinn des Thorawortes „Geben, geben sollst du, und es verdriesse dich nicht, ihm zu geben," wie die Alten es erklären: hundertmal sollst du geben, dann wird es dir nicht mehr schwer fallen, deinem armen Bruder zu helfen.

Sukkaus ist ein Fest der Freude und die Thora ermahnt uns: „Du sollst dich freuen an deinem Feste, du, dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd, der Levite und der Fremdling, die Witwe und die Waise, die in deinen Toren sind." Unsere Weisen bemerken aber hierzu so schön und sinnig, Gott spricht zu uns: „Meine Vier entsprechen deinen Vier; wenn du die Meinen erfreust, erfreue ich die Deinen."3 So wird durch das Gute, das wir Anderen erweisen, Sukkaus, das Fest der Hütten, wahrhaft werden eine Zeit  unserer  Freude!

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Adar.

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Sachor. Purim.

Keinem Menschenstamme ward also wie dem jüdischen das Loos, mit offenem, vorwärts schauendem Blicke durch die Geschicke der Zeiten zu wandern. Gleich beim Beginn seines völkergeschichtlichen Daseins führte Gott ihm Ereignisse zu, auf die, wie auf einen prophetischen Spiegel, immer wieder sein Blick sich wenden sollte, darin sich zu erkennen, sein Verhalten zu seiner Aufgabe, seine Stellung zu den Brüdervölkern, sein jederzeit von ihm selbst zu säendes, züchtigendes, erziehendes, prüfendes, lohnendes Geschick. Der seine Aufgabe und seine Geschichte kennende Jude wird von keinem Ereignis überrascht, von keinem bestürzt, von keinem geblendet. Ein Rückblick in den ihm von Gott immer neu vorgeführten Spiegel seiner Vergangenheit - und er findet sich überall und in Allem zurecht, weiß jedes Ereignis seiner Zeit zu würdigen und steuert mit ruhigem Auge auf glatter See wie durch Sturm und Brandung, dem einen Ziele zu, zu welchem Gott ihn leitet. Vorbereitet ist er auf alles. Er traut keinem Augenblicke und fürchtet keinen. Nicht in den politischen Gestaltungen der Verhältnisse, in der eigenen Brust sucht er den Grund zur Hoffnung oder Furcht. Ein unverdientes Glück kann ihn nicht beruhigen, ein unverdientes Leid nicht beugen. Nur das Zeugnis, das ihm die eigene Brust ausstellt, kann ihn heben oder niederschlagen. Er kennt nur einen Feind: die Sünde; er kennt nur einen Panzer: die Unschuld.
Der Sabbat vor dem Purimfeste ist der zweite, für den großen Frühlingsmonat vorbereitende Sabbat.
Sabbat Schekalim rief in uns das jüdische Gesamtbewusstsein wach, das Bewusstsein, dass wir alle einer großen Gesamtaufgabe angehören, und wie zerstreut, wie verschieden nach Kraft, Vermögen, Stand, Beruf auch immer, doch alle gleich berufen sind an einem heiligen Gotteswerk zu arbeiten. Was wird unser Geschick sein mit solchem Beruf? was haben wir mit solch´ eigentümlicher Sendung im Kreise unserer Menschenbrüder zu erwarten?
„Sachor!“ spricht dieser Sabbat, „schau zurück, gedenke was dir Amalek getan, auf dem Wege, als ihr aus Mizrajim zogt!“
Was dich in aller Zukunft treffen wird? Was dir bei deinem ersten Schritt, auf deiner geschichtlichen Wanderung begegnet!
Durch den geschichtlichen Zusammenhang des Ereignisses im 2ten Buche der Thora und die Zusammenstellung des Gedächtnisgebotes mit den anderen Gesetzen im 5ten Buche, hebt dieses „Sachor“, dieser Aufruf zum Rückblick auf den ersten Zusammenstoß Israels mit dem Brudervolke, warnend und ermutigend den Finger auf und spricht: Nicht die Treue, nicht das entschiedene Ausharren im jüdischen Berufe, nicht die unerschütterte Anhänglichkeit an das gottgebotene eigentümliche jüdische Leben zieht euch die Feindseligkeit der nichtjüdischen Brüder herbei; seiet Juden, volle, ganze Juden, erfüllet eure jüdischen Pflichten in der ganzen herrlichen Fülle des von Gott gezeichneten Lebens! So sehen es alle Völker der Erde, dass der Name Gottes über euch walte und wagen achtungsvoll es nicht euch anzutasten! Menschentäuschender Vorwand war es und ist es, wenn ein Haman seinen Judenhass durch die jüdische Absonderlichkeit beschönigt, die dieses so zerstreute Volk trotz seiner Zerstreuung doch so „gesondert“ unter den Völkern und so anhänglich an ihre von allen anderen Völkern abweichenden Gesetze und Sitten sein lässt, und nichtige Täuschung wäre es, wenn wir durch Abstreifen dieser jüdischen Eigentümlichkeit uns die Völkerfreundschaft zu erkaufen und für immer zusichern vermeinten.
Hamans Ahn, Amalek, fiel über Israel her, als es noch nicht diese absondernden Gesetze am Sinai erhalten hatte, und wenn wir auch die ganze sinaitische Gesetzgebung wiederum preisgeben und das Positive unseres Judentums auf das Minimum unserer vorsinaitischen jüdischen Eigentümlichkeit reduzieren möchten, die letzte Faser in welche du dein „Jude sein“ im Gegensatze zum Nichtjuden flüchtest – und wäre es auch zuletzt nur noch der bloße Name „Jude“ – wird jederzeit einem Haman und Amalek genügen, um ihre Feindschaft und ihren Hass zu beschönigen. Ja, mit deinem entgegenkommenden Abfall gibst du diesem Vorwande des Judenhasses erst den rechten Schein einer Begründung. Durftest du so vieles, so das meiste vom Judentum preisgeben, warum denn so eigensinnig an das letzte Wenige halten! Durftest du so fast den ganzen Juden ausziehen, warum denn nicht wirklich den ganzen Juden fahren, und über das Grab des Judentums Jakob und Esau sich die Bruderhand zur ewigen Verbrüderung reichen lassen?! Nicht das ist das Ziel, das der Herr der Zeiten als Lösung diese Gegensatzes bestimmt. So lange es Nacht auf Erden ist, wird der Ringkampf dieser Gegensätze dauern, Jakob den Esau nicht und Esau nicht den Jakob überwinden, wohl aber Esau Jakob nicht den festen, selbstständigen Fuß zu Boden setzen lassen. Wenn aber der Morgen anbricht und der Kampf sein Ziel finden soll, dann wird dieses Ziel nicht in Aufgeben und Aufgehen des Jakobsberufes gefunden werden, dann wird nicht Jakob der Überwundene sein, dann wird Esau zum Jakob sprechen, lass mich frei, denn der Morgen ist angebrochen, die Zeit des Kampfes ist aus. Jakob aber spricht, wohl lasse ich dich, aber nicht eher lasse ich dich, bis du mich gesegnet, bis du mir die Anerkennung gezollt, dass ich nicht den Fluch und den Hass und die verfolgende Feindschaft verdient, bis du es voll anerkannt, welchen Segen ich verdiene – und du mich segnest. Bis zu diesem Morgenrot der Zeiten aber sollte Jakob vorbereitet und gerüstet sein für Gegensatz und Kampf; diese Mahnung sandte ihm Gott bei jedem Eintritt einer neuen Phase seiner geschichtlichen Wanderung in der Mitte der Völker. Edoms Genius trat entgegen als die erste Jakobsfamilie ein selbstständiges Plätzchen auf Erden suchte, Amalek hob das Schwert auf, als das befreite Israel seiner Nationalexistenz entgegen ging, und Haman grüßte Juda, als seine Söhne ihre weltgeschichtliche Zerstreuung in der Mitte der Nationen antraten.
Nicht aber in der Erschlaffung, nicht in der laxeren Erfüllung jüdischer Pflichten liegt Juda´s Wehr und Panzer in diesem Kampfe; sondern in standhafter, treuer, voller Lösung der ihm von Gott gegebenen Aufgabe, liegt seine Stärke und sein Sieg. „So lange Moscheh´s Hand zu Gott gehoben bleibt, - wie es der Väter Weisheit erläutert, - so lange Israel nach oben blickt und sein Herz dem Dienste seines Vaters im Himmel weiht, so lange steht es gepanzert in eigener Macht. Erst wenn diese Hand und diese Kraft und dieser Sinn erschlafft, wird ihnen Amaleks Stärke fühlbar.
Ja, jede unsanfte Berührung von Amaleks Finger, soll Juda die Mahnung sein, im eigenen Kreise sich umzuschauen, wo der jüdische Sinn erschlafft. Denn irgendwo muss Israel seine Pflichten verabsäumt haben, lehrt der Väter Weisheit, wenn Amalek kommen soll.
In ,ydypr überkommt Israel Amaleks Kampf! Nur wenn Israel an der Göttlichkeit der eigenen Sendung zweifelt, zweifelt ob Gott unter uns waltet oder nicht, und in diesem Zweifel schlaff und nachlässig wird in Handhabung des göttlichen Wortes, - nur wenn Israels Söhne, nur wenn sie aus der Höhe der göttlichen Wege und darum aus dem Schutze der göttlichen Fittiche sinken, - oder, - wie die Zusammenstellung im 5ten B. M. lehrt, und die Weisheit der Väter sinnig hervor hebt, - wenn Israels Söhne im sozialen Menschenverkehr nicht die Redlichkeit und Rechtlichkeit bewahren, die den Grundcharakter Jeschuruns bilden soll, die zu ihnen spricht: „nicht zweierlei Gewicht sollst du haben in der Tasche und nicht zweierlei Maß sollst du haben im Hause!“ und deren ungetrübte Bewahrung Grundbedingung der göttlichen, schützenden Bundesnähe bildet, nur dann hat Israel Amalek zu fürchten!
Wenn aber Israel seine Pflichten voll begreift und voll erfüllt, wenn es als „Priesterreich“ dasteht seinem Gotte und als „heilig Volk“ im Verkehr der Menschen, dann mag es immerhin, so lange es noch Nacht auf Erden, „zerstreut“ sein und auch „geschieden“ erscheinen in der Mitte der Nationen, dann mag auch immerhin dieser priesterliche heilige Wandel es noch „sondern“ von Sitten und Wegen der Völker, und – so lange es noch Nacht ist auf Erden – diese Absonderung einer selbstsüchtigen Hamansfeindschaft als willkommener Vorwand zur Verfolgung dienen – über Völkerwahn und Ministerränke und Fürstenschwäche steht Gott, der nicht nur den Wogen des Weltmeeres, der auch dem Wallen des Fürstenherzens zur Rettung seiner Treuen gebietet, der nur einen Schlummer von dem müden Lide eines Königsauges scheucht um noch nach Jahrtausenden zu zeigen, dass die wahre Macht doch auf Gottes Throne ruhet, der zu jeder Zeit für die schwache, preisgegebenen Unschuld gegen gottvergessene Amaleksgewalt streitet, dem daher auch noch das späteste Geschlecht seinen Altar bauen und in heiterer Zuversicht sprechen darf: ! “Gott ist mein Panier!“

1. Paraschath Parah.

„Dem Feste soll mit dem Bewusstsein der Reinheit des eigenen Menschenwesens von Jedem entgegengegangen, und deshalb mussten die inhaltsschweren Reinigungsgesetze von jedem beachtet werden!“ Dies das Motiv, welches für den dritten Vorbereitungssabbat die Paraschah der hmvda hrp, die große, die ewige Lebenswahrheit der hrhu, der „Reinheit“ lehrende Institution der „roten Kuh“, zum Vortrage bestimmte.
Hier ist die Bedingung, die Basis, der Boden der ganzen Thora, welche Gott geboten! Hier ist die Voraussetzung, auf welcher das ganze göttliche Gesetz beruht! Die Lehre dieser Institution muss in uns lebendig werden, oder die ganze Tora ist vergebens für uns geschrieben, und Tempel und Altar und Opfer und Feste sind für uns bedeutungslos und schaal.
Diese Bedingung, diese Basis, dieser Boden, diese Voraussetzung, mit welcher alles steht und fällt, heißt: „Taharah“ hrhu!
Ein späterer Sprössling des Judentums hat einige abgefallene Blütenblätter von dem großen, das verlorene Paradies auf Erden wieder bringenden „Baume des Lebens“ in den Schoß der Menschen gestreut, und schon der Duft dieser wenigen Paradiesesblüten hat eine ersterbende Menschheit vom Grabe zurück gerufen, hat neues Leben den Gemütern, neues Licht den Augen, neue Kraft und neue begeisternde Ziele dem Streben der Menschen gebracht. Und weil schon diese wenigen Blütenblättchen, wenngleich abgerissen, und oft fletriert, schon solches Wunder geübt, vermeint man bald in ihnen den ganzen Baum des Lebens zu haben, sah nicht, wie dies eben nur abgefallene Blütenblätter waren, deren Tausende den heimischen Boden dieses Lebensbaumes decken, und wunderte sich, dass in dem heimischen Kreise derselben von diesen Blüten so wenig gesprochen wurde – weil man dort allerdings an den Früchten sich labte, die Früchte laut und ewig pries, den Duft der Blüten aber nur still selig, als süße Wonnezugabe atmete.
Eines dieser Blütenblätter trägt das Wort: Unsterblichkeit! Einer in Jammer und Elend, einer in Gram und Kummer, einer in Täuschung und Hoffnungslosigkeit verzweifelnden, in Leichtsinn und Entartung versinkenden Welt brachte dieses Wort die Aussicht auf ein Jenseits, und mit ihr den Trost einer alles vergütenden Zukunft, einer alle Rätsel lösenden Erleuchtung, einer in die Unendlichkeit reifenden Vollendung jenseitiger Seligkeit – und mit ihr den Ernst einer mit irrungsloser Waage vergeltenden jenseitigen Gerechtigkeit, - und erzeugte die Wunder eines Märtyrertums, dem es ein Leichtes ward, auf die Erde zu verzichten um den Himmel zu gewinnen.
Und doch ist dieses Blatt der Unsterblichkeit nur ein abgefallenes Blütenblatt vom Paradiesesbaume des vollen jüdischen Lebens! Und doch konnte dieses Blatt der Unsterblichkeit eben durch seine abgerissene Einseitigkeit zugleich auf die trostloseste Weise alle höhere Bedeutung des irdischen Daseins verneinen, und zugleich seine unbeschriebene Kehrseite zur Verbreitung der noch trostloseren Lehre darbieten, zur Einimpfung des trostlosesten Gedankens, den je der sterbliche Geist des Menschen erdacht, des Gedankens eines unfreien Versunkenseins aller Menschenseelen in die Sünde und Verdammnis schaffende Gewalt des Bösen!
Nicht also im heimischen Kreise dieses Lebensbaumes der Menschheit, nicht also auf dem Paradiesesboden der jüdischen Lehre! Dort ist „Unsterblichkeit“ nur ein Blütenblatt, nur eine Konsequenz, nur eine Seite eines unendlich volleren, unendlich umfassenderen, unendlich seligeren und beseligenderen, unendlich heiligeren und heiligenderen, und darum unendlich wichtigeren Gedankens, - dort ist Unsterblichkeit nur eine Fortsetzung ins Jenseits des großen Gedankens der „Tahara“, der „Reinheit“, d. i., der ureigenen, unverlierbaren und darum schon hiniedigen Freiheit, der schon hiniedigen Göttlichkeit und Seligkeit menschlicher Seelen.
„Unsterblichkeit“ heißt Freiheit der Seele nach ihrem Scheiden aus der Hülle des irdischen Leibes. „Reinheit“ aber heißt Freiheit der Seele selbst während ihrer hieniedigen Vermählung mit dem irdischen Leibe. „Unsterblichkeit“ verheißt, dass dereinst der Tod keine Gewalt habe über die der Erde enthobene Seele. „Reinheit“ gibt die Gewissheit, dass schon auf Erden keine Macht der Natur Gewalt habe über die auch in ihrer irdischen Hülle reine, freigöttliche Menschenseele, ja, dass dieser Seele die göttliche Energie, die freie Kraft von Gott verliehen, während ihrer Ehe mit dem irdischen Leibe, diesen Leib selbst aus dem unfreien Getriebe des Naturzwanges zu sich empor zu retten und ihn frei als Werkzeug ihres Willens, frei als Boten ihrer Gedanken und ihrer Zwecke zu gebrauchen, Unsterblichkeit lehrt den einstigen, jenseitigen Aufschwung der menschlichen Seele in die beseligende Gottesnähe, „Reinheit“ lehrt den schon hieniedigen Seelenbund des Menschen mit Gott, lehrt schon die hieniedige Paradiesesseligkeit der Seele, die ungetrübte Ebenbildlichkeit dieses Gotteshauches in seiner freien Meisterschaft über die zu seinen Herolden und Dienern bestimmten Kräfte und Mächte des irdischen Leibes.
„Der eine, einzige, frei über die Natur waltende Gott“, so lautet der eine Eckstein der jüdischen Lehre. „Die reine, freie, nur diesem einen, einzigen Gott unterstehende, in göttlicher Ebenbildlichkeit über die mit ihr vermählte irdische Natur frei waltende, göttliche Menschenseele“, so lautet der andere Eckstein dieser Lehre.
Dies ist der Eckstein, die Grundbedingung der Lehre, welche Gott geboten:
Der Wahn, als ob das „lebenstrotzende“ „vollkräftige“ Tier, als ob der lebenstrotzende, vollkräftige Leib, nicht zu „meistern“ sei, für den Wahn gibt´s keine Stätte, gibt´s keine Stätte im jüdischen Kreis! Draußen, wo der Kreis des menschlichen Wirkens aufhört, und das Naturleben beginnt, dort waltet das Reich der jochlosen Gewalten unwandelbarer Notwendigkeit. Aber auf dem Boden des Menschenwirkens, im Menschenkreise, finde die lebendige Natur ihren Meister an der Priesterhand des gottdienenden Menschen; nur unter der priesterlichen Meisterschaft des gottdienenden Menschen finde auch die mit dem göttlichen Menschengeiste vermählte irdische Natur Eingang in den Menschenkreis, ja werde sodann mit ihm heilig geweiht und gehoben zu Werkzeugen Gottes Willen auf Erden frei vollbringenden Tuns.
Sprich darum, so lautet die Grundforderung des göttlichen Gesetzes, sprich zu Israels Söhnen: dir, dem Herold und Vertreter des göttlichen Gesetzes, und durch dich diesem Gesetze, diesem Ausdruck des göttlichen Willens, übergebe die jüdische Gesamtheit zum Nationalbekenntnis, das „Tier“, „lebendstrotzend“, „vollkräftig“, das außerhalb des Menschenkreises „ungebändigte“, und ihr übergebet es dem Priester. Der führt es hinaus, außerhalb des Kreises jüdisch menschlichen Wirkens, und „vynpl“, unter dem „bewusstvollen“ Priesterblick, meistere man es mit der tötenden, opfernden Hand.
Und hmymt hmvda sei es, ,vm hb ]ya rsa sei es! Nicht erst wenn die Lebensfarbe erblasst, selbst in der jugendlichen, männlichen Fülle des Lebens, - und nicht nur einzelne Seiten dieses pulsierenden Seins und Wollens, ohne Rückhalt, unverstümmelt, ausnahmslos muss erst das Tier unter dem unverwandten Priesterbewusstsein gemeistert werden, ehe es in jüdischen Lebenskreis Eingang finden darf. Ungemeistert ist jedes Moment des tierischen Lebens und jede Seite des tierischen Lebens gebannt aus dem jüdischen Lager. Hinaus weist der Priester das ungebändigte Tier aus dem Lager.
Aber nur ungebändigt, ungemeistert ist das Tierleben aus dem jüdischen Kreise gebannt; unter dem Priesterbewusstsein, von der Meisterschaft des Menschen beherrscht, darf es nicht nur in den Menschenkreis des jüdischen Lagers einziehen, hinein in das Allerheiligste weist der Priesterfinger jedem menschlich beherrschten Blutestropfen die Bestimmung der Weihe, auf dass, wie die ganze sechstägige Erdschöpfung das Sabbatsiegel des Gottesbündnisses trägt, also dieses Gottesbündnis, diese Sabbatvermählung mit Gott sich in jedem Pulsschlag unseres Herzens, in jedem Blutstropfen jedes einzelnen Menschen wiederhole und wir nicht nur jenseits einst zu einem seligen Leben erwachen, sondern wir schon hinieden, mit unserem ganzen Dasein, auch mit dem hinieden vom irdischen Blute getragenen Sein und Wollen, ein nur Gott untergebenes, zur ewigen Freiheit gehobenes Leben in seliger Gottesnähe gewinnen!
Freilich, was von diesem tierischen Wesen nicht die Richtung ins Allerheiligste gewonnen, was nicht in diese Weihe an Gott zur freien Erfüllung seines heiligen Willens eingegangen, auch was nur Träger des zu Gott emporstrebenden Lebens gewesen, das sehen wir vor unseren Augen zu Staube zerfallen wie es vom Staube gekommen, das verfällt der auflösenden Allmacht der Elemente; davor sollen wir ebenso wenig das Auge verschließen; aber diese Vergänglichkeit ist kein eigentümliches Los des sterblichen Menschenleibes, dieses Los der Vergänglichkeit teilt er mit allem, was von dem „Ysop bis zur Zeder“ in der Welt des vegetarischen Lebens, mit allem, was vom „Wurm bis zum Säugetier“ in der animalischen Welt zum zeitlichen Dasein erstanden. Alles geht ein in dieselbe Auflösung der Elemente - und von dieser ganzen irdisch entstehenden und irdisch zerfallenden Welt wird nichts für die Ewigkeit, nichts für die schon hiniedige Unsterblichkeit gerettet, als der mit dem in unsterblicher Freiheit Gott ebenbildlichen Menschengeiste vermählte, mit ihm zu Gott empor strebende, für Gott empor waltende, seiende und wollende Blutstropfen des menschlichen Herzens!
Das ist die Lehre von der hamvm, von der Gebundenheit, der Unfreiheit, der Sterblichkeit alles nicht zum reinen Menschendasein erstandenen irdischen Wesens; und das ist die Lehre von der hrhu, von der Reinheit, von der Freiheit, von der Selbstständigkeit und Ewigkeit alles in dem Menschen mit Gott vermählten irdischen Lebens!
Und siehe, so oft ein Mensch oder ein dem reinen Menschenwirken angehöriges Werkzeug und Mittel mit einer Menschenleiche in Berührung gekommen, dürfen sie nicht eingehen in das Heiligtum der Gotteslehre, es sei denn zuvor eben diese Lehre erneut in´s Bewusstsein gebracht, die Lehre: Dass der Tod, d. i. die Unfreiheit, das Erliegen der bezwingenden Gewalt äußerer Mächte, auch für den Menschenleib erst mit dem Tode beginne. Nur die Leiche, die von dem Gott ebenbildlichen Menschengeist verlassene, von ihm nicht mehr beseelte zu Staube zerfallende Hülle gehört dem Reiche der hamvm an. Aber im Leben, mit diesem Gott ebenbildlichen Menschengeiste zu seinem Boten und Werkzeug für den Dienst Gottes auf Erden vermählt, gehört selbst der irdische Leib dem Reiche der hrhu, dem Reiche der Freiheit und selbstständigkeit an, und so lange der Puls in deinem Herzen schlägt kannst du und sollst du mit freier, göttlicher Kraft jeden Pulsschlag deines Herzens, jeden Blutstropfen deiner Adern, jeden Reiz deiner Nerven, jede Spannung deiner Muskeln im Dienste deines Gottes meistern und selbst diese, sonst der Vergänglichkeit hinfallenden irdischen Gestaltungen in die beseligende Gottesnähe schon hinieden hinüber retten. Der Lebendige hat mit dem Tode nichts zu schaffen.
Vom „ewig lebenden Quell“ in „irdische Umschränkung“ abgeschöpftes Leben – zu zeitweiliger Vereinigung mit „irdischem Aschenstaub“ gemischt – das ist der Mensch! Aber das dem ewigen Quell entsprungene Leben ist das Ursprüngliche, ihm wird das Irdische zur zeitlichen Ehe zugeführt, Wie auch in der irdischen Mischung das Irdische täuschend als das Ursprüngliche erscheine, - dies Irdische selbst ist tauxh tprs rpi, trägt während dieser Vereinigung die Bestimmung: von dem, dem ewigen Leben entstammten priesterlich beherrscht zu werden, - und kommt die Mischung einst zur Ruhe, sinkt der irdische Aschenstaub zu Boden und rein und ungetrübt scheidet das dem ewigen Leben entflossene Leben aus – zur Höhe.

Schewat.

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Am 15. Schewat ist „Neujahr der Bäume“.

Die Kräftigung und Erholung, die die Winterszeit der Natur gebracht, ist zum größten Teil bereits erreicht, und schon zeigt sich der neue Saft treibend in den Lebensadern der Bäume. Vom 15. Schewat zählt daher das jüdische Gesetz das Geburtsjahr der Früchte und regelt danach die Pflichten und die Reihenfolge der Pflichten, die dem Juden die Jahresspenden der Natur bringen sollten.

Im jüdischen Lande, wo die Gotteslehre ihren vollen Boden findet, sollte nichts keimen und blühen und reifen, das dem Juden nur Genuss ohne Pflicht zu bringen hätte. An jeden Genuss knüpft sich die Pflicht, und gibt dem Genuss erst die wahre Süßigkeit, indem sie das sonst selbstsüchtig Tierische, zum liebestätig menschlich Göttlichen weiht.

Für uns ist der 15. Schewat nur noch eine Kalendernotiz, die in unserem Galuthleben nur darin noch ihre Bedeutung findet, dass sie dem Tage einen schwachen Anflug eines Festcharakters im Gottesdienste bringt, und im Zählen der Arlahjahre von einigem Einfluss sein kann.

Gleichwohl verweilen wir bei dieser Notiz, weil sie die Gelegenheit zu einem Einblick in den Geist des Judentums bietet. Und jeder solcher Einblick ist uns willkommen. Denn an nichts leiden wir so sehr, als an dem Mangel einer richtigen und wahrhaftigen Erkenntnis unseres eigenen, jüdischen Glaubens.

Gehetzt wie das Wild, gepfercht in die Gassen, geflüchtet in die Hütten des häuslichen Lebens oder in die vier bescheidenen Wände der stillen, religiösen Betrachtung, stellten wir dem oberflächlichen Beschauer nur das Bild eines trüben, scheuen, zurückgezogenen Lebens dar; öffentlich, rührig und lebendig, kannte man uns nur auf dem geschäftigen Markte des gewerblichen und erwerbenden Lebens. Aber das frische, lebenskräftig pulsierende, an den Brüsten der heiteren Gottesnatur erstarkende Leben suchte man bei dem Juden nicht. Hatte man den Juden ja in diese kränkelnde Erscheinung gewaltsam hineingebannt, und stellte nun auf Rechnung des jüdischen Geistes und des Geistes des Judentums, was nichts als das künstliche Erzeugnis einer wahngeborenen Gewalttat war.

Wie ganz anders der Geist des Judentums, wo er sich frei entfalten kann. In die freie Natur stellt er uns hin, wo die Bäche rieseln, und die Wiesen grünen, und die Saaten reifen und die Bäume blühen und die Herden weiden, wo der Mensch im engen Bunde mit der Natur seine Kräfte übt und das Bemühen seiner Kräfte unmittelbar unter Gottes Schutz und Segen stellt. Äcker und Herden sind unsere natureigene Bestimmung. Zum wandernden Handelsmann hat uns das Galuth gemacht. O, dass wir zurück könnten aus diesem uns künstlich aufgezwungenen Getriebe, dass wir uns und unsere Kinder flüchten könnten in die Einfachheit eines vom jüdischen Gottesgeist getragenen ländlichen Lebens! Es würde die Einfachheit und der Friede, die Mäßigkeit und die Liebe, die Menschlichkeit und die Freude, die Gottesbegeisterung und die Seligkeit bei uns wohnen – und Davids Harfe tönte wieder und wieder fände Ruth die Ähren auf Boas gottgesegnetem Acker…

Wie ladet das jüdische Gesetz zum ewigen Merken auf die Gesetze und Gänge der Natur und wie führt es immer aus der Natur in´s Menschenleben hinüber, und lehrt dort mit den auf dem Boden der Natur gereiften Gaben die noch herrlicheren Blüten und Früchte eines freien, gottdurchdrungenen Menschenlebens entfalten!

Am 15. Schewat ist Neujahr der Bäume, ist der Geburtstag der Jahresfrüchte und dieser Tag regelt das Maaßergesetz.

Auf jüdischem Acker reift keine Saat allein dem Besitzer, kein jüdischer Baum blüht für den Eigner allein, und wie man mit natürlichen Mitteln geistige Zwecke erstrebe und wie man den natürlichen Genuss selbst menschenwürdig veredle und wie, das wird dem jüdischen Eigner bei jedem Korn, jeder Frucht gelehrt, die von seiner Ernte ihm zufallen. Dem Geiste und dem reinen göttlich gehobenen Sinnesleben und der allweiten Menschenliebe grünet und blühet und reifet alles auf jüdischem Boden. An jede Stufe der naturbeherrschenden Menschenarbeit, und vor allem da, wo schon das „Haben“, das „Genießen“ und mit ihnen die Selbst- und Genusssucht, diese Feinde des göttlichen Menschenberufes, sich zu regen beginnen, knüpft das heilige und heiligende Gotteswort die Merkzeichen seiner erziehenden Lehre.

Das ganze jüdische Land mit allen seinen im Thorageiste nach sorgfältig gesonderten Gattungen und Arten bestellten Äckern und Feldern und Gärten ist eine große Predigt von dem einen großen Schöpfer, Gesetzgeber und Ordner der Allnatur, und bei jeder Furche, die der jüdische Landmann zieht, bei jedem Korn, das der jüdische Landmann streut, wird der Natur beherrschende  Mensch an den einen  großen Gesetzgeber der Natur gemahnt, dessen Gesetzen auch der freie Mensch mit seiner freien Tat sich in allem unterordnen und von ihnen sich beherrschen lassen solle.

„Gesetz“ ist das große Wort, das sich auf dem Thoraboden überall mit der jüdischen Freiheit vermählt und mahnt: dass Freiheit der Lebensodem der Menschheit sei, aber Willkür und Zügellosigkeit sie begrabe.

Und wenn nun die freien Kräfte der Natur dem harrenden Menschen ihre gereiften Früchte in den Schoß schütteln und Besitz und Genuss des Menschen beginnen, da predigen Selbstbeherrschung: orla und chadosch.

Sorgfältig hast du des Baumes gewartet und früh schon trägt er goldene Früchte; aber dein Gott spricht: „du beherrscht dich“, - und die Früchte der ersten drei Jahre verbleiben der Natur. Reif ist das erste Korn deines Ackers, das deinem leiblichen Dasein Nahrung verspricht, aber zuerst muss die „erste Garbe“ in dem Tempel deines Gottes die gottgeweihte Bestimmung deines ganzen leiblichen Daseins bekennen, ehe du vom „neuen Korne“ genießen darfst. Und wenn du nun die Sichel schwingst an´s Korn, und die fruchtbeladenen Bäume schüttelst und winzerst die traubenprangenden Stöcke, siehe, da tritt die „Liebe“ an dich heran und spricht: nimm von vorn herein nicht alles für dich, eine „Ecke“ des Ackers lasse den Armen, einen Zweig des Baumes lasse den Armen, was dir „entfallen“ lasse den Armen, was du „vergessen“ lasse den Armen, banne von vorn herein den selbstsüchtigen Geist aus deiner Habe, lerne von vorn herein liebend der Armen und Dürftigen, der Witwen und Waisen gedenken, denen Gott in dem Acker deines Herzens ihre Ernten angewiesen.

Aber vor allem wenn deine Arbeit an der Frucht „vollendet“ ist und sie nun in dein Haus einzieht und dein „häusliches“ Dach sie als „die Sicherung der künftigen Existenz deines Hauses“ begrüßt, vor allem den Moment ergreift die heilige und heiligende Gotteslehre: um dir den vollen Ernst und die heitere Seligkeit der Pflichten zu bringen, die der jüdische Besitzer trägt.

Drei Stufen der Reife geht die Frucht zu immer größerer  Vollendung für den Nahrungszweck des Menschen durch: auf dem Felde durch die Natur, für den Speicher durch die Menschenarbeit, für den Tisch durch die häusliche Bereitung. Auf jeder dieser Stufen der Reife stehst du stille und weihest zuerst den Erstling des Segens und der Reife dem Quell alles Segens und dem Zwecke aller Reife, weihest in freudiger Abgabe, die ersten Früchte (Erstlingsfrüchte), deinen Acker, deine Arbeit, deinen Tisch deinem Gott und seinem heiligen Worte und mahnst, indem du diesen gottgeweihten Erstling in ihrem Namen dem Kohen gibst, diesen Diener deines Gottes und seiner Thora, dass er seiner Stellung und seiner Pflicht nicht vergesse, dass er nur deshalb keinen Anteil am Boden und dessen Arbeit habe, um ganz Gott und seinem heiligen Worte anzugehören, und dass er deines Geistes nicht vergessen dürfe, wie du seines Leibes zu gedenken habest – und mahnest zugleich dich, dass Ziel und Vollendung auch deines leiblichen Lebens nur der Dienst und die Erfüllung der Gotteslehre sei. Kein Ganzes, keine „Zehn“ durfte daher auf jüdischem Boden je ausschließlich dem leiblichen Genusse bestimmt bleiben. Maaßer, Eins von Zehn, ein volles Zehntel von jeder dem Speicher zugereiften Frucht gehörte der Erhaltung des Stammes, dessen Aufgabe die Wartung des Gottesgeistes in Israel geworden, der Träger der „Sittlichkeit und des Lichtes“ sein sollte und „rücksichtslos für Gott einzustehen und sein Wort zu hüten und sein Bündnis zu wahren hatte“.

Dem Geiste in Israel gehörte das erste Zehntel. Aber ein fast eben so volles zweites Zehntel gehörte dem Leibe an, war dem leiblichen Genusse, der reinen, heiteren, sinnlichen Freude heilig und geweihet, und war vom Besitzer in Jerusalem, in dem Umkreis des Gottesheiligtums, froh und heiter zu genießen.

Hier liegt der Nerv des Judentums, hier der Kern der ganzen Wundergröße dieser so vielfach verkannten Gottesstiftung.

Nicht der Schmerz und die Trauer, nicht das Kasteien und Abhärmen ist der Höhepunkt des Judentums; Frohsinn, Heiterkeit und Freude ist sein heiligstes Ziel.

„Nicht in der Trägheit und nicht im Schmerze und der Niedergeschlagenheit“, „auch nicht im Leichtsinne“ findet der jüdische Geist seine Stätte; nur wo die reine, besonnene Freude wohnet, wohnet auch er. Der Leichtsinn fliehet vor dem Ernst des jüdischen Gesetzes, und desselben Gesetzes göttliche Wahrheit scheuchet den Schmerz und die Trauer und lehret ein heiteres, glückliches Leben auf Erden zu leben.

Der Geist des Judentums kennt keine Zerklüftung des Menschenwesens; dass etwa nur sein Geist Gott, sein Leib aber dem Satan angehöre, die Erde der Hölle verfalle – und die Seligkeit erst im himmlischen Jenseits beginne. „Bereitet mir hier auf Erden eine heilige Stätte, so wohne ich schon hier auf Erden bei euch“ spricht der Geist des Judentums im Namen Gottes, und nimmt das ganze sinnlich - geistige Wesen und Leben des Menschen in sein Bereich also auf, dass nicht nur der Gedanke, das Wort und die Tat, dass auch der sinnliche Genuss ein heiliger Gottesdienst wird, wenn er vom Geiste der Keuschheit, Mäßigkeit und Heiligkeit getragen, die Güter und Gaben und Reize der Erde in so reinem gottgefälligen Sinne, zu so heiligen gottgefälligen Zwecken genießt, dass er froh und heiter sein Auge zu Gott aufschlagen könne und die reine Nähe seines Heiligtums nicht zu fliehen brauche. Selbst mit seinem Genusse und seiner heiteren Freude im Gotteskreise weilen zu können, ist die höchste Vollendung des sittlichen Menschen auf Erden.

In keinem Punkte also wie in diesem ist das Judentum verkannt worden und ward daher von der nach beiden Seiten ausschweifenden Lüge verworfen. Es war den leichtsinnig Sinnlichen zu ernst geistig, es war den in Abstraktionen Schwärmenden zu irdisch sinnlich, und es ist doch eben nichts: als die göttliche Wahrheit für den geistig - sinnlichen, himmlisch - irdischen ganzen Menschen!

In jedem dritten und sechsten Jahre des siebenjährigen Landbau - Zyklus war dieses zweite Zehntel, statt dem eigenen Genusse, wiederum ganz den Armen, Witwen und Waisen und Dürftigen im Lande bestimmt: yni rsim; und eben die Frage, welchem Jahrgang eine Frucht angehöre, entschied das Fruchtkeimen vor oder nach dem 15. Schewat, dessen Kalendernotiz uns zu diesen Betrachtungen führte.

In unser Wanderleben außer Palästina hallen nur schwache Klänge von diesen und den damit verwandten herrlichen Gesetzen herüber. Willst du aber die ganze Fülle von Herrlichkeit dieser Gesetze ahnen, so siehe nur die Wirkung des aus ihnen hervor gegangenen „Erwerbszehnten“, ,ypck rsim, wo er noch in echt jüdischem Geiste mit jüdischer Gewissenhaftigkeit gepflegt wird.

Der wackere Jude führt zum Behuf des Zehnten gewissenhaft Buch über seinen jährlichen Verdienst. Der zehnte Teil des Kapitals zuerst, von da an der zehnte Teil seines jährlichen Verdienstes gehört den Armen, der Wohltätigkeit, der Menschenliebe. Gewissenhaft kehrt er diesen Zehnten aus seinem Eigentum aus und betrachtet sich fortan nur als Verwalter desselben.

Welche herrlichen Folgen hat nicht schon diese Eine jüdische Verfahrungsweise! Jeder nur irgend selbstständige Jude hat eine Almosenkasse zu verwalten. Es ist freilich nur seine eigene, aber sie gehört doch nicht mehr ihm, und ist nur insofern sein, dass er das alleinige und ausschließliche Dispositionsrecht darüber hat. Willkommen ist ihm sofort jede Gelegenheit, mit dem nur noch seiner Verwendung anvertrauten Schatz der Wohltätigkeit Gutes zu tun. Er gibt der leidenden Menschheit, was schon ohnehin ihr ist und überlegt nur, das seinen Händen anvertraute kleine oder große heilige Gut möglichst zweckmäßig und wahrhaft heilbringend zu verwenden.

Was der Jude auf diese Weise spendet, ist mehr eine heilige Schuld, als eine Liebestat augenblicklicher Anregung. Freilich bleibt Gottes Wort hierbei nicht stehen. Öffne, öffne deine Hand, und öffne wieder und wieder die Hand, spricht es, und verschließe nie die Hand und nie das Herz deinem dürftigen Bruder! Aber nicht dieser Liebesregung allein vertraute Gott das Geschick seiner Dürftigen, seiner Witwen und Waisen an. Durch uql,hxks,hap,yni rsib,tybr,tyiybs,lbvy, machte er die Versorgung und Wiedererhebung der Unglücklichen zugleich zu einer heiligen Schuld, vermählte die Gottesfurcht mit der Liebe und erst unter dem Schutz Beider findet das Leid und die Armut und das Elend wahrhaftigen Schutz. Und wie durch diese gottesfürchtige Menschenliebe die Wohltätigkeit möglichst unabhängig von der augenblicklichen Stimmung und Anregung des Gebenden gesichert ist, ebenso ist dadurch auch der dürftige Empfänger möglichst vor Erniedrigung geschützt. Den jüdischen Dürftigen drückt nicht die Gabe, die er aus frommer jüdischer Hand empfängt. Nicht dem Armen, „Gott gibt, wer dem Armen spendet“, und nicht vom Geber, aus heiliger Gotteskasse empfängt der Arme. „Zedakah“ heißt das Almosen, ein Wort, das mehr an Recht, als an Liebe erinnert. yb  ykz „gewinne durch mich“, „empfange durch mich“, „erwirb dir ein Verdienst durch mich“, lautete das bittende Wort der jerusalemischen Armen und in diesem Worte war alles gesagt.

Hier liegt wieder die göttliche Größe der jüdischen Lehre. Weder die sozialistische Lüge, die alle Einzelpersönlichkeit und mit ihr die beiden Faktoren der Menschenwürde, die freie Pflicht- und Liebestätigkeit vernichtet, noch das bloße Mitleid, Barmherzigkeit- und Liebesgefühl, das dem Schwanken der augenblicklichen Stimmung nicht selten erliegt, und ebenso oft mit seiner Spende erniedrigt, indem es hilft, - mit Gottesfurcht gepaarte, ja von Gottesfurcht getragene Liebe, setzte Gott zu Pflegern der Wohltätigkeit in unseren Kreis, und hat damit die Heilsformel längst gegeben, nach welcher die stutzig gewordene Welt so lange bereits vergebens sucht.

 

 

Paraschath Schekalim.

 

Sobald der kommende Lenz sich durch seine Frühlingsboten, wie leise auch immer, angekündigt, bereiten uns die Anordnungen unserer großen Weisen auf das Fest unseres geschichtlichen Frühlings vor, das mit dem Lenzmonat eintreten wird. Das Fest unserer Nationalgeburt, das Fest, das den Erlöser in der Natur zugleich als den Menschheitserlöser in der Weltgeschichte offenbart, das große Pessachfest zieht heran, und soll uns mit all´ den Gefühlen, Gesinnungen und Gedanken vorbereitet finden, die diesem Geburtsfeste Israels geziemen. Vier Paraschioth bereiten auf das Pessachfest vor: Paraschath Schekalim, Sachor, Parah und Chodesch.

Am Sabbat vor Adarneumond oder, wenn der erste Adarneumondstag am Sabbat ist, an diesem, wird Paraschath Schekalim gelesen.

Paraschath Schekalim soll das jüdische Gesamtgefühl in uns wach rufen. Paraschath Schekalim mahnt uns: Alle gehören wir einer großen heiligen Gottesstiftung, alle haben wir an einem  großen heiligen Gotteswerke zu arbeiten; jeder hat nach seinen Kräften für dieses Gesamtwerk zu leisten. Der Einzelne, der nur für sich und nichts für´s Gesamtheiligtum sein will, verliert eben damit auch die Berechtigung seines Einzeldaseins, und nur in dem vollen aufrichtigen Anschluss an dieses heilige Gesamtzusammenwirken gewinnt auch erst das Dasein und Wirken des Einzelnen seine Bedeutung. Denn wenig selbst für den Augenblick vermag der Einzelne; nichts aber für die Dauer; alles aber und für die Ewigkeit die Gesamtheit. Nicht daher nach dem, was einer ist und einer hat, ist er zu schätzen: sondern nach dem, was einer für dies Gesamtheiligtum leistet und schafft. Und nicht der alleinige Umfang des Geleisteten ist der Maßstab für die persönliche Wertschätzung des Einzelnen. Sondern, das Verhältnis der Leistung zu der Kraft und dem Vermögen des Leistenden. Hat der Reiche und Begabte viel, der Arme und der Schwache aber wenig geleistet, das Wenige des Armen und Schwachen ist aber das Aufgebot der ganzen ihm verliehenen Kraft und Begabung, das Viele des Reichen und Begabten ist aber nur ein kleiner Teil dessen, was er nach seiner Kraft und seiner Begabung hätte leisten können: siehe, so wiegt vollwichtig auf der Gotteswaage des Heiligtums das Wenige des Schwachen und Armen, zu leicht aber wird das Viele des Begabten und Reichen befunden.

Lesen wir die Paraschath:

„Wenn du die Häupter der Söhne Israels für ihre Zählung aufnehmen willst“ – wenn du wissen willst, wie viele Söhne Israel als die Seinen zählen kann, wie viele in Israel gezählt, genauer: „gedacht“ werden dürfen -

„so gebe jeder Gott eine Sühne seiner Person, indem man sie zählt; dann wird sie keine Vernichtung treffen, indem man sie zählt!“

Geben, spenden, wirken, leisten, - Gott leisten, für Gott wirken, Gott spenden und geben muss jeder, wer unter Israels Gezählten mit gezählt werden will; nur die Spende, die Leistung, die für Gott schaffende und wirkende Tat wird gezählt, nur in ihr findet jede Persönlichkeit in Israel  ihre Bedeutung, ihre  Berechtigung. Wehe dir, wenn Selbstsucht und Engherzigkeit und Hochmut dich lehren, nur dir, nur für dich zu leben! Je mehr du für dich lebst, je weniger lebst du. Je mehr du mit deinem selbstsüchtigen Streben dein Dasein, deinen Wert und deine Bedeutung zu begründen  und zu sichern vermeinst, je mehr untergräbst du dein Dasein, je mehr tilgst du deinen Wert und löschest deine Bedeutung. Wer im Gottesreiche nicht für Gott lebt und schafft und wirkt und leistet, ist Null im Gottesreiche und Vernichtung trifft den, der sich leistungslos dennoch zählt!

„Dies gebe jeder, der mit hinüber treten will zu den Gezählten! Die Hälfte eines Schekels nach dem Gewichte des Heiligtums, zwanzig Gerah der Schekel, die Hälfte eines solchen Schekels Gott als Hebe.“

Sinnig lautet hier das Wort der Weisen: Als Moscheh das Wort Gottes hörte: „Jeder gebe die Sühne seiner Person“, erschrak er und dachte, wer kann Sühne für sein persönliches Dasein leisten, wer mit seinen Leistungen voll sein Dasein lohnen! „Unerschwinglich ist das Lösegeld seiner Seele und in Ewigkeit unerreichbar!“ Was kann der Einzelne leisten, das dem Wert der ihm geschenkten Seele entspräche? – Nicht, wie du glaubst, erwiderte Gott ihm, sondern, dies sollen sie leisten, diese Schekelhälfte sagt, was ich von ihnen fordere.

Siehe „Du allein kannst das Gotteswerk nicht vollenden, aber du darfst dich nie ihm entziehen zu leisten, was du kannst!“ – Was jeder zu leisten habe, der mit den zu Zählenden gezählt werden will? Nur die Hälfte eines Schekels erwartet das heilige Werk von ihm. Keiner kann allein ein Ganzes leisten, er bedarf der Genossen um ein Ganzes zu vollbringen. Der Schekel des Heiligtums rechnet auf vereintes Wirken, der Schekel des Heiligtums besteht aus zwei Halbganzen; zwanzig Gerah, zweimal Zehn, bilden den heiligen Schekel, und nur einen solchen halben Schekel kann jeder Einzelne leisten. Für die Aufgabe des Heiligtums ist, was du leisten kannst, immer nur ein Teil, und die Bruderleistung muss sich mit der Deinigen vereinen, auf dass sie ein Ganzes werden. Aber im Verhältnis zu dir und deinen Kräften und deiner Begabung muss sie „Zehn“, eine volle Summe, ein Ganzes, die ganze Summe des dir verliehenen Möglichen enthalten. Dann kannst du hinübertreten in die Reihen der von Israel in Israel für Israel Gezählten und Gedachten und erst durch solche Leistung hebst du und weihst du und heiligst du deinen ganzen irdischen Wandel, hebst du dein Vergängliches zum Ewigen, hebst du dein Menschliches zu Gott!

„Jeder, der hinübertritt zu den Gezählten von zwanzig Jahren an und darüber gebe die Gotteshebe.“

Wir? Unsere Kinder höchstens und unsere Greise überweisen wir dem Heiligtum. Unsere Kinder, die noch nicht und unsere Greise, die nicht mehr der Erde dienen können, glauben wir unbeschadet mit Himmlischem nähren zu können, vielleicht auch nähren zu müssen. Aber kaum ist der Knabe zum Jüngling gereift, so eilt man sein Gemüt von der Schwärmerei der Kindheit zu säubern, zeigt ihm, dass im Leben eine andere Thora, die Thora des Erwerbens, die Thora des Genießens, die Thora der Menschenehre, des Menschenurteils, des Menschenansehens gelte, und wer fort kommen wolle in der Welt, wer verdienen und genießen und gelten wolle in der Welt, der müsse sich rasch die Hemmschuhe des jüdischen Heiligtums von den Füßen lösen und sie sich – für sein Greisenalter bewahren.

Nicht also dein Gott: „von zwanzig Jahren an und weiter“, eben in der Vollkraft deiner Männlichkeit wartet Gott und sein Heiligtum auf dich, eben mit deinem rüstigsten Mannesstreben, mit der ganzen Begründung deiner Selbstständigkeit auf Erden sollst du Gott dienen, als Jüngling und Mann zur Wahrheit machen, was deine Knabenbrust heiligend erfüllt, dann wird dein Greisenalter noch männlich sein und im hohen Alter du noch im Heiligtum Gottes für Erd´ und Himmel blühen.

„Der Reiche kann nicht mehr geben und der Arme nicht weniger als die Hälfte eines Schekels die Gotteshebe zu spenden für eure Personen zu sühnen.“

Siehe da die Gleichheit im Gottesreiche! Die einzige Gleichheit, die der Menschheit im Ganzen und jedem Einzelnen erreichbar! An Gaben und Kräften, an Gütern und äußeren Glücksstufen werden die Menschen je und je verschieden bleiben. Denn gar mancherlei Schaffner und Diener braucht der Meister für das große Werk des Heiligtums, an dem wir alle mit allem zu arbeiten berufen sind. Aber an Wert und Bedeutung, an innerer Würde und Hoheit, an sittlicher, ewiger Größe können und sollen wir alle gleich sein, gleich zu werden streben. Ob der Eine reich, der Andere arm, der Eine stark, der Andere schwach, gesund der Eine, krank der Andere, der Eine geistig begabt, von minderen Geistesgaben der Andere, das scheidet nicht die Rangesstufen im Gottesreich. Leiste nur jeder mit seinem Maß von Kräften, in seiner Lage, seiner Stellung, in dem ihm angewiesenen Kreise, für Gott und die Förderung seines heiligen Werkes auf Erden das volle Maß des Möglichen, sei jeder nur ein treuer Diener am Gottesheiligtum und wir wiegen auf der heiligen Gotteswaage alle gleich. Ob der Gebieter über Millionen Millionen gespendet, der Reichbegabte Welten erleuchtet, Welten erlöst, der nach Pfennigen Rechnende Pfennige geweiht, der bescheiden Begabte sei treues Wirken in dem engen Umkreis einer Menschenhütte begrenzt – und haben sie beide das volle Maß des Möglichen geleistet, einen vollen – halben Schekel hat jeder von ihnen gebracht. „Der Reichste kann nicht mehr, der Ärmste soll nicht minder leisten, als eine Schekelhälfte zur Gotteshebe des Heiligtums!“

Und wenn es eben keine andere reine, dauernde, nimmer zu trübende, immer zu findende Seligkeitsfreude gibt, als das frohe Bewusstsein erfüllter Pflicht, als das frohe Bewusstsein zu sein, seine Stelle auszufüllen, mitgezählt zu werden, von Gott in seinem Reiche mitgezählt zu werden, kein verlorenes Leben zu leben, in der Pflichttätigkeit den Zoll für´s gewährte Dasein zu leisten, „mit seiner Leistung für´s Heiligtum seine Person, sein Einzeldasein zu sühnen“ – siehe, so ist auch eben hiermit für alle auf jeder äußeren Stufe die gleiche Quelle ewig ungetrübter, seliger Heiterkeit schon hinieden geöffnet, alle gleich bedeutend, alle gleich selig im Gottesreiche, und alle mit gleicher Liebe von Gottes Vaterhuld bedacht!

In Gottes Hände legt jeder seinen treuen halben Schekel nieder. Alle halbe Schekel fügt er zum Gesamtbau seines Heiligtums, und in diesem treuen Mitwirken an dem Gotteswerke auf Erden findet jeder seine Stelle, seine Bedeutung, seine Berechtigung, sein Andenken, seinen Segen!

Die Spende der Sühne nimmst du von Israels Söhnen und verwendest sie zum Dienst des Stiftzeltes, so wird sie den Söhnen Israels zum Andenken vor Gott, eure Personen zu sühnen!“ –

Das ist die Schekalim - Lehre des Gotteswortes, und alljährlich mit dem Eintritte Adars ging der Ruf durch alle Israels Kreise, den halben Schekel zum Gottesheiligtum zu senden, auf dass mit Beginn des Frühlingsmonates schon die Gesamtopfer aus dieser neuen Schekelsammlung bestritten werden könnten, in welcher jeder Jude nahe und fern durch seinen halben Schekel sich erneut als Sohn der jüdischen Gesamtheit, als Glied des jüdischen Bundes, als Mitträger und Mitarbeiter am jüdischen Heiligtum bekannt hatte.

Und wenn auch das äußere Heiligtum in Trümmern liegt, und Schutt nur die Stelle des Altars bezeichnet, auf welchem unsere Gesamtopfer zu Gott empor duften durften, der Geist dieses Heiligtums, die Gesinnung dieser Opfer ist noch die Summe unserer Aufgabe hienieden. Alljährlich, vor oder mit dem Eintritte Adars, tritt daher diese Schekel – Lehre neu vor unsere Seele, das jüdische Gesamtgefühl und das Bewusstsein in uns zu erneuern, dass wir alle, alle dem großen jüdischen Gesamtheiligtum angehören, auf jeden von uns dieses auf Erden zu vollendende heilige Gotteswerk rechne, und nur in dem treuen Anschlusse an diese heilig jüdische Aufgabe jeder von uns seine Stelle, seine Bedeutung, seine Berechtigung, sein Andenken, seine Sühne finden könne und seinen Segen, auf dass wir dem großen Frühlingsmonate unserer Nationalgeburt mit jüdischen Gedanken, mit jüdischer Gesinnung, mit erneutem, frischem, lebendigem jüdischen Hochgefühle entgegen gehen mögen.

Teweth.

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Der zehnte Teweth ist der erste der vier Fasttage, die die zweimalige Katastrophe des jüdischen Staatsunterganges im jüdischen Kreise verewigen.
Und dieses Andenken ist kein müßiges.
Nicht zur müßigen Trauer bist du geladen. Etwa zurückzuschauen, Flor um den Arm zu binden und eine Träne der Wehmut der Erinnerung vergangener Größe zu weihen. Fastend finden dich die Jahrestage von Jeruschalaim – Zions Fall. Und vorwärts ruft dich dies Fasten. Mahnt dich, dass Jeruschalaim – Zion nicht für immer gefallen. Mahnt dich, dass es nur an dir liege, und „der Fasttag des vierten, und der Fasttag des zehnten Monats werden dem Hause Juda zu Wonne und Freude.“ Mahnet dich, du brauchst nur zu wollen – und Jeruschlaim – Zion stehet wieder da!
Denn siehe! du fastest an den Tagen dieser Erinnerung, um dir zu sagen, dass dein Geschick und deine Aufgabe noch heute an diese Katastrophe geknüpft ist, und dir dieses so oft und so lange zu wiederholen, bis dein Geschick erfüllt ist und du deine Aufgabe begreifst und lösest.
Dein Geschick heißt: Galuth – deine Aufgabe: Theschuwah!
Wenn du an solchen Tagen der Erinnerung die letzten zwei Jahrtausende deiner Geschichte zurück schaust, - du gehörst zu dem einzigen lebenden Menschenstamm, der in´s vierte Jahrtausend seiner Geschichte zurück blicken kann – welches großartige Bild stellt dir sich dar! Überall heimisch und doch überall fremd, überall fremd und doch überall heimisch, - verwebt in alle Geschicke und doch nicht in ihnen wurzelnd, - mit deinem Denken und Fühlen, mit deinem Hoffen und Fürchten, mit deinem Schaffen und Wirken jeder Zeit angehörig und doch alle Zeiten überragend, - teilnehmend, tätig teilnehmend an allen Sorgen und Bestrebungen der Völker und doch nicht die Katastrophen ihrer Schicksale teilend, - der schmerzensreichste und doch der heiterste Menschenstamm, der gequälteste und der siegreichste zugleich, die verachtetste Menschenfamilie und zugleich die geachtetste auf Erden! „Das zerzerrteste und zerraufteste Volk, und doch die gefürchtetste Nation von ihrem Dasein an auf Erden!“ wie der Prophet spricht.
Würdest du auch nichts weiter als diese deine Geschichte kennen, müsstest du dich da nicht nach dem ganz absonderlichen, erhaltenden, alles andere überwindenden Elemente umsehen, das im jüdischen Kreise lebendig ist, und das eben in der Erhaltung dieser Menschenfamilie inmitten und trotz aller widerstrebenden Kräfte und Verhältnisse, inmitten und trotz der vollendetsten, entschiedensten Ungunst aller die geschichtliche Existenz sonst bedingenden Umstände, sich dem blödesten Auge sichtbar verkündet?
Und nimmst du nun noch deine Thora, diese „Weisung“ und „Unterweisung“ deines Gottes zur Hand und liest, wie dieses Galuth, dieses durchaus einzige geschichtliche „Wandergeschick“ kein zufälliges, kein im Laufe der Zeiten überraschendes ist, liest, wie diese so wundervoll einzige geschichtliche Erscheinung bereits mehr als ein Jahrtausend zuvor, mitt all´ ihrem Trüben und all´ ihrem Herrlichen im Voraus warnend und mahnend verkündet, - liest, wie dein ganzes, ganzes Volksgeschick bis auf den heutigen Tag herab dir in dem Augenblick bereits verkündet worden, als du zum ersten Eintritt an der Grenze des Landes standest, auf dessen Boden du deine völkergeschichtliche Erscheinung beginnen solltest, und vergleichst nun dein und dieses Landes Geschick bis auf den heutigen Tag mit den Verkündigungen die dir damals geworden – dann wirst du in diesem Lande, in dir, in jedem Juden ein ewiges, überall gegenwärtiges Denkmal, Zeugnis und Beweis der allmächtig, überall und ewig waltenden, die Geschicke der Völker und Menschen bestimmenden und lenkenden Vorsehung erkennen, und mit Innigkeit dich deines so herben und so herrlichen Geschickes freuen.
Und diesem, deinem Galuthgeschicke entziehst du dich nicht, und gerade dann am wenigsten, wenn du müde geworden es zu ertragen, und durch Abstreifen deines Jüdischen Berufes eine Änderung, und, wie du meinst, eine Besserung deines Geschickes zu erhandeln vermeinst. So wahrlich änderst und besserst du es nimmer!
Siehe, als Prüfstein hat dein Gott dich in die Mitte der Völker gestreut, machtlos, waffenlos, schutzlos dich an die Stimme des Gott verehrenden Rechtes und der Gott verehrenden Liebe in der Brust der Menschen gewiesen. Das Recht und die Liebe und das Gottbewusstsein der Menschen sind deine einzigen Vertreter auf Erden. Je lauter die Stimme des Rechtes, je allmächtiger die Stimme der Liebe in der Brust der Menschen spricht, um so heiterer, um so milder gestaltet sich deine Galuthwanderung auf Erden; je reiner aber, je entschiedener, je gewaltiger der Gottgedanke wach ist, um so lauter spricht das Recht, um so mächtiger die Liebe. Und nur in dem Recht, das man dem Schwächsten nicht verkümmert, in der Liebe, die man dem Schwächsten zollt, erweist sich die Wahrhaftigkeit des Rechtsinnes, erprobt sich die Reinheit der Liebe. Das Recht und die Liebe, die der Jude auf Erden findet, ist somit der Höhenmesser der Erziehung des Menschengeschlechtes, und seine Erlösung geht Hand in Hand mit der Erlösung des Menschengeschlechtes von Unrecht, Lieblosigkeit und Gott verleugnendem Wahn.
So ist deine Zukunft an die endliche, wahrhaftige Veredlung
des Menschengeschlechtes geknüpft, - aber zunächst und zu allererst an deine eigene.
Rufst du aus der lautlosen Galuthnacht zum Wächter und Lenker der Zeiten: „Wächter! was wird aus der Allnacht? was wird aus meiner Nacht? Wächter!“ Dann antwortet der Wächter: „es kommt der Morgen, freilich auch noch Nacht. Wollt ihr aber; - und wahrhaftig ihr solltet wollen! – so kehret zurück und kommet gleich!“
Wenn einst über dich alle diese Worte, der Segen und der Fluch, den ich dir vorgelegt habe, gekommen sein werden, dann wirst du dir´s unter allen Völkern, unter welche dein Gott dich verwiesen, zu Herzen nehmen, wirst zu deinem Gotte zurück kehren und du und deine Kinder seiner Stimme mit ganzem Herzen und ganzer Seele, ganz so wie ich dir heute befehle, gehorchen. Dann wird auch Gott, dein Gott, wieder mit deinen Vertriebenen sein und wird sich dein erbarmen und dich wieder aus allen Völkern sammeln, wohin er dich zerstreut. Wenn deine Verweisung bis an Himmels Ende wäre, von dort wird dich dein Gott sammeln und von dort dich wieder zu sich nehmen, und zu dem Lande dich führen, das du und deine Väter besessen, und dir noch größeres Heil und größere Fülle als deinen Vätern gewähren. Beschneiden wird Gott, dein Gott, dein und deiner Kinder Herz, ihn, deinen Gott, mit ganzem Herzen und ganzer Seele um deines Lebens willen zu lieben. … Du kehrst zurück und gehorchst der Stimme Gottes und erfüllst alle seine Gebote, die ich dir heute befehle... Dann wird dich Gott, dein Gott, in all deinem Schaffen, in den Kindern deines Leibes, in der Frucht deiner Herden, in der Blüte deines Bodens zum Guten auszeichnen; denn er wird sich wieder über dich freuen, wie er sich deiner Väter gefreut; denn du wirst, der im Buche dieser Thora niedergeschriebenen Stimme deines Gottes gehorsam, seine Gebote und Gesetze beobachten; wirst zu Gott, deinem Gotte, zurück kehren mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele.
Siehe da, von Gott, von dem Wächter und Lenker der Zeiten, von dem Gründer und Leiter deines Geschickes, von deinem Gotte, deine Zukunft unwandelbar gezeichnet.
Und wie noch kein Wort, das er über dich ausgesprochen, zu Boden gefallen, wie noch bis auf diesen Augenblick alles, alles sich erfüllt, siehe, so wird die Zeit der Menschheit sich nicht erfüllen, ehe nicht dieses Wort deines Gottes, das Er über dich und über die Zukunft seiner Thora und über dein an diese Thora geknüpftes Heil ausgesprochen, in herrlichste Erfüllung gegangen.
Wie die Wolken- und Feuersäule in der Wüste, so leuchtet dieses Wort dir die Bahn in deiner Galuthnacht und ebnet alle Höhen und hebet alle Tiefen und verzehret alle Dornen und Disteln des Irrtums und des Wahnes, die deinen Fuß auf deiner Wanderung zu dem herrlichsten Ziele hemmend umstricken.
Fastend finden dich die Gedächtnistage des Unterganges deines völkergeschichtlichen Glückes, und dieses Fasten soll dich an dieses Wort deines Gottes mahnen, soll dir sagen, dass du in dich gehen, und zu ihm und seiner heiligen Lehre zurück kehren sollst, mit ganzem Herzen und ganzer Seele, zu dem ganzen unverkürzten Inhalte seines Wortes du mit deinen Kindern zurück kehren müssest, wenn du dich je aus diesem Untergange wieder erheben wollest.
Irrtum und Wahn sind es, die deinen zur Rückkehr gehobenen Fuß umstrickend sprechen: antiquiert ist diese Thora, der Vergangenheit gehört sie an, manches, vieles, das meiste ihres Inhaltes gilt nicht mehr für dich, gilt für deine Kinder nicht, du musst dich von ihr emanzipieren, wenn du dich von deinem Galuth emanzipieren willst. „Es ist nicht wahr!“ spricht deines Gottes Wort. Nicht der Vergangenheit, der lebendigen vollen Zukunft gehört die Thora mit ihrem vollen unverkürzten Inhalte an. Deine Rückkehr, deine aufrichtige, dauernde Rückkehr zu ihrem ganzen Inhalte ist das Ziel deiner ganzen Galuthwanderung, deine aufrichtige, dauernde Rückkehr zu ihrem ganzen Inhalte, die einzige Bedingung deines künftigen Heiles. Thoren, die wir sind, wenn wir nach diesem Gottesworte noch meinen, wir könnten unser und unserer Kinder Heil begründen, indem wir den Weg der Thora verlassen. Jeder Schritt von ihr führt zum Verderben. Jeder Schritt zu ihr führt zum Heil. Warum bist du in´s Galuth gewandert? Weil du die Thora deines Gottes verlassen. Warum dauert dieses Galuth noch? Weil du zu seiner Thora noch nie mit ganzem Herzen und ganzer Seele zurückgekehrt, ihren Gesamtinhalt noch nie dauernd zur Wahrheit gebracht. Was wird dieses Galuth enden? Nur die volle Rückkehr zur ganzen Thora erlöst dich. Es ist Gott, der dieses spricht. und diesen Gott, und die Wahrhaftigkeit seines Wortes, und die überall und immer waltende Vorsehung dieses Gottes musst du erst verleugnen, wenn du auf anderem Wege dein und deiner Kinder Heil finden zu können glauben willst.
Schlage dir am Fasttage die Bücher deiner Propheten und die Worte deiner Weisen auf und lies, was dich in´s Unglück gebracht!
„sie mischten sich unter die Völker und lernten ihre Sitten“ ist die Grabschrift aller Prophetenstimmen auf Jeruschalaim – Zions erstem Leichensteine, und: Menschenfeindseligkeit hat uns begraben, tönt´s aus dem Schutt des zweiten Jeruschalaim – Zionfalls.
Siehe da, die Grundzüge unserer Nationalsünden, an denen wir bis auf den heutigen Tag herab kränkeln!
Der Mangel an Mut, der Mangel an Selbstständigkeit, mit entschiedenem Ernste den eigenen Weg rein und entschieden zu wandeln, der Mangel an Kraft, der Mangel an Begeisterung, der Mangel an Selbstkenntnis und Selbstachtung, der Mangel an felsenfest vertrauendem Festhalten an Gott und sein heiliges Wort, die uns alle befähigen würden, mitten unter allen Völkerfamilien der Erde zu leben, an ihren Sorgen, an ihren Bestrebungen teil zu nehmen, uns harmonisch und freundlich und heilstätig ihnen anzuschließen, und doch keinen Zug der eigentümlich jüdischen Gottespflichten einzubüßen, Mensch unter Menschen zu sein und doch oder vielmehr um so mehr durch und durch Jude, wie es unsere ursprüngliche Bestimmung gewesen: „Haltet und übet, denn das ist eure Weisheit und Einsicht vor den Augen der Völker, die alle diese Chuckim, alle diese Gesetze hören und sagen werden: ist doch eine weise und einsichtsvolle Nation dieses ganze große Volk!“ – und also: dieser Mangel an Gott verehrender Selbstachtung, an richtiger, hochschätzender Würdigung unseres göttlichen Lebensgesetzes, dies ist die eine Nationalsünde.
Eine unselige Zerfällung und Scheidung des einheitlichen Gottesgesetzes, eine unselige Übertragung einer unseligen unkritischen Teilung der unteilbaren Thora, in Pflichten zwischen Mensch und Mensch, aus unseliger Theorie in noch unseligere Praxis, das ist die andere.
Verletzung der speziell jüdischen Pflichten gegen Gott hat unser erstes Grab gegraben und die Verletzung der Pflichten gegen die Menschenbrüder unseren Zweiten Ruin erzeugt. Und so wird nimmer und nimmer das Heil bei uns einkehren bis wir ganze Juden geworden sein werden, bis wir das Leben in seiner Ganzheit und Einheit begreifen und so auch die Gotteslehre für´s Leben in ihrer Einheit und Ganzheit „halten und erfüllen!“
Nur die ganze, unverkürzte Thora bringt Heil.
Ob du böse zum Himmel oder böse zu dem Menschen bist, in jedem Falle versündigst du dich gegen Gott und untergräbst dein Heil, und nimmer darfst du dich, nimmer darf deine Zeit sich des Fortschrittes rühmen, so lange wir nicht mit gleich entschiedenem Ernste in beiden Kreisen fortschreiten, so lange wir immer wieder die Tugenden des einen Kreises durch Versündigungen im anderen Kreise beflecken, so lange wir nicht dadurch sühnen, dass wir ganze Juden werden, gegen Gott und Menschen alle unsere Pflichten erfüllen, „unverkürzt und ganz wie es uns Gott befohlen, wir und unsere Kinder mit ganzem Herzen und ganzer Seele!“

Kislew.

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Copyright © von www.schechina.org1. Scha-alah.

Mit dem 13. Kislew beginnt die Regenbitte im Gebete, so lautet die Notiz in deinem Kalender, „wer diese Bitte vergisst, hat noch einmal zu beten.“
Einen Augenblick verweile bei dieser Notiz und beherzige, um dein und deiner Kinder Heil beherzige die Wahrheit, die sie dir bringt.
Ist es nicht ein herzzerreißender Gedanke sagen zu können, dass die Erinnerung dieser Kalendernotiz heutzutage ein Stein der Prüfung, eine Probe der Wardeiung, ein Schibboleth ist, woran du dich erkennen kannst, ob du noch gesund, ob dein Inneres, dein heiliges göttliches Innere noch gesund, noch unangegriffen ist von dem Miasma des Wahnes, mit dem geschäftige Boten des Todes das Leben der Menschengemüter zu untergraben sich bemühen?
Bittet Gott um Regen, das ist die Forderung dieser Notiz, bittet Gott um Regen zur Regenzeit, es ist Gott, der die Wohlgestalten; des Regens Richtung gibt er ihnen, selbst für einen einzelnen Mann, für ein einzelnes Kraut auf dem Felde! (Secharjah 1)
Morgen leuchtet, und zum sechstehalbtausendsten Male der Frühling lächelt, betet der Jude seinen Gott an, der der Sonne ihre Bahn und dem Lichtstrahl sein Gesetz und den Jahreszeiten ihren Wechsel vorgezeichnet.
Die Erdwelt aber, die Adamah, dieser Adamsboden,
Erziehungsstätte seiner Veredlung, Entwicklung und seiner Heranerziehung zu Gott und zu seiner eigenen göttlichen Hoheit und Größe.
Hier wacht das besondere Auge Gottes und sein allmächtiger Wille hält hier nicht nur die von ihm geschaffene Ordnung der Natur, sondern lenkt und leitet, gibt und nimmt, richtet und regelt die Erzeugnisse und Gänge ihrer Kräfte nach dem jeweiligen Erziehungsbedürfnisse der Menschheit, der Völker, der Familien, der Menschen.
Wehe dir, wenn die Theraphim, die redenden dichtenden Götzen dich mit ihrer Lehre des Awen, der schöpferlosen meisterlosen Kraft betört, wenn die Kossemim, die Deuter der Naturzeichen, nur Lüge erschaut, nur traumgeborenen Wahn verbreiten und „Nichtigkeit“ zum Troste bieten und sie darum ins „Pfadlose wie Schafe wandern und sich damit rechtfertigen, dass es doch keinen Hirten gebe!“ (Secharjah 10, 2.)
Wehe dir, wenn das herrlichste Geschenk des Menschheitsgottes, der Stolz des Menschengeistes, die denkende Anschauung der Wunder der Natur, dir den Schöpfer, und Meister und Lenker dieser Wunder, dir den Glauben an deinen Gott geraubt, und dir nicht mehr mit innigem Gefühle die Bitte über die Lippe gehet, „und gib Tau und Regen zum Segen der Fläche der Adamserde.“
Heil dir, wenn, je reicher und tiefer du die Wunder der Natur erschaut, um so tiefer und inniger dich die Verehrung ihres Meisters erfüllt, je deutlicher dir die deiner Welt inne wohnenden Gedanken hervor getreten, um so näher du eben ihn, den großen einzigen Denker dieser Gedanken erkennst, je mehr dir jeder Regentropfen die Wunderweisheit und Wundermacht deines und seines Schöpfers verkündet, umso anbetender du dich zu ihm hinwendest und betest: „o, gib Tau und Regen zum Segen der Welt des Menschen.“ Weil du mit freudigem Herzen es weißt und bekennst, „dass Gott die Wolken bildet, und ihnen die Richtung des Regens gibt, selbst für einen einzelnen Menschen, für ein einzelnes Kraut auf dem Felde.“

2. Chanuckah.

Mit dem Abend des 25ten Kislew zündest du das Chanuckahlicht in deinem Hause an, und mit immer steigendem Lichtgruß tritt 8 Tage lang die Erinnerung einer alten Geschichte aus einer alten Zeit in deinen Kreis.
Immer wieder die alte Geschichte? Sterben denn die jüdischen Toten nie? Vergehet denn die jüdische Vergangenheit nimmer?
Nein, die jüdischen Toten sterben nicht. Wer für´s Judentum gestorben, noch mehr, wer für´s Judentum gelebt, der stirbt nimmer; ewig dankbar bewahrt sein Andenken das seinen vergangenen Edlen dankbarste Geschlecht. Und die Vergangenheit, die Geschichte, die jüdische Vergangenheit, die jüdische Geschichte, - ewig frisch und ewig neu, tritt sie in ihren großen Zügen an jedes jüngere Geschlecht heran mahnend, warnend, tröstend und erhebend.
Und nun gar diese Geschichte! O, dass sie alt wäre, mit ihrem Trüben und ihrem Herrlichen nun nach 2000 Jahren alt, so alt, dass uns das Trübe unbegreiflich und das Herrliche alltäglich erschiene!

Ist´s eine alte Geschichte?
In jenen Tagen traten aus Israel gesetzeswidrige Männer hervor und redeten dem Volke zu und sprachen: Lasset uns gehen mit den Völkern um uns her einen Bund machen: denn seitdem wir uns von ihnen gesondert, haben uns viele Leiden getroffen. Diese Rede gefiel den Augen der Menge und einige aus dem Volke waren bereit und machten sich auf den Weg zu dem König. Der König gab ihnen die Erlaubnis die Sitten der Heiden einzuführen. Da erbauten sie in Jerusalem ein Gymnasium nach griechischer Weise, und machten sich Vorhäute, und standen ab von dem heiligen Bunde und verbanden sich mit den Völkern und gaben sich ganz preis, das Böse zu üben.
Ist´s eine alte Geschichte?

Ist´s eine alte Geschichte?
„Bürgerrecht“ von Israels Verführern als Köder zum Abfall von Gott und seinem heiligen Worte missbraucht – und siehe wie dennoch diese Zeit des Verrates und des Abfalls überwunden worden, welche Jahrhunderte, Jahrtausende der Treue, der Hingebung, der Aufopferung für Gott und Judentum ihr doch gefolgt – und lerne: vertrauensvoll in die Zukunft blicken.
willst du, dass der Fremde dich achte und deine Väter achte? – Vieles magst du in der Welt finden, um Achtung bettelst du dann vergebens.
Aber wie hatten „die Männer des Fortschrittes,“ „die Männer der Bildung,“ „die Priester der Reform,“ die politischen Religionshändler der antiochischen Zeit in Judäa sich verrechnet!
Hörst du nicht, was dein Makkabäerlicht dir erzählt?
Soweit hatten es die abgefallenen Söhne Judäas gebracht, dass zuletzt die Griechen selbst das Gottesheiligtum zum Zeustempel entehrten. Alle Öle der heiligen Gotteslampe hatten sie entweiht. Nur ein Krügchen fanden die siegenden Hasmonäer noch unentweiht; doch es reichte nur für einen Tag. Aber an diesem Einen Krügchen zeigte sich die rettende Wundermacht Gottes. Acht Tage lang versorgte man damit die heilige Lampe, bis man neues Reines bereiten konnte!
Lass sie immerhin fanatisch gegen Judentum wüten, mögen links tausend und Myriaden rechts vom Judentum abfallen, so lange sie nicht den letzten Funken Judentum in der Brust des letzten Juden im letzten jüdischen Dorfe zertreten haben, so lange mögen wir, kurzsichtige Sterbliche, zittern; ein reiner Funke, in einer jüdischen Brust treu bewahrt, genügt Gott, um daran den ganzen Geist des Judentums wieder zu entflammen. Und wenn alles Öl, alle Kräfte, die das Gotteslicht in Israel nähren sollten, dem Lichte des Heidentums verfallen wären, ein Krügchen Öl, eine unter hohenpriesterlichem Siegel still und unentweiht in einem vergessenen Winkel treu gebliebene Brust genügt, um, wann Zeit und Stunde gekommen, das Heiligtum zu retten.
„Und wenn schon alle Länder Antiochus gehorsam wären und jedermann abfiele von seiner Väter Gesetz, und willigte in des Königs Gebot: so wollen doch ich und meine Söhne und Brüder nicht vom Gesetz unserer Väter abfallen!“
sprach die treue Hasmonäerbrust eines Heldengreises – und Israels Heiligtum war gerettet.

Das Tempellicht? Die eigenen jüdischen Hohenpriester hatten es verraten. Das Licht in Mathathias Dorfstube war die Rettung.
Zu Hause zünde darum dein Licht an.
Und da achte dein Haus nicht gering. Und wärest du selbst
der Einzige, der noch den alten Makkabäergeist in seinem Hause bewahrte, ein einzelner Jude, ein jüdisches Haus ist zuletzt selbst genug, um darauf das ganze jüdische Heiligtum wieder zu erbauen. Ja, je weniger Genossen du hättest, je mehr rings um dich der Hasmonäergeist wiche, umso treuer warte du sein, um so ernster bereite du ihm eine Zufluchtsstätte in deinem Hause.

Und stille wirst du nimmer stehen in diesem heiligen Streben, wirst dich nie begnügen mit dem, was du bereits gestern getan, immer vorwärts wirst du streben, immer heller solls in deinem Hause werden, und wenn du gestern ein Licht angezündet, zündest du heute zwei dir an; denn du weißt es ja: den Fortschritt, nicht den Rückschritt gilts im heiligen Streben, und wenn irgendwo, so heißt es hier, wer nicht fortschreitet, geht zurück!
Und was du still im eigenen Hause wirkest und schaffest, das wird hinausleuchten über die Grenze deines Hauses, und das freundlich heitere Gotteslicht deines Hauses wird auch den Nachbar wecken zu gleicher lichterfüllten, jüdischen Häuslichkeit. Wirst dich nicht schämen Jude zu sein, wirst stolz darauf sein, dass man in dir, und deinem Hause den Juden erkenne, wirst dich nicht scheuen, dein jüdisches Licht über die Gasse leuchten zu lassen, und nur in der Ungunst der Zeiten, dich damit begnügen, wenigstens dein Haus für´s Judentum zu erhalten, und den Tisch deines häuslichen Lebens zu einem Altare des Gottesheiligtums zu weihen.
So zünde denn Licht an in deinem Hause, und es sei dein und der Deinigen Weg, der Weg der Gerechten, wie strahlendes Licht, immer heller, immer lichter bis zum vollen ewigen Tage.

Cheschwan.

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   Der ernste, heitere Festmonat ist vorüber, und der stille, schweigende Cheschw-an nimmt dich auf. Aber eine Fülle von Klängen und Tönen nimmt deine Brust mit hinüber in diese Stille, und dieser Monat ist so recht geeignet, all das Herrliche des jüdischen Stilllebens zu belauschen. Welch ein Monat ist dieser Cheschwan, wenn der Thischri dich durch und durch mit seinem Geiste durchdrungen! Schule und Haus, Gewerbe und Gemeinde treten nun den Halbkreis ihres still winterlichen Schaffens und Wirkens, Strebens und Genießens an. Mit erneuter Lust wandert Knabe und Mädchen zur Schule, geht der Jüngling und die Jungfrau wieder die Bahn ihres vorbereitenden Strebens, mit neuem Mut der Mann an seinen Beruf und das Weib die stillseligen Pfade des häuslichen Priestertums. Und der Abend sammelt sie alle wieder, und jeder Atemzug ein Lobgesang Gottes und ein Geist des Friedens und der Liebe, der Seligkeit und der still bewussten Kraft füllt den Mann und das Weib, füllt den Jüngling und die Jungfrau und strömt in seiner Fülle in das unbewusst lächelnde Gemüt der kleinen über. O, dass wir Juden wären! Dass wir uns einmal entschlössen Juden zu sein, in der ganzen herrlichen Fülle dieses Namens, mit dem ganzen Ernst und der Entschiedenheit, die dieser Weg des Heiles bedingt! Dass wir einmal ließen das splitterrichtende Kritteln, und das Wort Gottes und die segnende Kraft seiner Lehre da erprobten, wo sie allein erprobt werden können, im Leben, in der Wirklichkeit, in der Tat! Dass wir es einmal wagten unsere Häuser jüdisch zu bauen, unsere Ehen jüdisch zu gründen, unsere Kinder jüdisch zu erziehen, unsere Geister jüdisch zu erleuchten, unsere Herzen jüdisch zu erwärmen, unsere Reden jüdisch zu begeistern, unsere Taten jüdisch zu leiten, unsere Genüsse jüdisch zu weihen – dass wir es einmal wagten mit dem jüdischen Geiste, mit dem vollen jüdischen Geist, und einmal des Segens harrten, der daraus erblühen würde! Wie fest würden wir stehen in diesem schwankenden Geschlechte, wie innig sich alle heilige Bande uns schürzen in dieser alles lockernden Zeit, welche Kraft würde sich bei uns entfalten, wenn auch alles der Schwäche, welche Wahrheit, wenn auch alles dem Truge, welche Liebe, wenn auch alles der Selbstsucht erläge, welcher Segen, welches Heil, welch heiteres Heil würde bei uns wohnen, wenn auch alles der Sorge und der Betrübnis verfiele! Hat denn das Hinüberschwanken ins unjüdische Leben uns so viel Segen gebracht, dass wir uns dem Wahne nicht entreißen möchten, der uns mit seinen Banden umstrickt? Sind denn unsere Herzen leichter, unsere Geister heiterer, unsere Ehen glücklicher, unsere Familien inniger geworden, seitdem wir noch mehr die Pfade des jüdischen Lebens verlassen? Sind unsere Kinder besser, unsere Jünglinge und Jungfrauen reiner, unsere Männer und Frauen wackerer, als es die Väter und Mütter gewesen? Sind es denn so heilverkündende Zustände, mit denen wir unser jüdisches Stillleben vertauscht? Ist es denn ein so fester Boden, an den wir aus unserem jüdischen Nachen gelandet? Sind es heiter gesunde Kreise, in die wir getreten? Ist es ein fröhlich blühender Lebensbaum, der uns in seinen Schatten aufgenommen? Schwankt doch überall die Zeit krank umher und sucht Arznei für ihr siech gewordenes Leben, blickt doch überall das matte Auge der Sehnsucht nach dem neuen Saatkorn aus, das ihr den Lebensbaum ersetzen möge, der ihr welk geworden! Wie? Wenn uns diese Arznei längst gegeben, wir dieses Saatkorn längst schon hätten – wenn der Herr der Zeiten auch für solche Zeit der Erschlaffung und des Siechtums längst uns seinen ewig verjüngenden Balsam des Lebens bereitet, und dieses Saatkorn, diese Arznei, dieser Balsam eben nichts anderes wäre, als – unser so lange verkanntes, verschmähtes Judentum?

   Lass dich die Miene der Männer der vornehmen Wissenschaft nicht irren! Die Rezepte studieren sie, grübeln aufs Haar nach dem Geburtstag der Amme des Pharmazeuten – um der Arznei zu entraten. Lass sie studieren und grübeln! Trinke die Arznei und gesunde, und beweise durch deine Gesundheit, dass die Arznei echt und gesund. Während sie mit aller Weisheit die Unmöglichkeit beweisen, dass ein so altes Samenkorn noch Triebkraft und Leben in sich trage, sät der lebenskräftige Jude das Saatkorn seines alten Glaubens in den frischen Acker seines unentnervten Lebens, pflegt es mit der Sonnenglut der alten Begeisterung, tränkt es mit dem Lebenstau aus dem alten ewigen Borne der Kraft, und zeigt lächelnd durch die Blüte und Frucht, wie flach das Urteil der Beschränktheit.

   So geschwunden ist der jüdische Geist noch nicht auf Erden, dass es nicht noch Stätten gebe, wo du sein stilles Wirken belauschen und an den Früchten, die selbst das einfachste Saatkorn des jüdischen Geistes in einfachsten Kreisen trägt, ermessen könnest, zu welcher Herrlichkeit sich unsere Zustände entfalten würden, wenn sie der vollen kraftreichen Saat des jüdischen Geistes ihren Schoß öffnen möchten.

   Willst du heutigen Tages den Segnungen des Judentums begegnen, suche es einmal da auf, wo es fast die einzige geistige Potenz im Gedanken- und Gefühlskreise bildet, und siehe, welche Früchte auch nur seine einfachsten, aber großen Grundzüge in einem Lebenskreise erzeugen, bei dem du sonst alle anderen Hebel des Heiles und des Segens vermisst. Das jüdische Proletariat suche auf, - nicht das wandernde, heimatlose, - in großen, volkreichen Städten suche es auf, wo die Armut das Elend, die Verkümmerung und Entartung sonst in ihrem Gefolge hat. Dort gehe in die Hütten der jüdischen Armen, und lasse dir von ihren Pflegern das Bild des Lebens entrollen, das dort gelebt wird. Da wird dein Herz warm werden, da wird dein Auge leuchten, da wirst du stolz werden Jude zu sein und da wirst du die erhaltende, erhebende, veredelnde, geistige Kraft des Judentums ahnen lernen.

Da wirst du lernen, welch einen Geist der Sittlichkeit, der Redlichkeit, der Aufopferung, der Liebe, des Edelmutes, des Seelenadels, welch einen Geist der Freudigkeit, der Heiterkeit, der Zufriedenheit es auf Lebensstufen zu entfalten weiß, wo es den einzigen Reichtum, und das einzige Licht und die einzige Lebenspulsader bildet. Da wirst du die Gattenliebe und Elternliebe und Kindesliebe, und die opferfreudige, gegenseitige Menschenliebe ihre schönsten Triumphe feiern sehen, dort wirst du im groben Kittel, in unscheinbaren Hütten Menschen sittlich, wacker, groß und glücklich finden, weil sie Juden und nichts als Juden sind.

   Und hast du das Judentum auf diesen niedrigsten Stufen der gesellschaftlichen Gestaltung besucht, dann suche dir die wenigen Edlen auch auf, die, wie wiedererstandene Denkmäler vergangener Größen, vereinsamt, und doch als Muster dem kommenden Geschlechte entgegenleuchtend zeigen, zu welcher Fülle von Größe, zu welchem Gehalte und Inhaltsreichtum ein Leben sich entfalte, wo nun dem jüdischen Geist ein heiterer, reicherer Kreis sich geöffnet, wo der Wohlstand sich des Judentums nicht schämt, wo Gold und Glanz den Horebschmuck Israels nicht verdrängt, wo der jüdische Geist und das jüdische Herz in jedem geistigen und leiblichen Gute nur ein willkommenes Mittel begrüßt, in größerem Maßstabe jüdische Pflichten, Mizwoth, zu üben!

   Dann wirst du dir sagen, welch eine herrliche Erscheinung das Judentum heute wäre, wenn alle Juden, Juden wären, wenn die Freiheit und Bildung und Wohlhabenheit, und Wissenschaft und Kunst, die in so größerem Maße unserem heutigen Geschlechte zugefallen, sich nicht dem Judentum entfremdet hätten, nicht die schützenden, erleuchtenden, leitenden und segnenden Genien verlassen hätten, die das Stillleben des Juden auf allen Stufen, durch alle Entwicklungsphasen begleiten und göttlich weihend gestalten sollten.

   Milah, Ziezith, Thfillin, Mesusah, Shabbath, Berachoth sind diese Genien des Stilllebens, deren Führung du dich hingeben mögest, wenn du dich zum Juden, zum Sohne Jeschuruns erziehen willst.

   Milah wird dich lehren keusch zu bleiben und die sittlich reine Unschuld bewahren, - Ziezith durch Beherrschung des Auges und des Herzens die Humanitätserziehung an dir zu vollenden, die der barmherzige Gott mit dem ersten Gewande begonnen, das er um die Blöße des verirrten Menschen schürzte, - und die reine Hand und das reine Herz und das reine Auge weihen. Thfillin dir mit jedem neuen Morgenrot einem tätigen, recht- und lieberfüllten jüdischen Leben, - und den ganzen Kreis deines häuslichen Lebens grüßt der Name Schaddai an der Tür und weiht dein Haus zu einer Abrahamshütte, der der allmächtige Gott als der alleinige Schutzherr genügt, und in welcher die Lehre von dem einig einzigen Gott und von der Hingebung an diesen Einzigen mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen, und von der Erziehung deiner Kinder zu solcher Lehre, ihre Verwirklichung findet, - und mit jedem siebten Tag kehrt der Sabbath bei dir ein und bringt dir Ruhe und Frieden, Trost und Seligkeit als Paradieseslohn für solches Streben, und ewig frische, ewig neue Begeisterung zum Fortstreben in solchem Leben. Alle Momente deines Lebens aber durchdringen Berachoth mit dem Geiste der Erkenntnis und der Weihe, und lassen dein ganzes Leben dich als einen fortgesetzten Gottesdienst begreifen und vollenden. Was du siehst oder hörst, was du empfängst oder verlierst, was du genießt oder übst, nichts findet dich gedankenlos, alles weckt und mahnt dich und stärkt dich in dem Entschlusse, in allem und mit allem nicht nur gesegnet, sondern selber Segen, segnende Förderung dem heiligen Willen des zu werden, der dich in allem und mit allem segnend umgibt und hinwieder selbst durch dich „baruch“ werden will, selbst von dir Segen erwartet, - auf dass dein ganzes Leben in Lösung des einen Wortes aufgehe, welches er zu deinem Ahn gesprochen: „Hejeh Berachah“, „werde Segen!“

Thischri

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Ein Monatsblatt

zur Förderung

jüdischen Geistes und jüdischen Lebens,

in Haus, Gemeinde und Schule.

 

 

Thischi.

 

Des Juden Katechismus ist sein Kalender. Auf die Fittiche der Zeit, die uns durch´s Leben tragen, hat Gott die ewigen Worte seiner beseligenden Lehre gegraben, und Tage und Wochen und Monate und Jahre zu Herolden seiner Wahrheiten gemacht. Den scheinbar flüchtigen Elementen hat Gott die Pflege seiner Heiligtümer anvertraut und hat ihnen damit unverwüstlichere Dauer und unbedingtere Zugänglichkeit gesichert, als Priestermund und Denkmals-Erz und Tempel und Altar vermöchten. Priester sterben, Denkmäler verwittern, Tempel und Altäre zerfallen, aber die Zeit bleibt ewig, und ewig frisch  und ewig neu tritt jeder junge Tag aus ihrem Schoß. Nur zu  Wenigen kann der Priester wandern, Priester und Denkmäler, Tempel und Altäre müssen warten, bis du zu ihnen kommst, - und noch weit mehr bedarfst du ihrer ja, gerade, wenn du nicht zu ihnen kommst, wenn du nicht einmal den Zug zum Heiligtum fühlst, oder die Schranken des Elendes dich vereinsamen. Nicht also die Kinder der Zeit. Sie warten nicht bis du zu ihnen kommst; sie kommen zu dir, unangemeldet, unabweisbar zu dir, sie wissen dich zu finden mitten im geschäftigen Markte des Lebens, mitten im rauschenden Gewühle der Freuden, oder in einsamer Kerkerstille, oder auf schmerzreichem Krankenlager, wissen dich zu finden und reichen dir überall das Wort deines Gottes, mahnend und warnend, beseligend, tröstend, - und allgegenwärtig wie die Gottheit, die sie sendet, treten sie zu Allen zu gleicher Zeit heran und erfüllen in Einem Momente, in Ost und West in Süd und Nord, auf jeder Höhe, in jeder Tiefe des Geschickes und Alters, Millionen in Einem Momente mit Einem Gefühle und Einem Gedanken.

Siehe da den Monat Thi-schri, diesen „Anfang-“ und „Löse- Monat!“ Welch ein Gottesherold stehet in ihm vor dir, und welch eine Fülle von Ernst und von Freude, von Erschütterung und Frieden, von Mahnung und Trost will er dir bringen!

   Ein zweifaches Jahr hat der Kalender der Juden, so wie er auch einen zweifachen Tag kennt. Ein Jahr das mit dem Herbst beginnt, und, wie sehr es sich auch durch den Winter zum Frühling und Sommer hindurch ringt, doch wieder mit dem Herbste endet; - und ein Jahr, das mit Frühling anhebt, und wenn auch dem Sommer Herbst und Winter folgen, dennoch wieder zum heiter lachenden, sich neu verjüngenden Frühling hinführt. Und eben so einen Tag, dessen Anfang Nacht ist, wie über die Wiege der Schöpfung der Schleier der Nacht gewoben, und der, wie hoffnungsreich auch die Morgenröte dämmert und zum hell strahlenden Mittag hinführt, dennoch wieder endet mit Nacht; - und einen Tag, der mit dem Morgen anbricht und zum Mittag steigt und mitten durch die Schatten der Nacht doch sicher wieder zum Morgen geleitet.

   Der Nacht-tag, der von Nacht zu Nacht führende Tag,  ist der Tag der Erdschöpfung; nach ihm zählst du in allen Räumen alle Zeiten deiner irdischen Wallfahrt. Aber im Tempel deines Gottes, im Mikdasch, im Heiligtum, gilt der Licht-tag, der dich von Morgen zu Morgen geleitet; Alles beginnt dort mit dem Morgen und Alles endet mit dem Morgen.

   Das Herbstjahr, das mit Thischri beginnende Jahr, das mit dem Herbst einleitet und mit dem Herbst endigt, ist das Jahr der Erdschöpfung; nach ihm zählst du die Jahre der Welt, die Jahre deiner Welt, deiner Geschäfte, deines Schaltens und Waltens mit den Dingen der Erde. Das Frühlingsjahr, das mit dem Lenzmonat Nissan beginnt und mit dem Lenzmonat endet, ist das Jahr des Judentums, das Jahr der Israel- und Menschheitserlösung; nach ihm zählst du dein jüdisches Leben, deine jüdischen Monate und Feste.

   Diese Doppelzählung der Jahre und Tage, siehst du nicht, wie sie der Posaunenruf des Todes und des Lebens, der Vernichtung und der Auferstehung, der Vergänglichkeit und der Ewigkeit ist,  wie sie dich ewig wach rufen soll zu dem lebendigen Bewusstsein von deinem Doppelwesen, von dem irdisch Vergänglichen und dem ewig Göttlichen deiner Natur, von dem irdisch Vergänglichen und dem ewig Göttlichen aller deiner Beziehungen, von dem irdisch Vergänglichen und dem ewig Göttlichen des ganzen Menschheitswesens auf Erden?

Streiche weg aus deinem Leben alles, was dich zum Juden macht, streiche aus dem Leben der Menschheit weg alles, was ihr das Judentum gebracht, alles was dem Judentum entgegenreift, - und wahrlich du zählst von Nacht zu Nacht, und von Nacht zu Nacht zählt mit dir die Geschichte der Menschheit; blütenloser Herbst ist alles Entstehen und zum blütenlosen Herbst welkt alles zum Tode; und wie auch die Sonne der irdischen Hoheit steigt, der Schatten der Nacht hüllt zuletzt doch mit seinem endlichen Schleier alles ein; und wie auch der Baum des irdischen Lebens sich prangend entfaltet, dem üppigen Sommer folgt der Herbst, die Zeit der Stürme kommt, und entblättert steht das Prangendste da. Was vom Staube geworden wird zum Staube, „auf der Weide des Todes gehen sie alle“ und „Vergänglichkeit“ predigt das Gerölle und der Schutt der Zeiten.

    Wehe dir, wenn du dich über diese Vergänglichkeit täuschest, wenn du an die Ewigkeit der Jugend, an die Dauer der Blüten, an die Erznatur des Markes, an den Bestand der Hoheit, an die Unverwüstlichkeit des Genusses und der Freuden, an die Sicherheit des Besitzes, an die Ewigkeit irdischer Größen glaubst, ihnen, als deinen ewigen Göttern dich in die Arme wirfst, „nachwandelst dem Vergänglichen – und vergehst!“ Wehe dir, wenn du die Thischrizählung deiner Jahre erst am Ende deines Lebens, wenn es zu spät ist, lernest!

   Dreimal aber wehe dir, wenn dich der jüdische Geist nicht die Frühlingszählung deiner irdischen Jahre gelehrt, wenn dir die Erde ein Leichenhaus wird, in welchem dich überall Gräber anstarren, der lauernde Tod über alles das Grauen der Verwesung wirft, und die Heiterkeit dir Sünde und der Genuss zum Verbrechen und die Freude eine Torheit wird, und du entmutigt dich zur Erde setzt und mit erstorbenem Blick und mit verkohltem Herzen nur den Seufzer kennst: „Alles, ach alles ist eitel!“

Denn siehe! im jüdischen Geiste, im jüdischen Heiligtum ist nichts eitel. Nicht über Gräbern ward das jüdische Heiligtum gebaut, der Tod und die Zeichen des Todes blieben fern aus seinen Räumen. Nicht mit Trauerschmerz waren seine Hallen zu betreten, der Freude ward´s erbaut. Von Morgen zu Morgen zählte man in seinen Kreisen.

   Nach Frühlingen zählt der jüdische Geist. Das Frühlingsparadies – nicht erst das jenseitige – setzt er an den Anfang der Menschengeschichte, und das Frühlingsparadies zeigt er als Ziel der Geschichte, und ein Leben auf Erden zu lehren, in welchem nichts vergänglich, in welchem alles ewig, alles vom Hauche ewiger, freudiger Göttlichkeit durchweht werde, ein Leben auf Erden zu lehren, in welchem selbst Mühe und Arbeit, Trauer und Schmerz sich zu seliger Heiterkeit verklären und der vergänglichste Keim und die flüchtigste Minute, vom ewigen Gottesgeist des Menschen erfasst, als eine ewige Blüte in den Kranz der Vollendung sich fügt, und schon hier auf Erden die Seligkeit blühet und schon hier auf Erden die Ewigkeit taget und mitten durch Sturm und Nacht einer ewig herrlichen Frühlings- und Tages-Verjüngung entgegenreift – von Morgen zu Morgen, von Frühling zu Frühling zählen und leben zu lehren, das ist die Summe der jüdischen Botschaft des Heiles.

   Aber bevor die Seligkeitswahrheit Eingang finden kann, muss die Täuschung geschwunden sein, der Frühlingsbotschaft muss die Herbstposaune voran gehen, die Thischrizählung musst du beherzigt haben, wenn du Frühlingsjahre zählen und leben willst; darum tritt dir der Thischri entgegen am Anfang deiner irdischen Wallfahrtsjahre und will die Täuschung vernichten, und den Wahn verscheuchen und will dich lehren, auf von Täuschung und Wahn befreitem irdischen Boden, mitten in der Vergänglichkeit, mit dem Vergänglichen, heiter und selig die Hütte deines Lebens zu bauen.

   Zerbrochen lagen einst die Tafelscherben des göttlichen Gesetzes am Sinai; denn es hatten die Väter wahnumnebelt das sichtbare Vergängliche über das ewige Unsichtbare gesetzt, hatten von dem ewigen Schöpfer und Walter ihr Herz der vergänglichen Kreatur zugewendet, hatten die sichtbare Natur im goldenen Kalbe vergöttert, und „Elch“ diese sinnlich erkennbare Welt, dieser Kosmos, und seine irdisch waltenden Mächte, sie sind deine Götter Israel! hallte im sinnlichen Rausch der Jubel der tanzenden Chöre. Darum lagen zerbrochen die Tafeln des göttlichen Gesetzes. Denn wo aus der Brust des Menschen geschwunden ist das Bewusstsein seiner eigenen höheren göttlichen Natur, wo ihn dies  Bewusstsein nicht über die sinnliche Welt zu dem Einen Einzigen unsichtbar Allgegenwärtigen Höchsten und Nächsten Einen hebt, wo der Mangel dieses Bewusstseins den Menschen der sinnlichen Natur zu Füßen wirft, der Natur zu Füßen, zu deren Herrn und Meister, nicht zu deren Sklaven und Diener Gott ihn gesandt – da fehlt der Boden, auf welchem das göttliche Gesetz seine Stätte finden und ein göttlich menschliches Leben auf Erden erzeugen könnte, das durch und durch von Gottes Geist getragen, das ganze sinnlich Leben selbst zu Einem Gott verherrlichenden Hymnus umwandeln und ein Heiligtum auf Erden bauen sollte, in welchem Gottes Herrlichkeit beseligend wohne. Da liegen zerschmettert die Tafeln des göttlichen Gesetzes.

   Aber der Wahn ward vernichtet, der Schleier ward zerrissen, der Vergänglichkeit fielen die Verehrer des Vergänglichen anheim, Staub ward das Götterbild der Vergänglichkeit, und zu dem Ewigen richtete sich der Geist der Väter wieder auf, und „Sfalachti“ „Ich habe verziehen“, rief die Gnade aus Himmels Höhen, und das Band ward wieder geknüpft, und des Gesetzes Tafeln kehrten wieder und die Hütte des Heiligtums war wieder zu erbauen.

   Der 10. Thischri wars, als das: „Sfalachti“ die Wiedererhebung aus verworfenster Sinnlichkeitsvergötterung besiegelte, und das drückte für alle Zeit dem Monat Thischri die Weihe des ernstesten Ernstes und der seligsten Freude auf.

   Theruah, u. Theschuwah, Selichah, Kaparah und Taharah, Emunah und Simchah, Erschütterung und Rückkehr, Verzeihung, Sühne und Reinheit, Vertrauen und Freude, das ist das siebenfarbige Angebinde, das der Neujahrsherold am Thischri jeder jüdischen Hütte, jeder jüdischen Brust läuternd und weihend, kräftigend, beseligend bringt; Theruah u. Theschubah, Selichah, Kaparah u. Taharah, Emunah u. Simchah, das ist der Baum des Lebens, den der Thischri immer neu in unserer Mitte aufrichtet, und alle, alle in seinen Schatten ladet. Theruah u. Theschuwah die Wurzel, Selichah, Kaparah u. Taharah der Stamm, Emunah u. Simchah die nährenden und beglückenden Früchte des Lebens. Willst du die Früchte pflücken, darfst du die Wurzel nicht scheuen. Sollen dir die Früchte reifen, pflanze die Wurzel mit Ernst in dein Gemüt.

   Der Posaunenruf der Theruah soll den Traum, die Täuschung zerstören, mit welcher die Sinnlichkeit uns in ihren Armen lullt, soll das Götterbild zerschmettern, das wir der Sinnlichkeit in unserem Herzen errichten, soll  uns wach rufen, und aufrufen zu dem Einen, der unser wartet. Und die Tage der Theschuwah lehren uns den Weg wieder finden, der in die Arme des Vaters zurück führt und uns zum Jom hakipurim leitet, der die Brücke mit der Vergangenheit abbricht, mit Selichah, Kaparah u. Taharah uns einen reinen, neuen Boden gibt, auf dem wir am Suckoth–Feste ruhig und sicher, fröhlich und heiter die Hütten unseres Lebens bauen lernen.

   Jom theruah, der Tag des Posaunenrufs geht voran. Wie im Schofarruf Gott am Sinai uns zusammen rief, wie Gott mit Schofarruf einst uns wieder um sich sammeln wird, wie der Schofarruf den Sklaven zur Freiheit, den Armen zum Besitz, den Entfremdeten zu seiner Heimat rief, so ruft der Schofarton mit jedem Thischri uns alle, alle zu Gott, ruft den Sklaven der Sinnlichkeit zur göttlichen Freiheit, ruft Arm und Reich zum wahren Reichtum, ruft den Verirrtesten zur eigenen Heimat, ruft zur Jobelhöhe jedes Herz und jeden Geist.

   Wie der rufende Thekiahton die Väter zu dem Führer rief, die schmetternde Theruah sie zum Aufbruch und zum Kriege lud, und der Thekiah schließender Ruf sie zu dem neuen Ziele leitete, wo Gott ihrer wartete und wohin die Wolke seiner Gnade und die Lade seines Bundes zog – so ruft uns die Thischrithekiah zu unserem Lebenshirten, den wir verlassen, und die Theruah schmettert uns zum Aufbruch und Kampf, - zum Aufbruch von jeder Stätte, zum Abbruch jedes Verhältnisses, auf welchen Gottes Segen nicht ruht, und zum Kampfe wider alles, was sich scheidend stellt zwischen uns und unseren Gott – und wiederum die Thekiah lockt uns dort hin, wo das göttliche Gesetz seine Stätte findet, und die Herrlichkeit Gottes mit ihrer Segenswolke schirmend deckt.

  Aber Theruah, der schmetternde Aufbruch- und Kampfesruf, ist der Grundton des Tages. Vergebens erscheinst du auf seinen Ruf vor deinem Gott und deinem Führer, wenn du zu schwach bist seiner Theruah zu folgen, wenn dich seine Theruah nicht wach rüttelt aus deinem Schlafe, in welchem du sorglos am Abgrunde träumst, wenn dich die Blumen, die Sodomsblumen, die am Abgrunde blühen, so süß berauschen, dass du die Warnstimme überhörst, die dich retten will, dass du dich nicht losreißest aus den Banden des Vergänglichen, das du vergötterst, nicht den Mut hast zu rütteln an lieb gewonnene Gedanken, Pläne, Entschlüsse, Verhältnisse, Zustände, Bande, Vorteile, Genüsse, in denen Gott nicht wohnet, nicht den Mut hast zu kämpfen gegen Gewohnheiten, Leidenschaften, Triebe, die dich in die Fesseln der Vergänglichkeit jochen, nicht den Mut hast für Gott mit Vergänglichem zu kämpfen und doch den Mut hast für Vergängliches gegen Gott anzukämpfen, wenn dir dein Gott, zu welchem die Thekiab dich ruft, nur eine eitle Hoheit ist, der du doch einmal im Jahre deine Aufwartung machen müssest, der du zum Neujahr wenigstens den Huldigungsgruß zu bringen hättest, und du den Ernst seiner Theruah überhörst, mit welcher er dein ganzes Wesen, deine ganze Zeit, deine ganze Kraft, das ganze Reich deiner Gedanken, Gefühle, Genüsse, Worte, Taten fordert, in alle Fugen deines ganzen Wesens dringt, alles umwandeln, alles umschaffen will, und allem Vernichtung gebietet, was nicht vor der Wahrheit seiner Prüfung, was nicht vor der Wahrheit seines Wortes besteht, - um dich, dein ganzes Ich mit allen seinen Beziehungen für das Reich der Ewigkeit zu retten, und nicht das flüchtigste Moment deines irdischen Schaffens dem Grabesgang der Vergänglichkeit zu überlassen.

   Und auf den Theruahtag folgt die Theschuwah–Woche – und Rückkehr, Rückschritt, heißt die Losung, die sie bringt.

   „Rückkehr, Rückschritt?“ Wer wagt das Wort in unserer Zeit des Fortschrittes zu nennen, wer wagt zur Rückkehr, zum Rückschritt zu mahnen, wo alles dem Fortschritt huldigt? Wer es wagt? Gemach! Es ist dein Gott, der es wagt, es ist dein Gott, der dich zur Rückkehr ruft. Und bist du nicht ein Tor, dich von Wortgespenstern necken zu lassen? Wie? Wenn du nun dich geirrt, wenn nun etwa dein Fortschritt ein Rückschritt gewesen, wird dann nicht dein Rückschritt ein wahrer Fortschritt sein, wirst du dann nicht, wenn du auf deinem bisherigen Wege beharrest, nur ewig fortschreiten im Rückschritt, nur ewig fortfahren auf dem Wege, der dich immer mehr von dem eigentlichen Ziele deiner Vollendung entfernt, dem du im vermeintlichen Fortschritt den Rücken zugewendet? Kommt ja alles darauf an ob du dein wahres Ziel vor Augen, oder hinterm Rücken habest. Ewig fortschreiten, so du auf dem rechten Wege bist, ewig zum rechten Wege zurückkehren, sobald du ihn verlassen, das ist die ganze Summe aller Lebensweisheit. Und du brauchst auch nur einmal in einem schwachen Augenblicke vom rechten Pfade abgekommen zu sein, um, wenn du nicht umkehrst, dich ewig weiter von deinem göttlichen Ziele zu verlieren – und du wolltest nicht inne halten, wolltest dem „Zurück!“ deines Gottes vornehm sorglos entgegen lächeln, „Ich irre mich nie!“ und nicht einmal die Möglichkeit zulassen, du könnest auf Irrwegen, auf Abwegen sein, wolltest nicht, wie der Theruahtag dich gelehrt, einmal die prüfende Hand an alle deine Lebensverhältnisse, an alles Schaffen deines Geistes und deines Leibes, an deine Gedanken, Gefühle, Worte, Taten, Genüsse, Bestrebungen, an dein Haus, deine Ehe, deine Erziehung, dein Familien-, dein Gemeinde-, dein Bürgerleben legen, und im ganzen Ernst der Gottesmahnung dich fragen, ob du auch mit allem und jedem auf rechtem Wege, auf geradem Wege zum gottgefälligen Ziele, dass du mit allem und jedem im bisherigen Wege nur fortschreiten dürfest um deines Zieles gewiss zu sein, - und wenn du den rechten Weg verloren, wolltest du nicht zurück, mit allem Ernst zurück?

   Woran aber erkennen den rechten Weg? Wie aber wissen, wo das wahre Ziel? Wo der Kompass auf uferlosem Meere? Wo der Wegweiser, wenn in tausend Richtungen der Irrtum und der Wahn, die Leidenschaft und der Leichtsinn ihre Signale ausgesteckt, und keinem faschen Wege mehr der falsche Priester fehlt, der den falschen Pfad als den rechten preist?

Du kannst nicht irren! Deine Gesetzeslade ist die Bundeslade, auf deinem Gottesgesetz ruhet der Gottesbund, und wohin die Bundeslade voran zieht, dort zieht auch die Gnadenwolke deines Gottes hin, dort liegt dein Weg, nur dort wohnt der Segen, nur dort dein und der Deinigen Heil. Schreite fort, wo deines Gottes Wort dir voranleuchtet, schreite zurück zu ihm, wo du sein Licht vermissest.

   Aber du kannst nicht mehr zurück? Du hast schon zu sehr deinen Vater im Himmel erzürnt, Er kann dir nicht verzeihen, und verziehe Er dir, es nützte dir nichts mehr, zu sehr hast du bereits all dein Tun und Lassen, dein Haus und dein Gewerbe, deine Ehe, deine Erziehung, dein Familien- und dein Einzelleben auf Sünde gebaut, und wo Unrecht gesät, kann kein Heil aufblühen, und wo die Lüge gepflegt, kann der Fluch nicht ausbleiben; und wolltest du zurück, du könntest schon nicht mehr, es fesselt dich die falsche Scham, es fehlt dir der Mut, vor deinem Weib, deinem Kinde, deinen Freunden, deinen Genossen inkonsequent zu erscheinen, ihr mitleidiges Spötteln zu ertragen, - und mehr noch als alles, es fehlt dir der Sinn, du hast längst schon eingebüßt das Gefühl für Heiliges, Sittliches, Göttliches, stumpf fühlst du dich und fremd ist dir die Seligkeit des Bewusstseins erfüllter Pflicht, und wild tobt die Leidenschaft und kraftlos stehst du den eigenen Feinden im eigenen Busen gegenüber.

   Und doch komme zurück! Jom hakipurim ist da! und wärst du ergrauet in Sünde, und wäre jeder Gedanke, jedes Wort, jede Tat bis jetzt eine Höhnung deines Gottes gewesen, liegen längst auch die Gesetzestafeln deines Gottes zerschmettert in deinem Hause, und hättest du mit den Deinen nur im Taumel des Wahnes das goldene Kalb vergötterter Sinnlichkeit umtanzt, hättest überall nur Fluch dir gesät, und bis auf den letzten Funken, jede Lauterkeit und Reinheit des Denkens und Fühlens verlöscht – Jom hakipurim ist da! Der Gott, der einmal „Sfalacht“ gesprochen, Er spricht es wieder – Er verzeihet und sühnet und reinigt. Tu du nur das Deine, mache nur gut, was noch wieder gut zu machen, den unrechten Pfennig schaffe aus deinem Hause, den beleidigten Bruder versöhne, den Gekränkten richte auf, das Ungesetzliche, Ungöttliche in dem Leben deiner Ehe, deiner Erziehung, deines Erwerbs- und Genusslebens verbanne, und dann komme zu Ihm, dem Einen, dich nie verstoßenden Vater, der, „so wahr ich lebe, ewig spricht, ich will nicht den Tod und Untergang des Sünders, sondern dass er zurück komme und neues Leben gewinne,“ der so gnädig ist, wie er gerecht ist, und so allmächtig ist wie gnädig, und darum nicht nur verzeihet mit seiner Gnade, sondern wenn er verziehen, mit seiner freien Allmacht eingreift in die Speichen deines Geschickes, eingreift in das Gewebe deines Innern, und jede Saat des Fluches, die du in den Acker deines Geschickes selbst gesät, ausreißt mit seiner Sühne, und jedes Gift der Sünde, mit dem du deine reine Seele befleckt, und trüb, siech und krank und stumpf gemacht, austilgt mit seiner Reinigung und Heiligung, und „Titharu“ „Seid wieder rein!“ zu allen und über alle spricht, die lephanav, die vor seinem Angesichte die Wiederreinheit, den neuen Geist und das neue  Leben suchen. Die ganze Zukunft ist wiederum dein; die ganze Vergangenheit übernimmt dein Gott.

   Und hat dich so der Schofarruf geweckt und bewegt und zu deinem Gotte dich gebracht, hast du Theruah u. Theschuwah, Selichah, Kaparah und Taharah errungen, und hat der Jom hakipurim dich am Herzen deines Vaters im Himmel gefunden, siehe dann setzt dich dein Vater im Himmel wieder zum zweiten Male auf seine Erde und lehrt dich: auf reinem, durch erneuten Kräften, ruhig und mutig die Hütte deines Lebens bauen, und auf Erden, mit irdischen Gütern und Mitteln heiter und froh die Aufgabe deines Lebens zu lösen und dich zu freuen, Usemachtem, auf Erden dich zu freuen vor dem Angesichte deines Gottes.

   Emunah und Simchah, Vertrauen und Freude, das sind die Schätze, mit denen dein Vater im Himmel dich beglückt. Mit Emunah baust du Hütten und mit Simchah übst du deine Kraft und freust dich deines Lebens und Strebens.

Suckah, der Hüttenbau, lehrt dich Emunah, das Gottvertrauen! Auf welcher Stufe der Glücksleiter du dich auch befindest, ob reichlich oder spärlich dir die Güter der Erde zugemessen sind, dich blendet nicht die Fülle, dich schreckt nicht der Mangel, die Güter der Erde sind deine Güter nicht, mipsoleth gorn´eha, mit dem, was andere verschmähen, verachten, baust du dir die Hütte des Lebens, weißt´s ja, dass in Hütten und Palästen nur Pilger wohnen, Hütten und Paläste nur Dirath arai, nur unsere vorübergehende Heimat bilden, weißt´s ja, dass auf dieser Pilgerfahrt nur Gott unser Schutz, und seine Gnade uns schirmt, schrecktest ja nicht, und müsstest mit Weib und Kind durch Wüsteneien du wandern, weißt´s ja, dass der Gott, der vierzig Jahre lang die Väter mit Weib und Kind durch die Wüste geleitet, in Hütten geschirmt, mit Manna gespeist, dass der Gott noch dein Gott ist, und auch mit dir durch Wüsteneien wandert, auch jede Seele deiner Hütte kennt und für jede das Manna seiner Gnade zu spenden weiß.

   Und ob wir untereinander nach Maß des Besitzes uns tausendfältig auch abstufen, mit quadersteinernen Mauern der Eine, mit bescheidenem Bretterzaune der Andere sich abgrenzt, und dem Dritten nur Schtajim kehilchathan uschelischith afila tefach, zwei Wände zu bauen und die dritte nur anzudeuten vergönnt ist, in unserem eigentlichen Schutz, in dem, was uns deckt und schirmt, darin sind wir alle gleich, das ist nichts, was von Menschenkünstlichkeit zeugt, das ist nicht das, was mekabbel tumah ist, was den Hauch der Vergänglichkeit zu scheuen hat, in den Defanoth unterscheiden wir uns, im Sechach sind wir alle gleich; denn es ist der Menschenbesitz, und die Menschenkraft und die Menschenklugheit, es ist Gottes Gnade und Gottes Segen, der uns schützt, und Paläste und Hütten mit gleicher Liebe deckt.

   Und nicht bekümmert und sorgenvoll, nicht trübe und traurig, nicht miztaer lebt sich´s in der Hütte, die das Gottvertrauen erbaut und die Gottesliebe deckt. Was kümmert´s dich, dass es nur Dirath arai, dass es nur vergängliche Hütte ist, dass sie dich, oder du sie einmal verlässt; die Mauern mögen fallen, der Schutz im Sturm verwehen, hinaus dein Gott dich rufen, die schirmende Liebe Gottes ist überall und ewig mit dir, und wo sie dich weilen lässt, wo sie dich schützt, da teschwu keen t´duru da wohnst du im flüchtigsten Moment der flüchtigsten, vergänglichsten Stätte so ruhig, so sicher, als wäre sie für die Ewigkeit dein Haus.

   Aber nicht nur ruhig und sicher will dich dein Gott, zur Freude, Simchah, zur reinen, menschlichen ungetrübten Freude, hat Er dich berufen, lässt nicht umsonst die Blüten duften und die Früchte reifen, hat die Erde lo letahu beraah nicht zu einer Öde, zu einem Tale der Tränen und des Jammers, hat sie zu einem heiteren fröhlichen Wohnplatz fröhlich heiterer Wesen geschaffen, auf welchem jeder seines Daseins froh werden und seines Wirkens und Schaffens sich freuen solle. Freilich, vergötterst du die Erde, berauschen dich ihre Blüten, benebeln dich ihre Reize, dass du um Erdenblütenreiz deines Gottes und deines eigenen göttlichen Berufes vergisst – dann freilich, dann ist die Erde dein Feind, und Feind sind dir ihre Blüten, ihre Güter, ihre Genüsse, zur Sünde führt dich alles, und Sünde untergräbt dein Heil. Jedoch, wenn deines Gottes Theruah die irdischen Götter von dem Altar deines Herzens gestürzt, wenn du zu dem einen Einzigen zurückgekehrt bist, nur ihn allein verehrst, auf ihn allein nur baust, nur die Erfüllung seines Willens als die einzige Aufgabe deines Lebens kennst, in jeder Spanne Zeit, mit jeder Kraft, mit jeder Tat, mit jedem Gut, mit jedem Genuss nur ihm dienen, nur die von ihm dir gesetzte Aufgabe lösen willst und das Bewusstsein dieser Aufgabe und das Bewusstsein ihrer Lösung und das Bewusstsein der Gottesnähe deine Seligkeit ist, siehe, dann reicht dir Gott selbst den Strauß der irdischen Blüten und spricht: Ulekachtem lachem, nehmet euch nur, fliehet nicht, was ich für euch reifen lasse, nehmet´s euch, und lernt euch dessen freuen vor meinem Angesichte. Freude bringt´s euch, wenn es lachem, wenn es rechtlich und redlich euer, wenn ihr´s mit rechtlichem, redlichem Fleiße erworben, wenn ihr´s mit reinen Händen fassen und vor Gottes Angesicht das Eure nennen dürft. Freude bringt´s euch, wenn ihr nicht selbstsüchtig es nur euch und nur der Erde zuwendet, wenn es in euren Händen nur Mittel wird, damit eurer ganzen Umgebung in Ost und Süd und West und Nord Segen zu reichen, wenn ihr an euch zuletzt nur denket, und wenn ihr es erst dem Himmel und für den Himmel der Erde weihet. Freude bringt´s euch, wenn ihr mit allem euch nur im Kreise des göttlichen Willens, im Kreise seines Wortes euch bewegt, sein Gesetz, sein Wort, sein Wille der Mittelpunkt bleibt, aus dessen Kreis ihr euch nicht mit dem kleinsten Gut, nicht mit der leisesten Tat entfernt. Freude ist euer Los, ewig ungetrübte Freude, wenn ihr erwerbt und nehmt, verwendet und genießt die Blüten und Früchte der Erde, wie es Lekichah und Nianua und Hakafoth des Lulaw euch lehrt.

   Und die Vollendung des Ganzen ist Azereth, das Fest des Verharrens, des Festhaltens, des Bleibens bei Gott, azaro milazeth, dass du noch einmal dich sammelst vor deinem Gotte und nun alle die großen Gedanken der Weihe, der Heiligung, der Ermutigung und Beseligung, die diese Tage und Wochen dir gebracht, noch einmal sammelst und fest hältst, auf dass du sie mit hinüber nehmest in das dir nun geöffnete tägliche Leben des Jahres, und froh der Thora, des Gotteswortes froh, das solche Heiles- und Segensschätze fürs Leben dir reicht, dir´s und deinem Gotte gelobest, fest zu verharren bei ihm, durch nichts dich von ihm reißen zu lassen, und in dem nun eröffneten Jahre, welche Stürme und Prüfungen es dir auch bringen möge, den Geist der Besonnenheit, der Heiligung, des Vertrauens und der freudigen Tätigkeit im Dienste deines Gottes zu bewähren, der dir am Eingang des Jahres als Herold deines Gottes entgegengetreten.

Die 248 Gebote



1. Dass wir erkennen, dass nur ein G‘tt sei. 2. B. M. 20,2. -- 2. Dass G‘tt einig sei. 5. B. M. 6,4. -- 3. Dass wir G‘tt lieben sollen. 5. B. M. 4,5. -- 4. Dass wir uns vor G‘tt fürchten sollen. 5. B. M. 6,13 und 10,20. -- 5. Dass wir G‘tt dienen, d.h. wir sollen beten. 5. v 23,25. -- 6 Dass wir G‘tt anhängen sollen. 5. B. M. 10,20. -- 7. Dass wir bei G‘ttes Namen schwören sollen. 5. B. M. 6,13 und 10,20. -- 8. Dass wir G‘tt, in Hinsicht des Guten und Rechten, ähnlich sein sollen. 5. B. M. 28,9. -- 9. Dass wir seinen Namen heiligen sollen. 3. B. M. 22,32. -- 10. Dass wir das Schma zweimal des Tages lesen sollen. 5. B. M. 6,4,7. -- 11. Dass wir das Gesetz lernen und lehren sollen. 5. B. M. 6,7. -- 12. Dass wir die Tephilin an den Kopf anlegen sollen. 5. B. M. 6,8. -- 13. Dass wir die Tephilin auf den Arm binden sollen. 5. B. M. 6,8. -- 14. Dass wir die Schaufäden an die Ecken der Kleider machen sollen. 4. B. M. 15,38. -- 15. Dass wir eine Mesusah an die Pfosten der Türen befestigen. 5. B. M. 6,9. -- 16. Dass sich das Volk am Ende eines jeden siebenten Erlassjahres versammeln soll, um das Gesetz zu hören. 5. B. M. 31,13. -- 17 Dass sich ein jeder Jisraelite eine Gesetzrolle schreibe. 5. B. M. 31,19. -- 18. Dass der König deren zwei haben müsse. 5. B. M. 17,18. -- 19. Dass man nach der Mahlzeit den Segen sprechen soll. 5. B. M. 8,18. -- 20. Dass man einen Tempel zu Jeruschalajim bauen soll. 2. B. M. 25,8. -- 21. Sich vor dem Tempel zu fürchten. 3. B. M. 19,30. -- 22. Den Tempel immerfort zu bewahren, d.h. dass er bedient werde von den Priestern und Leviten. 4. B. M. 18,23. -- 23. Die Leviten sollen in dem Heiligtum dienen. 4. B. M. 18,23. -- 24. Die Priester sollen sich zurzeit des Dienstes im Tempel die Hände und Füße waschen (heiligen). 2. B. M. 30,19. – 25. die Priester sollen Lichter im Heiligtum zubereiten. 2. B. M. 27,21. -- 26. Die Priester sollen Jisrael segnen. 4. B. M. 6,23. -- 27. Jeden Sonnabend vor dem Angesicht des Herrn (im Tempel) Schaubrote und Weihrauch zu ordnen. 2. B. M. 25,30. -- 28. Dass man täglich zweimal das Rauchwerk auf dem Altar mache. 2. B. M. 30,1, 3. B. M. 4,7. -- 29 Dass immerwährend Feuer auf dem Altar im Tempel beim Ganzopfer brennen soll. 3. B. M. 6,2. -- 30 Den Altar von Asche zu reinigen. 4. B. M. 13. -- 31. Aus dem Lager (der G‘ttheit, dem Tempel) alle Unreinen fortzuschicken. 4. B. M. 5,2. -- 32. Dass man den Nachkommen Aarons Ehre erzeuge und ihnen bei allen heiligen Sachen den Vorzug geben soll. 3. B. M. 21,8. -- 33. Dass die Priester zum Dienst mit priesterlichen Kleidern versehen sein müssen. 2. B. M.28,2. -- 34. Dass die Bundeslade während der Reise (in der Wüste nach dem Auszug von Micrajim) auf den Achseln getragen werden müsse. 4. B. M. 7,9. -- 35. Dass die Hohepriester und die Könige mit Salböl gesalbt werden. 2. B. M. 30,31. -- 36. Dass die Priester im Dienst (des Tempels) abwechseln, bei hohen Festen aber sollen sie alle aufwarten. 5. B. M. 18,6 ,8. -- 37. Die Priester können sich verunreinigen bei dem Tod ihrer nahen Anverwandten, und können um sie trauern. 3. B. M. 19,3. -- 38. Der Hohepriester muss eine Jungfrau heiraten. 3. B. M. 21,13. -- 39. Dass täglich zwei Schafe als Brandopfer gebracht werden müssen. 4. B. M. 28,3. -- 40. Der Hohepriester muss täglich ein Speiseopfer bringen. 3. B. M. 14. -- 41. Am Sonnabend muss ein Opfer mehr gebracht werden. 4. B. M. 28,9. -- 42. Ebenso am Rosch Chodesch und am Rosch Haschanah. 4. B. M. 28,11. -- 43. Ebenso, und zwar ein ganz besonderes Feuer, Opfer am Pessachfest. 3. B. M. 23,8. -- 44. Dass man am zweiten Pessachtag die Erstlinge der Ernte nebst einem Lamm opfere. 3. B. M. 23,10. -- 45. Dass man am Schawuoth ein Opfer mehr als gewöhnlich darbringt. 4. B. M. 28,26. -- 46. Dass man am Schawuoth zwei Brote mehr bei den Opfern als gewöhnlich darbringe. 3. B. M. 23,17. -- 47. Dass man ein besonderes Opfer am Rosch Haschanah bringen solle. 4. B. M. 28,1. -- 48. Dass man ein besonderes Opfer am Fasttage (am 10. Tag des Monats Tischri, des jom Kippur) bringen solle. 4. B. M. 28,7. -- 49. Dass dieser Tagesdienst fleißig getan werde. 3. B. M. 16,3, das ganze Kapitel. -- 50. Am Sukkoth noch ein besonderes Opfer zu bringen. 4. B. M. 28,13. -- 51. Auch ein besonderes Opfer mehr zu bringen am achten Tag von Sukkoth. 4. B. M. 28,35. -- 52. Drei Hauptfeste im Jahr zu feiern. 2. B. M. 23,14. -- 53. Alles was männlich ist, soll an diesen drei Festen in Jeruschalajim erscheinen. 5. B. M. 16,16. -- 54 Dass man sich an diesen Feste freuen soll. 5. B. M. 16,14. -- 55. Dass man das Pessachlamm schlachten müsse. 2. B. M. 12,6. -- 56. Dass man das Pessachlamm gebraten essen soll. 2. B. M. 12,8. -- 57. Dass die Unreinen, welche abgehalten worden sind, das Pessachfest zu feiern, solches am 14. Tag des zweiten Monats feiern müssen. 4. B. M. 9,11. -- 58. Dass man an diesem (eben erwähnten Feste) das Lamm mit ungesäuertem Kuchen und bitteren Kräutern essen müsse. 4. B. M. 9,11. -- 59. Dass man bei den Opfern, und wenn Jisrael Trübsal ist, mit den Trompeten blasen soll. 4. B. M. 10, 9, 10. -- 60. Das Vieh zum Opfern darf nicht unter acht Tage alt sein. 3. B. M. 22,27. -- 61. Das zu opfernde Vieh muss ohne Fehler sein. 3. B. M. 22,21. -- 62. Das Opfer muss mit Salz besprengt werden. 3. B. M. 2,13. -- 63. Wie das Verfahren bei einem Brandopfer sei. 3. B. M. 1,3. -- 64. Bei einem Sündopfer. 3. B. M. 6,25. -- 65. Bei einem Schuldopfer. 3. B. M. 7,4. -- 66. Bei einem Dankopfer. 3. B. M. 7,2. -- 67. Bei einem Speiseopfer. 3. B. M. 2,1. -- 68. Dass Sanhedrin muss ein Opfer bringen, wenn es in der Lehre des Gesetzes sich geirrt hat. 3. B. M. 4,13. -- 69. Dass eine einzelne Person ein Sündopfer bringt, wenn sie wider die Verbote gesündigt hat und die Strafe der Ausrottung darauf steht. 3. B. M. 4,27 und Kap. 5,1. -- 70. Dass eine einzelne Person ihr Opfer bringe, wenn sie zweifelt, ob sie eine Sünde begangen hat, deretwegen sie ein Sündopfer schuldig sei. 3. B. M. 5,17, 17. -- 71. Dass derjenige, welcher geirrt hat, in einer Übertretung (die Schuld einer Untreue). 3. B. M. 5,15, 16, oder einen Diebstahl begangen hat, 3. B. M. 6,2, oder mit einem, ihm verbotenen Frauenzimmer Sünde beging, 3. B. M. 19,20, oder das bei ihm zum Aufbewahren Gegebene ableugnet und schwört, 3. B. M. 6,2, 3, ein Opfer bringen müsse. -- 72. Dass derjenige, welcher unvermögend ist, ein großes Opfer zu bringen, auch ein kleines Opfer bringen Könne. 3. B. M. 5,7--11. -- 73. der Sünder bei dem Opferbringen alle seine Sünden bekenne. 3. B. M. 5,7. -- 74. Dass ein Samenflüssiger, wenn er rein geworden ist, ein Opfer bringen müsse. 3. B. M. 15,13. -- 75. Dass eine Frau, welche einen Samenfluss hatte, wenn sie rein geworden ist, ein Opfer bringen müsse. 3. B. M. 15,13. -- 76. Ebenso ein Aussätziger. 3. B. M. 14,10. -- 77. Ebenso eine Wöchnerin. 3. B. M. 12,6. -- 78. Dass alles Vieh verzehnt werden müsse. 3. B. M. 27,32. -- 79. Dass die Erstgeburt vom reinen Vieh geheiligt und dem Herrn dargebracht werden müsse. 5. B. M. 15,19. -- 80. Dass die Erstgeburt von Menschen (männlichen Geschlechts) gelöst werden müsse. 4. B. M. 18,15. -- 81. Dass die Erstgeburt eines Esels gelöst werden müsse. 2. B. M. 13,13. -- 82. Dass das Genick dem erstgeborenen Esel gebrochen werden müsse, wenn man solche nicht löst. 2. B. M. 13,13. -- 83. Dass man alle Opfer, welche man zu bringen schuldig ist, ebenso die, welche man freiwillig bringt, beim nächsten Fest (die drei Hauptfeste: Pessach, Schawuoth und Sukkoth) nach Jeruschalajim im Tempel bringen müsse. 5. B. M. 12,5, 6. -- 84. Dass alle Opfer nach Jeruschalajim in den Tempel gebracht werden müssen. 5. B. M. 12,14. -- 85. Dass man alle Opfer, zu welchen sich Jemand (außer dem gelobten Land) durch ein Gelübde zu bringen verpflichtet, nach Jeruschalajim bringen müsse, 5. B. M. 12,26; übrigens ist dies durch Tradition entstanden. -- 86. Dass alle heiligen Tiere, an welchen ein Fehler ist, gelöst werden müssen. 5. B. M. 12,15. -- 87. Ein Tier, welches zum Opfer bestimmt war, soll man nicht vertauschen, sonst sind beide dem Herrn verfallen. 3. B. M. 27,10. -- 88. Dass Aaron und seine Söhne das vom Speiseopfer übrig gebliebene essen sollen. 3. B. M. 6,16. -- 89. Dass die Priester das Fleisch der Sünd- und Schuldopfer essen sollen. 2. B. M. 29,33. -- 90. Dass das heilige Fleisch, welches unrein geworden ist, verbrannt werden müsse. 3. B. M. 7,19. -- 91. Dass das übrige reine Fleisch am dritten Tag verbrannt werden müsse. 3. B. M. 7,17. -- 92. Dass ein Nasiräer (ein G‘tt Geweihter) sein Haar wachsen lassen müsse. 4. B. M. 6,5. -- 93. Dass ein Nasiräer sein Haar scheren lassen könne, wenn er unrein geworden ist, oder wenn die Zeit seines Gelübdes vorüber ist und er ein Opfer bringt. 4. B. M. 6,9. -- 94. Alles was Jemand verspricht, zu opfern oder Almosen zugeben, muss er halten. 3. B. M. 23,23. -- 95. Über Aufhebung eines Gelübdes muss das Gericht entscheiden. 4. B. M. 30,3. -- 96. Ein Jeder, der ein totes und selbst krepiertes Vieh berührt, ist unrein. 3. B. M. 9,39. -- 97. Acht Arten von kriechenden Tieren verunreinigen nach ihrem Tode. 3. B. M. 11,9. -- 98. Alle Speisen können auch dadurch verunreinigt werden. 3. B. M. 11,34. -- 99. Dass eine Frau, welche ihre Periode hat, unrein ist und auch andere verunreinigt. 3. B. M. 15,19. -- 100. Ebenso eine Wöchnerin. 3. B. M. 12,2. -- 101. Ebenso ein Aussätziger. 3. B. M. 13,3. -- 102. Ebenso ein aussätziges Kleid. 3. B. M. 13,47. -- 103. Ebenso ein aussätziges Haus. 3. B. M. 14,35. -- 104. ebenso ein Samenflüssiger. 3. B. M. 12,2. -- 105. Ebenso Jemand, dem Damen abgeht. 3. B. M. 15,16. -- 106. Ebenso eine solche Frau. 3. B. M. 15,25. -- 107. Dass ein Toter verunreinigt. 4. B. M. 19,14. -- 108. Das Wasser einer blutflüssigen Frau verunreinigt einen reinen Menschen und reinigt einen unreinen Menschen von der Unreinigkeit eines toten. -- 109. Dass alle Unreinigkeiten durch Wasser (Baden) wieder rein werden, 3. B. M. 15,16, durch Tradition weiß man, dass Untertauchen des ganzen Körpers im Wasser gemeint sei. -- 110. Die Reinigung vom Aussatz geschieht durch zwei reine lebendige Vögel und durch Zedernholz und hochrote Wolle, sowie Ysop und lebendigen (frischem) Wasser. 3. B. M. 15,2. -- 111. Dass ein aussätziger sein Haar abscheren lassen müsse. 3. B. M. 14,9. -- 112. Ein aussätziger soll seine Kleider zerreißen, sein Haupt entblößen, dass man ihn kennen kann; ebenso alle übrigen Unreinen, damit man sich nicht an ihnen verunreinige. 3. B. M. 13,45. -- 113. Dass man eine rote Kuh verbrenne und deren Asche außer dem Lager bringen müsse. 4. B. M. 19,9. -- 114. Wenn Jemand den Wert eines Menschen dem Heiligtum zu geben gelobt, so soll nach dem Gesetz verfahren werden. 3. B. M. 27,2. -- 115. Ebenso den Wert eines unreinen Tieres. 3. B. M. 17,11. -- 116. Ebenso den Wert seines Hauses. 3. B. M. 17,14. -- 117. ebenso seinen Acker. 3. B. M. 17,16. -- 118. Wer aus Irrtum Jemanden betrog, muss ein Fünftel über den Ersatz erstatten. 3. B. M. 5,16. -- 119. Dass die Pflanzen des vierten Jahres dem Herrn heilig sein sollen. 3. B. M. 19,24. -- 120. Man soll den Armen die Winkel (Ecken) des Feldes lassen. 3. B. M. 19,9. -- 121. Man soll die Nachernte für die Armen lassen. 3. B. M. 19,9. -- 122. Man soll die vergessenen Garben nicht wider nehmen. 5. B. M. 14,19. -- 123. Man soll die kleinen Weintrauben, welche im Weinberg unter den Blättern blieben, hängen lassen (für die Armen). 3. B. M. 19,10. -- 124. Man soll auch die einzelnen Beeren nicht wieder ablesen, denn von allen diesen heißt es in der Schrift: Den Armen und Fremdlingen sollst du es lassen. 3. B. M. 19,10. -- 125. Man soll die Erstlinge von der ersten Frucht in den Tempel bringen. -- 126. Dass man die große Hebe absondere und dem Priester geben müsse. 5. B. M. 18,4. -- 127. Dass man den Zehnten von der Frucht den Leviten gebe. 4. B. M. 18,21. -- 128. Der zweite Zehnte soll abgesondert und in Jerusalem von den Eigentümern verzehrt werden. 5. B. M. 15,2, durch die Tradition ist dies noch besonders gelehrt worden. -- 129. Dass die Leviten von ihrem Zehnten wieder den Zehnten den Priestern geben müssen. 4. B. M. 18,26. -- 130. Dass der Zehnte für die Armen abgesondert werden müsse, statt der zweite Zehnte im dritten und sechsten Jahre. 5. B. M. 14,28. -- 131. Dass man bei dem Zehntengeben das Sündenbekenntnis ablegen müsse. 5. B. M. 26,13. -- 132. Dass gelesen werden müsse (im Gesetz) beim Darlegen der Erstlinge der Früchte. 5. B. M. 26,5. -- 133. Dass man von jedem Teig einen Kuchen für den Priester absondern müsse. 4. B. M. 15,20. -- 134. Dass man jedes Feld im siebenten Erlassjahre brach liegen lassen müsse, und Alles, was von selbst wächst (für die Armen) preisgebe. 2. B. M. 23,11. -- 135. Dass man im siebenten Erlassjahre das Feld nicht pflügen und bearbeiten solle. 2. B. M. 14,21. -- 136. Dass das Jubeljahr - alle fünfzig Jahre - geheiligt werde durch Ruhe und Unterlassung der Arbeit. 3. B. M. 25,10. -- 137. Dass man im Jubeljahre mit den Trompeten blase. 3. B. M. 25,9. -- 138. Dass man das Feld im siebenten Jahre löse, d.h. den ersten Eigentümer zurückgeben müsse. 3. B. M. 25,34. -- 139. Dass der Verkäufer eines Hauses in einer befestigten Stadt ein ganzes Jahr lang ein solches wieder zurückfordern könne. 3. B. M. 25,29. -- 140. Dass alle siebenmal sieben Jahre, das darauf folgende Jahr (das fünfzigste) ein Jubeljahr sei. 3. B. M. 25,8. -- 141. Dass man in jedem siebenten Erlaßjahr alle Schulden erlasse. 5. B. M. 25, 2, 3. -- 142. Dass man wohl von einem Fremden (Nichtjuden) die Schuld eintreiben könne, aber nicht von einem Nächsten (Juden). 5. B. M. 15,3. -- 143. Dass man dem Priester von den Opfertieren den Bug, die Kinnbacke und den Magen geben müsse. 5. B. M. 18,3. -- 144. Dass dem Priester die Erstlinge von der Schafschur geben müsse. 5. B. M. 18,4. -- 145. Von allen verbannten Gütern soll Etwas G‘tt und Etwas den Priestern gehören. 3. B. M. 27,28. -- 146. Dass alles Vieh und Geflügel ordentlich geschlachtet werden müsse, um das Fleisch essen zu dürfen. 5. B. M. 12,21. -- 147. Das Blut der Tiere und der Vögel müsse zugedeckt werden. 3. B. M. 17,13. -- 148. Dass man aus einem Vogelnest nicht die Mutter samt den Jungen nehmen dürfe, sondern die Erstere wegschicken müsse. 5. B. M. 22,7. -- 149. Dass man die Zeichen der reinen Tiere gehörig untersuchen müsse. 3. B. M. 9,2. -- 150. Ebenso die Zeichen der reinen Vögel. 5. B. M. 14,11. -- 151 Ebenso die der reinen Heuschrecken. 3. B. M. 11,21. -- 152. Ebenso bei den Fischen. 3. B. M. 11,9. -- 153. Dass die ersten Tage der Monate geheiligt werden, und dass das hohe Gericht (Sanhedrin) allein die Monate und Jahre berechne. 2. B. M. 12,2. -- 154. Dass man am Shabbath ruhe. 2. B. M. 23,12. -- 155. Dass man den Shabbath heilige. 2. B. M. 20,8. -- 156. Dass man am Vorabend des Pessachfestes allen Sauerteig aus den Häusern wegschaffe. 2. B. M. 12,15. -- 157. Dass man am ersten Pessachabend die Geschichte des Auszugs aus Mizrajim seinen Kindern erzählen müsse. 2. B. M. 13,8. -- 158. Dass man diesen Abend ungesäuertes Brot essen müsse (sowie den folgenden Tagen des Festes). 2. B. M. 12,18. -- 159. Dass man den ersten Pessachtag ruhen müsse. 2. B. M. 12,16. - 160. Ebenso am siebenten Tage des Pessachfestes. 2. B. M. 12,16. -- 161. Dass man von der Ernte an 49 Tagen zählen solle. 3. B. M. 23,15. -- 162. Dass man am 50. Tage ruhen solle. 3. B. M. 23,21. (Schawuoth) -- 163. Dass man am ersten Tage des siebenten Monats ruhen soll. (Rosch Haschanah) -- 164. Dass man am zehnten Tage desselben Monats sich peinigen müsse. 3. B. M. 16,29. -- 165. Dass man an diesem Festtage ruhen müsse. 3. B. M. 23,32. -- 166. Dass man am ersten Tag von Sukkoth ruhen müsse. 3. B. M. 23,25. -- 167. Ebenso am achten Tage desselben Festes. 3. B. M. 23,36. -- 168. Dass man an diesem Feste sieben Tage in Laubhütten wohne. 3. B. M. 23,42. -- 169. Dass man den ersten Tag dieses Festes einen Lulaw (Palmzweig) trage. 3. B. M. 23,40. -- 170. Dass man am ersten Tage des Rosch Haschanah die Stimme des Schofar (Horns) hören solle. 3. B. M. 29,1. -- 171. Dass jeder Jisraelite alle Jahre einen Schekel Kopfgeld im Tempel geben müsse. 2. B. M. 30,13. -- 172. Dass man jeden Propheten seines Zeitalters gehorchen müsse, wenn er nämlich das Gesetz unverändert läßt. 5. B. M. 28,15. -- 173. Dass Jisrael einen König über sich setzen solle. 5. B. M. 27,15. -- 174. Dass man dem großen Rat (Sanhedrin) gehorchen müsse. 5. B. M. 17,11. -- 175. Dass beim Gericht jede Sache nach der Mehrheit der Stimmen entschieden werde. 2. B. M. 23,2. -- 176. Dass man Richter und Büttel in jeder Gemeinde Jisraels setzen solle. 5. B. M.  16,18. -- 177. Dass beim Gericht kein unterschied, Vorzug, hinsichtlichs der streitenden Personen stattfinden darf. 3. B. M. 19,15. -- 178. Dass man seinem Nächsten vor dem Gericht zeugen müsse, wenn man es wahrhaft kann. 3. B. M. 5,1. -- 179. Dass das Gericht die Zeugen gehörig ausforsche, um zu sehen, ob sie war zeugen. 5. B. M.  13,14. - 180. Man soll die falschen Zeugen mit eben der Strafe belegen, die sie ihrem Nächsten durch ihr falsches Zeugnis verursachen wollten. 5. B. M. 19,19. -- 181. Dass man der jungen Kuh das Genick brechen soll (wenn Jemand unversehens einen Totschlag begangen hat). 5. B. M. 21,4. -- 182. Dass man sechs Freistädte errichte. 5. B. M. 19,3. -- 183. Dass man den Leviten Städte zum Bewohnen geben müsse, und dass diese Städte auch Schutzörter sein sollen. 5. B. M. 35,2. -- 184. Dass man um die Dächer Geländer machen müsse. 5. B. M. 22,8. -- 185. Dass man diejenigen ausrotten müsse, welche Abgötterei mit den Sternen und den Planeten treiben. 5. B. M. 14,2. -- 186. Dass diejenigen Jisraeliten, die sich verleiten ließen, zur Abgötterei überzugehen, getötet und ihre Städte verbrannt werden sollen. 5. B. M. 13,16. -- 187. Dass man die bekannten sieben Völker im Lande Jisrael ausrotte. 5. B. M. 20,17. -- 188. Dass man den Samen von Amalek ausrotte. 5. B. M. 25,19. -- 189. Dass man jederzeit in Erinnerung behalte, was Amalek an Jisrael tat. 5. B. M. 25,17. -- 190. Dass man Krieg führe nach dem vorgeschriebenen Gesetz. 5. B. M. 20,10. -- 191. Dass man den Priester zum Krieg salbe. 5. B. M. 20,2. -- 192. Dass man einen Ort außerhalb des Lagers bezeichne, um Notbedürfnisse zu verrichten. 5. B. M. 23,12. -- 193. Außer den Waffen eine kleine Schaufel noch zu haben, um mit derselben die Ausleerungen zu bedecken. 5. B. M. 12,10. -- 194. Den Raub wieder zurückzugeben. 3. B. M. 6,4. -- 195. Almosen zu geben. 3. B. M. 15,8-11. -- 196. Einen jüdischen Knecht wohl zu belohnen, ebenso eine jüdische Magd. 5. B. M. 15,14. -- 197. Dass man dem Armen Geld leihen soll, 2. B. M. 22,25, das Wort Im, bedeutet nicht ein Wille, sondern Gebot nach 5. B. M. 15,8. -- 198. Dass man dem Fremden, der Abgötterei treibt, auf Wucher leihen soll, 5. B. M. 23,20. 199. Dass man das Pfand seinem Eigentümer zurückgeben soll. 5. B. M. 24,13. -- 200. Dass man dem Taglöhner seinen Taglohn zu rechter Zeit geben soll. 5. B. M. 24,15. -- 201. Dass man den Arbeiter im Weinberg von der Frucht essen lasse während der Zeit wenn er arbeitet. 5. B. M. 23, 24, 25. -- 202. Dass man dem Vieh des Nächsten, das unter der Last fällt, aufhelfen solle. 2. B. M. 23,5. -- 203. Dass man dem Nächsten helfe, die heruntergefallene Last von seinem Vieh wieder aufzuladen. 5. B. M. 22,4. -- 204. Dass man eine verlorene Sache dem Verlustträger zurückgeben soll. 5. B. M. 22,1. -- 205. Dass man den sündigen Nächsten zurechtweise, ermahne. 3. B. M. 19,17. -- 206. Dass man alle seine Bundesgenossen lieben soll. 3. B. M. 19,18. -- 207. Dass man den Fremden lieben soll. 5. B. M. 10,19. -- 208. Dass man eine richtige Waage und ein richtiges Gewicht führen soll. 3. B. M. 19,36. -- 209. Dass man die Weisen ehren soll. 3. B. M. 19,32. -- 210. Dass man Vater und Mutter ehren soll. 2. B. M. 20,12. -- 211. Dass man sich vor ihnen fürchten soll. 3. B. M. 19,3. -- 212. Dass man fruchtbar sei und sich mehre. 1. B. M. 1,18. -- 213. Dass man sich verheirate mit vorhergehendem Eheverlöbnis. 5. B. M. 24,1. -- 214. Dass der Mann sich mit seiner jungen Frau im ersten  Jahre seiner Verheiratung freue, frei sei vom Kriege und von allen öffentlichen Geschäften. 5. B. M. 24,5. -- 215. Dass man die Söhne am achten Tage nach der Geburt beschneide. 3. B. M. 12,3. -- 216. Dass man die Witwe des ohne Kinder verstorbenen Bruders heiraten müsse. 5. B. M. 5,5. -- 217. Dass man besagter Witwe Chalizah (Schuhausziehen) gebe, wenn man sie nicht heiratet. 5. B. M. 25,9. -- 218. Dass man eine Jungfrau, welche man genotzüchtigt hat, heiraten müsse. 5. B. M. 22,29. -- 219. Und diese Frau muss er Zeit seines Lebens behalten, er kann ihr niemals den Scheidebrief geben. 5. B. M. 22,19. -- 220. Wer eine Jungfrau beredet, und wohnt ihr bei, und der Vater will sie ihm nicht zur Frau geben, der muss dem Vater 50 Schekel zahlen nebst den anderen kosten. 2. B. M. 22,16. -- 221. Mit einer schönen Frau, welche man im Krieg gefangen hat verfahre man nach der Vorschrift des Gesetzes. 5. B. M. 21,11. -- 222. Dass die Ehescheidung mittelst eines Scheidebrief geschehen müsse. 5. B. M. 24,1. -- 223. Mit einer Ehebrecherin verfahre man nach dem Gesetz. 4. B. M. 5,30. -- 224. Den G‘ttlosen soll man mit Schlägen (39) züchtigen. 5. B. M. 25,2. -- 225. Dass man einen, der unversehens einen Todschlag beging, in das Exil verweise (in einen der Schutzörter), siehe Gebot 182. 4. B. M. 35,25. -- 226. Das Gericht kann durch das Schwert richten lassen. 2. B. M. 21,20. -- 227. Auch durch den Strang. 3. B. M. 20,10. -- 228. Auch durch Feuer. -- 3. B. M. 20,14. -- 229. Auch durch Steinigen. 5. B. M. 22,24. -- 230. Auch durch Hängen. 5. B. M. 21,22. -- 231. Der Getötete muss denselben Tag noch begraben werden. 5. B. M. 21,23. -- 232. Dass man einen hebräischen Knecht nach dem Gesetz richte. 2. B. M. 21,2. -- 233. Dass Jemand eine gekaufte hebräische Magd heiraten soll. 2. B. M. 21,8. -- 234. Wenn sie ihm nicht gefällt, so soll er sie freigeben. 2. B. M. 21,8. -- 235. Dass ein kananäischer Knecht ewig dienen müsse. 3. B. M. 25,46. -- 236. Ein Verwunder muss Geldstrafe  zahlen. 2. B. M. 21,18. -- 237. Dass der Eigentümer eines Viehs, welches Schaden verursacht hat, solchen ersetzten müsse. 2. B. M. 21,35. -- 238. Dass derjenige, der Schaden durch eine ihm gehörige Grube verursacht hat, solche ersetzen müsse. 2. B. M. 21,35. -- 239. Ein Dieb muss entweder bezahlen oder den Umständen nach muss er auch getötet werden. 2. B. M. 21, 1, 2, 16. -- 240. Wenn Jemand des Nächsten Acker durch sein Vieh beschädigen lässt, so muss das Gericht darüber urteilen. 2. B. M. 22,5. -- 241. Dass das Gericht über Feuerschaden urteilen müsse. 2. B. M. 22,6. -- 242. Ebenfalls soll man urteilen, wenn ein unbelohnter Verwahrer einer Sache dieselbe vernachlässigt hat und dadurch Schaden verursacht. 2. B. M. 22,7. -- 243. Ebenfalls bei einem belohnten Verwahrer einer Sache. 2. B. M. 22,10. -- 244. Desgleichen bei einem Leiher einer Sache. 2. B. M. 22,14. -- 245. Dass das Gericht über kaufen und verkaufen Recht sprechen müsse. 3. B. M. 25,14. -- 246. Ebenfalls über den Kläger und Beklagten. 2. B. M. 22,9. -- 247. Dass man einen Verfolgten retten müsse, selbst auf kosten des Lebens des Verfolgers. 5. B. M. 25,12. -- 248. Dass man über Erbschaft Recht sprechen müsse. 5. B. M. 27,8.

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Die 365 Verbote

 

1. Dass man an keinem anderen G‘tt außer dem Ewigen unserem G‘tt glauben soll. 2. B. M. 20,3. -- 2. Dass man weder selbst, noch durch Andere Bildnisse desselben machen lasse. 2. B. M. 20,4. -- 3. Dass man nicht Sternen- und Planetendienst treibe, auch nicht Anderen zu Gefallen. 2. B. M. 34,17. -- 4. Dass man (auch nicht zur Zierde) Bilder den Cuthäern (Heiden) mache, obgleich sie dieselben nicht verehren. 2. B. M. 20,23. -- 5. Dass man sich nicht bücke, den Sternen und Planeten zu dienen, wenn auch dieser Sternendienst nicht im Bücken bestände. 2. B. M. 20,5. -- 6. Dass man nicht solchen Sachen diene, welche zu den Sternen und Planeten gehören. 2. B. M. 20,5. -- 7. Dass Niemand seinen Sohn (oder Tochter) dem Moloch (durch das Feuer) gehen lasse. 3. B. M. 18,21. -- 8. Dass man kein Werk Obh (d.i. Wahrsagerei) treibe. 3. B. M. 19,31. -- 9. Dass man nicht das Werk Jidoni treibe (d.i. Zeichendeutung). 3. B. M. 19,31. -- 10. Dass man nicht Sternen- und Planetendienst schaue. 3. B. M. 19,4. -- 11. Dass man keine Säule (Astarte) aufrichte. 5. B. M. 16,22. -- 12. Dass man keinen Bildnissen (d.i. gemalten Stein) aufrichte. 3. B. M. 26,1. -- 13. Dass man keinen Baum pflanze in dem Tempel. 5. B. M. 16,21. -- 14. Dass man nicht bei Sternen und Planeten (d.i. bei falschen Göttern) schwören oder veranlassen, dass die Abgötter selbst dabei schwören. 2. B. M. 23,13. -- 15. Dass Niemand die Kinder jisraels zum Sternen- und Planetendienst verleite. 2. B. M. 23,13. -- 16. Dass Niemand einen Anderen zum Götzendienst zwinge. 5. B. M. 13,11. -- 17. Dass man keinen Betrüger liebe. 5. B. M. 13,8. -- 18. Dass man nicht aufhöre, einen Betrüger zu hassen. 5. B. M. 13,8. – 19. Dass man einen Betrüger nicht befreie (wenn er in Gefahr ist), sondern demselben vielmehr zum Tode helfe. 5. B. M. 13,8. – 20. Das der Betrogene nicht die Sache des Betrügers verteidige. 5. B. M. 13,8. – 21. Dass der Betrogene die Schuld des Betrügers (d.i. dessen Betrug) nicht verschweige, wenn er Kenntnis davon hat 5. B. M. 13,8. – 22. Dass Niemand derjenigen Sache sich bediene, mit welchen die Götzen geziert und bekleidet werden. 5. B. M. 7,25. – 23. Dass eine abgöttische Stadt nicht wieder gebaut werde (wenn sie einmal zerstört worden ist, wie es das Gesetz gebiete). 5. B. M. 13,16. – 24. Dass man nicht den Raub von einer abgöttischen Stadt gebrauche. 5. B. M. 13,17. – 25. Dass man sich weder derjenigen Sachen bediene, welche zum Götzendienst gehören, noch dieselben gebrauche; auch keine Geschenke annehme, auch keinen Wein, welcher ihm geweiht ist. 5. B. M. 7,26. – 26. Dass Niemand durch ihren Namen (nämlich der Abgötter) weissage. 5. B. M. 18,20. – 27. ‚Dass Niemand falsch prophezeie. 5. B. M. 18,20. – 28. Dass Niemand den anhöre, welcher in der Abgötter Namen prophezeit. 5. B. M. 13,3. – 29. Dass Niemand abwehre, wenn ein falscher Prophet getötet wird und man sich nicht fürchte, denselben zu töten. 5. B. M. 18,22. – 30. Dass Niemand in den Sitten der Abgötter und in ihren Gebräuchen wandle. 3. B. M. 20,23. – 31. Dass Niemand sich aufs Weissagen verlege. 5. B. M. 18,10. – 32. Dass Niemand zaubere. 3. B. M. 19,26. – 33. Dass Niemand Tage wähle. 3. B. M. 19,26. – 34. Dass Niemand magische Künste treibe. – 35. Dass Niemand Geister beschwöre. 5. B. M. 18.11. – 36. Dass Niemand das Orakel (Obh) befrage. 5. B. M.18,11. – 37. Dass Niemand das Orakel (Jidoni) befrage. 5. B. M.18,11. – 38. Dass Niemand im Traum die Toten frage. 5. B. M.18,11. – 39. Dass ein Weib keine Männerkleidung trage. 5. B. M. 22,5. – 40. Dass ein Mann nicht Weiberkleider trage. 5. B. M.22,5. – 41. Dass niemand etwas an seinem Leibe schreibe (ätze, einbeize), wie Diejenigen, welche den Sternen und Planeten diene. 3. B. M. 19,28. – 42. Dass niemand sich kleide mit Zweierlei (Leinen und wolle in einem und demselben Zeuge gewebt). 5. B. M. 22,11 – 43. Dass Niemand sein Haupt rundum abschere, wie die abgöttischen Priester tun. 3. B. M. 19,27. – 44. Dass niemand seinen Bart verderbe, wie die abgöttischen Priester tun. 3. B. M. 19,27. – 45. Dass sich Niemand (ein Mal, Zeichen) einschneide oder ritze, wie die Abgötter. 5. B. M. 14,1. – 46. Dass man nicht nach Ägypten wieder zurückkehre, um daselbst zu wohnen. 5. B. M. 17,16. – 47. Dass Niemand den Lüsten seines Herzens und seiner Augen nachwandle. 4. B. M. 15,39. – 48. Dass man kein Bündnis mache mit den sieben Völkern. 5. B. M. 20,16. – 49. Dass man nicht Einen aus den sieben Völkern leben lasse. 5. B. M. 24,6. – 50. Du sollst keine Barmherzigkeit haben mit den Abgöttertreibenden. 5. B. M. 7,2. – 51. Dass man die Abgöttischen nicht wohnen lasse im Lande. 2. B. M. 23,33. – 52. Dass man sich nicht verschwägere mit den Abgöttern. 5. B. M. 7,3. – 53. Dass eine israelitische Tochter niemals einen Amoniter oder einen Moabiter heirate. 5. B. M. 23,33. – 54. Nach dem dritten Geschlecht soll man einen Edomiter aus der Gemeinde nicht entfernen. 5. B. M. 23,7. – 55. Dass man die Ägypter nur bis zum dritten Geschlecht aus der Gemeinde schaffe. – 56. Dass man zur Zeit des Krieges den Amonitern und Moabitern nicht, wie anderen Völkern, Frieden anbiete. 5. B. M. 23,7. – 57. Dass man zur Kriegszeit nicht fruchtbare Bäume verderbe. 5. B. M. 20,19. -- 58. Dass sich die Soldaten nicht fürchten, auch nicht vor ihren Feinden im Kriege. 5. B. M. 2,3; 7,21; 3,22. – 59. Dass wir nicht vergessen des Bösen, das uns Amalek getan hat. 5. B. M.25,19. – 60. Dass wir uns bestreben sollen, G’tt zu loben. 2. B. M. 22,28. – 61. Dass Niemand einen unbesonnenen Eid tue. 3. B. M. 19,12. – 62. Dass Niemand vergeblich schwöre. 2. B. M. 20,7. – 63. Du sollst den Namen des Hochgelobten G’ttes nicht vergeblich führen (entweihen). – 64. Du sollst den Herrn nicht versuchen. 5. B. M. 6,16. – 65. Dass Niemand das Heiligtum (Tempel), die Synagoge, die Lehrschule verderbe; auch soll Niemand Heilige Namen G’ttes auslöschen oder heilige Schriften verderben. 5. B. M.12, 2, 4. – 66. Dass der Gehenkte nicht über Nacht am Galgen bleibe. 5. B. M. 21,23. – 67. Dass man nicht aufhöre, den Tempel zu bewachen. – 68. Dass der Priester nicht zu aller Zeit in den Tempel gehe. 3. B. M. 16,12. – 69. Dass kein Fehlerhafter am Körper zum Altar und weiter in den Tempel hineingehe. 3. B. M. 21,23. – 70. Dass kein Fehlerhafter im Tempel diene. 3. B. M. 21,17. – 71. Dass kein Fehlerhafter auch nur auf eine kurze Zeit im Tempel diene. 3. B. M. 21,21. – 72. Dass die Leviten nicht das amt der Priester verrichten sollen und umgekehrt. 3. B. M. 28,3. – 73. Wer wein getrunken hat, darf nicht in den Tempelgehen, auch nicht das Gesetz lehren. 3. B. M. 10, 9, 11. – 74. Kein Fremder darf im Tempel dienen. 4. B. M. 28,4. – 75. Kein unreiner Priester darf aufwarten im Tempel. 3. B. M. 22,2. – 76. Auch kein Priester, der denselben Tag, wenn es Abend ist, sich wegen Unreinigkeit waschen muss. 3. B. M. 22,2. – 77. Kein unreiner Priester darf in den Vorhof des Tempels gehen. 4. B. M. 5,3. – 78. Dass kein Unreiner in das Lager der Leviten gehe. 5. B. M. 23,10. – 79. Dass man den Altar nicht von zugehauenen Steinen bauen soll. 2. B. M. 20,25. – 80. Dass man nicht mittels Stufen auf den Altar steifen darf. 5. B. M. 20,26. – 81. Dass man nicht räuchern, noch Opfer bringen darf auf einem goldenen altar. 2. B. M. 30,9. – 82. Dass man das Feuer auf dem Altar nicht ausgehen (erlöschen) lassen darf . 3. B. M. 6,13. – 83. Dass man das Salböl recht mache nach dem Gewicht. 2. B. M. 30,32. – 84. Dass sich kein Fremder mit solchem Salböl salben dürfe. 2. B. M. 30,32. – 85. Dass kein Privatmann sich das Rauchwerk machen soll, wie es im Tempel erforderlich ist. 2. B. M. 30,37. – 86. Dass man die Stangen aus der Bundeslade nicht herausziehen dürfe. 2. B. M. 25,15. – 87. Dass der Brustschild vom Leibrock (des Hohenpriesters) nicht losgemacht werden darf. 2. B. M. 28,28. – 88. Das Oberkleid (des Hohepriesters) darf nicht zerissen werden. 2. B. M. 28,32. – 89. Dass man außerhalb des Tempels nicht opfern darf. 5. B. M. 12,13. – 90. Dass man auch die Opfer nicht außerhalb des Tempels schlachten darf. 3. B. M. 17, 3, 4. – 91. Dass man keine fehlerhaften Sachen auf den Altar bringen dürfe. 3. B. M. 22,22. – 92. Dass fehlerhafte Opfer nicht geschlachtet werden dürfen. 3. B. M. 22,22. – 93. Dass das Blut unreiner Tiere nicht auf den altar gesprengt werden darf. 3. B. M. 22,24. – 94. Dass man die fehlerhaften Opferstücke nicht beräuchern dürfe. 3. B. M. 22,22. – 95. Dass man kein Tier opfern dürfe, an welchem auch nur ein zufälliger, vorübergehender Fehler sich befindet. 5. B. M. 17,1. – 96. Man darf kein fehlerhaftes Tier opfern, welches man von der Hand der Heiden empfangen hat. 3. B. M. 22,25. -- 97. Man darf keinen Fehler machen an einem Tier, welches zum Opfer bestimmt ist. 3. B. M. 22,2. – 98. Man darf kein Gesäuertes oder Honig opfern. 3. B. M. 2,11. – 99. Dass man nicht Ungesalzenes opfere. 3. B. M. 2,13. – 100. Dass man keinen Hurenlohn oder Hundegeld opfere. 5. B. M. 23,18. – 101. Ein Tier mit seinen Jungen soll man nicht an einem und demselben Tage schlachten. 3. B. M. 22,28. – 102. Dass man kein Olivenöl an ein Sündopfer tue. 3. B. M. 5,11. – 103. Auch keinen Weihrauch darf man darauf tun. 3. B. M. 5,11. – 104. Dass man kein Öl an das Opfer einer Ehebrecherin tun dürfe. 4. B. M. 5,15. – 105. Auch keinen Weihrauch. – 106. Dass die Opfertiere nicht verwechselt werden dürfen. 3. B. M. 27,10. – 107. Dass man ein für eine Sache bestimmtes Opfer nicht für eine andere Sache verwenden dürfe. 3. B. M. 27,26. – 108. Dass man die Erstgeburt des reinen Viehes nicht löse. 4. B. M. 18,17. – 109. Dass man den Zehnten des Viehs nicht verkaufen darf. 3. B. M. 27,33. – 110. Dass man einen gebannten Acker nicht verkaufen darf. 3. B. M. 27,28. – 111. Denselben auch nicht einlösen dürfe. – 112. Dass man das Haupt vom Versöhnungsvogel (Opfer) nicht abschneiden dürfe. 3. B. M. 5,8. – 113. Dass man nicht arbeite mit einem geheiligten Vieh. 5. B. M. 15,19. – 114. Dass man die heiligen Tiere nicht scheren dürfe. – 115. Dass man das Pessachlamm nicht schlachten dürfe, so lange noch gesäuertes Brot im Hause sich befindet. 2. B. M. 23,18. – 116. Dass nichts vom Pessachlamm aufbewahrt bleibe und die Nacht über entheiligt werde. 2. B. M. 23,18. – 117. Dass nichts vom Fleische des Pessachlamms übrig bleibe. 2. B. M. 12,10. – 118. Dass nichts von dem Opfer des 14. Tages (am Vorabend vor Pessach, welcher im Monat Nisan fällt) übrig bleibe bis auf den dritten Tag. 5. B. M. 16,4. (Nämlich bis den zweiten Tag von Pessach, der dritte Tag, dass es geschlachtet worden, so will es die Tradition.) – 119. Dass nichts vom Fleische des anderen Pessachlamms (siehe 4. B. M. 9,12) übrig bleibe bis den anderen Morgen. 4. B. M. 9,12. – 120. Dass man nichts vom Schuldopferfleische und ebenso vom Fleische aller anderen heiligen Opfer übrig lasse bis zum morgen. 3. B. M. 7, 15; 2. B. M. 12, 10. – 121. Dass man dem Pessachlamm kein Bein zerbreche. 2. B. M. 12,46. -  122. Dass man dem anderen Pessachlamm (wenn Jemand durch Unreinigkeit oder durch eine lange Reise verhindert ward, das Pessachlamm am 14. Tage des ersten Monats zu essen, so muss er solches am 14. Tage des zweiten Monats essen) auch kein Bein zerbrechen. 4. B. M. 9,12. – 123. Dass man von dem Pessachlamm nichts aus der Gesellschaft wegtrage. 2. B. M. 12,46. – 124. Dass die übrigen Opfer nicht gesäuert werden dürfen. 3. B. M. 6,16. – 125. Dass das Pessachlamm nicht roh oder gekocht, sondern gebraten gegessen werden müsse. 2. B. M. 12,9. – 126. Dass das Pessachlamm keinem Fremden Einwohner zu essen gegeben werde. 2. B. M. 12,46. – 127. Dass kein Unbeschnitterner das Pessachlamm esse. 2. B. M. 12,46. – 128. Dass das Pessachlamm nicht zu essen gegeben werde einem Abtrünnigen (Jisraeliten), der sich der Abgötterei gewendet hat. 2. B. M. 12,43. – 129. Dass kein Unreiner heilige Sachen esse. 3. B. M. 7,20. – 130. Dass man heiliges Fleisch, welches unrein geworden, nicht essen darf. 3. B. M. 7,12. -- 131. Dass man dasjenige nicht esse, was vom Opfer übrig bleibt. 3. B. M. 19,8. – 132. Dass man keine Sachen esse, die verflucht, ein Gräuel ist. 3. B. M. 7,18 . – 133. Kein Fremder soll vom heiligen Opfer essen. 3. B. M. 22,10. – 134. Dass kein Hausgenosse von den Priestern oder ein Taglöhner vom Heiligen (darunter wird hier und in den folgenden drei Verbote verstanden, was den Priestern als Geschenk gegeben werden muss) esse. 3. B. M. 22,10. – 135. Dass kein Unbeschnitterner vom Heiligen esse. 2. B. M. 12,48. (Hier ist eigentlich nur vom Pessachlamm die Rede, aber die Talmudisten haben dieses Verbot auf alles angewendet, was nur irgend eine Heiligkeit hat.) – 136. Dass kein unreiner Priester vom Heiligen esse. 3. B. M. 12,4. – 137. Dass kein Entheiligter (d.i. eines Priesters Tochter, welche einen Fremden geheiratet hat) vom heiligen Opfer esse, werde von der Brust, noch von dem Schenkel. 3. B. M. 22,12. – 138. Dass man ein Speiseopfer eines Priesters nicht esse, sondern ganz verbrenne. 3. B. M. 6,23. – 139. Dass das Fleisch eines Versöhnungsopfers, dessen Blut ins Stiftszelt gebracht wurde, um ein Heiligtum zu sühnen, nicht gegessen werde. 3. B. M. 6,23. – 140. Dass die absichtlich fehlerhaft gemachten Opfer nicht gegessen werden dürfen. – 141. Dass der zweite Zehent vom Getreide nicht außer Jerusalem gegessen werden darf. – 142. Ebenso der zweite Zehent vom Most. – 143. Ebensowenig der zweite Zehent vom Öl. (5. B. M. 12,17. Für alle drei Verbote.) – 144. Dass man eine fehlerhafte Erstgeburt (vom Vieh) nicht außer Jerusalem esse. 5. B. M. 12,17. – 145. Dass die Priester kein Versöhnungs- und Schuldopfer außer dem Vorhof des Tempels essen. 5. B. M. 12,17. – 146. Dass man das Fleisch des Brandopfers nicht esse. – 147. Dass man vor dem Blutsprengen, selbst der geringeren Opfer, deren Fleisch nicht essen dürfe. 5. B. M. 12,17. – 148. Dass kein Fremder heiliges Fleisch essen dürfe. 2. B. M. 29,33. – 149. Dass der Priester die Erstlinge nicht essen dürfe, bevor er solche in den Tempel gebracht hat. 5. B. M. 12,17. – 150. Dass man den zweiten Zehenten nicht esse in Unreinigkeit, selbst in Jerusalem nicht, bis sie gehoben ist. 5. B. M. 26,14. – 151. Dass man den zweiten Zehenten nicht in Traurigkeit esse. 5. B. M. 12,14. – 152. Dass man von dem zweiten Zehenten nicht etwas vertausche gegen etwas, was nicht gegessen wird. 5. B. M. 26,14. – 153. Dass man keine unverzehente Speise essen dürfe. (alles, was aus der Erde seine Nahrung hat, musste verzehentet werden.) 3. B. M. 22,15. – 154. Dass man alles nach der Ordnung gebe, nämlich zuerst muss man die Erstlinge, dann das große Opfer für den Priester, dann den ersten und endlich den zweiten Zehenten geben. 2. B. M. 22,29. – 155. Dass man die Gelübde und freiwilligen Opfer nicht verspäte. 5. B. M. 23,21. – 156. Dass Niemand nach Jerusalem hinaufziehe ohne Opfer. 2. B. M. 23,15. – 157. Dass Niemand übertrete die Worte, durch welche er sich selbst etwas verboten hat. 4. B. M. 30,3. – 158. Dass kein Priester eine Hure zur Frau nehme; -- 159. auch keine Geschwächte; -- 160. auch keine Vertriebene (von ihrem Manne). 3. B. M. 21,7. Fürr alle drei Verbote. – 161. Dass der Oberpriester auch keine Witwe heiraten darf. 3. B. M. 21,14. – 162. Dass der Oberpriester auch keine Witwe ohne Verlobung beschwägern darf. 3. B. M. 21,15. – 163. Dass der Priester ins Heiligtum mit entblößtem Haupte gehen muss. 3. B. M. 10,6. – 164. Dass der Priester nicht mit zerrissenen Kleidern ins Heiligtum gehen darf. 3. B. M. 10,6. -- 165. Dass der Priester während des Dienstes nicht aus dem Tempel gehen darf. 3. B. M. 10,7. – 166. Dass kein Priester sich wegen toter, die nicht seine angehörigen sind, verunreinigen darf. 3. B. M. 21,1. – 167. Dass ein Oberpriester sich auch wegen seiner verstorbenen Eltern nicht verunreinigen darf 3. B. M. 21,11. – 168. Dass derselbe nicht hingehe, wo ein toter sich befindet. 3. B. M. 21,11. – 169. Dass der stamm Levi keinen Teil im heiligen Lande nehme. 5. B. M. 18,2. – 170. Dass derselbe auch keinen Teil an dem Raube bei der Einnahme des gelobten Landes haben soll. 5. B. M. 18,1. – 171. Dass man sich wegen eines Toten keine Glatze machen (kahl scheren) lassen darf. 5. B. M. 14,1. – 172. Dass man kein unreines Tier esse. 3. B. M. 11,4. – 173. Auch keinen unreinen Fisch. 3. B. M. 11,11. – 174. auch keinen unreinen Vogel. . B. M. 11,13. – 175. Auch kein fliegendes Insekt. 5. B. M. 14,19. – 176. Auch kein kriechendes Tier. 3. B. M. 11,44. – 177. Auch kein kriechendes Gewürm. – 178. Auch keine Würmer, welche sich in Früchten befinden. 3. B. M. 11,42. – 179. Auch keine kriechenden Tiere, welche sich im Wasser befinden. 3. B. M. 11,43. – 180. Auch kein getötetes, nicht ordentlich geschächtetes, von selbst gestorbenes Vieh. 5. B. M. 14,21. – 181. Auch kein zerrissenes Vieh. 2. B. M. 22,31. – 182. Dass man kein Glied von einem noch lebenden Tiere essen darf. 5. B. M. 22,23. – 183. Dass man die Spannader nicht essen darf. 1. B. M. 32,32. – 184. Dass man kein blut esse. 3. B. M. 7,26. – 185. Dass man kein Fett vom Ochsen oder von einer Kuh u.s.w. esse, von allen reinen Tieren nicht, welche zum Opfer gerecht sind. (Jetzt auch solches Fett nicht, welches sich an gewissen Stellen des Viehs befindet) 3. B. M. 7,23. – 186. Dass man kein Fleisch mit der Milch koche. 2. B. M. 23,19 und 2. B. M. 34,26. – 187. Dass man kein Fleisch mit Milch esse. Derselbe Vers. Aber im 5. B. M. 14,21. – 188. Dass man nicht das Fleisch eines gesteinigten Ochsen esse. 2. B. M. 21,18. – 189. Dass man vor Pessach kein Brot von der neuen Frucht esse. 3. B. M. 23,14. – 190. Dass man keinen gerösteten Weizen von der neuen Frucht esse. – 191. Dass man keine Ähren von einer neuen Frucht esse. – 192. Dass man keine Vorhaut (Frucht von jungen Bäumen) esse, bevor solche drei Jahre alt sind. 3. B. M. 19,23. -- 193. Man darf nicht essen Früchte zweierlei Samens, welche in einem Weinberg gesät wurden 5. B. M. 22,9. – 194. Dass man keinen Abgötterwein trinke. 5. B. M. 22,38. – 195. Dass man nicht esse und trinke, wie Fresser und Säufer. 5. B. M. 21,20. – 196. Dass man am Jom Kippur faste. 3. B. M. 23,29. – 197. Dass man kein Gesäuertes am Pessachfest essen dürfe. 2. B. M. 13,3. – 198. Auch nicht eine Vermischung von Gesäuertem. 2. B. M. 12,20. – 199. Am Vorabend des Pessachfestes darf man nach der sechsten Stunde des Tages kein Gesäuertes mehr essen. 5. B. M. 16,3. – 200. Es darf auch kein Sauerteig während der Dauer des Pessachfetes sich in den Häusern befinden. 2. B. M. 13,7. – 201. Auch durchaus nichts Gesäuertes. 2. B. M. 12,19. – 202. Dass kein Nasiräer Etwas genieße, was mit Wein vermischt ist oder einen Weingeschmack hat. 4. B. M. 6,3. – 203. Auch keine frischen Trauben. – 204. Auch keine trockenen Trauben. – 205. Auch keine Weinkörner essen. – 206. Auch keine Hülsen von Trauben. – 207. Auch sich an keinem Toten verunreinigen. 4. B. M. 6,7. – 208. In kein Totenhaus gehe. 4. B. M. 6,6; 3. B. M. 21 ,2 11. – 209. Sein Haar nicht schere. 4. B. M. 6,5. – 210. Dass man nicht alles Getreide am Felde abschneide. 3. B. M. 19,9. – 211. Dass man die gefallenen Ähren nicht aufsammle. 4. B. M. 19,9. – 212. Dass man die Weintrauben, welche abgefallen oder am Stock unter den Blättern sitzen blieben, nicht auflesen darf. 3. B. M. 18,10. – 213. Dass man auch die abgefallenen Weinbeeren nicht auflese. – 214. Dass man nicht zurückgehe, um vergessene Garben zu holen, auch die Ältesten der Bäume nicht nachschütteln. 5. B. M. 20, 19, 20. – 215. Dass man nicht zweierlei Samen zugleich säe. 3. B. M. 19,19. – 216. Dass man im Weinberg kein Getreide oder keine Kräuter säe. 5. B. M. 22,9. – 217. Dass man kein Tier sich vermischen lasse mit einem Tiere anderer Gattung. 3. B. M. 19,19. – 218. Dass man keine Arbeit tun lasse durch Tiere verschiedener Gattung. 5. B. M. 22,10. – 219. Man soll des Tieres Maul nicht verstopfen, dass es von dem esse, woran es arbeitet, z.B. während des Dreschens. 5. B. M. 25,4. – 220. Dass man das Feld nicht bearbeite im siebenten Jahre. 3. B. M. 25,4. – 221. Auch die Bäume nicht. – 222. Dass man das selbst Gewachsene im siebenten Jahre nicht abschneide. 3. B. M. 15,5. – 223. auch die Baumfrüchte nicht. 3. B. M. 25,11. – 224. Dass man weder Feld, noch Bäume bearbeite im Jubeljahre. 5. B. M. 25,11. – 225. Dass man auch in einem solchen Jahre nicht abschneide, was von selbst gewachsen ist. – 226. Auch von der Baumfrucht nicht. – 227. Dass kein Feld in Israel auf ewig verkauft werden darf. 3. B. M. 25,23. – 228. Dass die Vorstädte und die Felder der Leviten nicht verändert werden dürfen. 3. B. M. 25,34. – 229. Dass man die Leviten nicht verlassen, sondern ihnen helfen soll. 5. B. M. 12,19. – 230. Dass man keine Schuld einfordern darf, sobald das siebente Erlassjahr herangekommen ist. 5. B. M. 15,2. – 231. Dass man wegen des herannahenden siebenten Erlassjahres nicht unterlassen soll, dem Armen zu leihen. 5. B. M. 15,9. – 232. Dass man nicht unterlassen soll, dem Armen Geld zu leihen; wer ihm leiht, der erfüllt ein Gebot, aber wer solches unterlässt, der übertritt ein Verbot. 5. B. M. 15,7. – 233. Dass ein hebräischer Knecht nicht leer entlassen werde. 5. B. M. 15,13. -- 234. Dass man die Schuld vom Armen nicht einfordere, wenn man weiß, dass er kein Geld hat. 2. B. M. 22,25. – 235. Dass man keinem Israeliten Geld auf Zins gebe. 3. B. M. 25,37. – 236. Dass man vom Geliehenen keinen Zins nehme. – 237. Dass Niemand Unterhändler sei zwischen dem, der Zins nimmt, und dem, der ihn gibt, auch kein Bürge oder Zeuge oder Schreiber des Kontrakts bei diesem Geschäft sei. 3. B. M. 23,15. – 238. Dass des Taglöhners Lohn nicht zurückbehalten werde. 3. B. M. 19,3. – 239. Dass der Gläubiger kein Pfand mit Gewalt nehmen soll. 5. B. M. 24,10. – 240. Dass man nicht vorenthalte das Pfand des Armen, wenn er es bedarf. 5. B. M. 15,12. – 241. Dass man kein Pfand von einer Witwe nehme. 5. B. M. 24,17. – 242. Dass man keine Gefäße pfände, welche man zur Speisebereitung bedarf. 5. B. M. 24,6. – 243. Dass Niemand einen Israeliten stehle. 2. B. M. 20,15. – 244. Dass man kein Geld oder Geldeswert stehle. 3. B. M. 19,11. – 245. Dass Niemand raube. 3. B. M. 19,13. – 246. Dass man die Grenze nicht verrücke. 5. B. M. 19,14. – 247. Dass man seinen Nächsten nicht unterdrücken soll. 3. B. M. 19,13. – 248. Dass Niemand Geld ableugne, welches er seinem Nächsten schuldig ist. 3. B. M. 19,11. – 249. Dass Niemand deshalb falsch schwöre. – 250. Dass Niemand betrüge im Handel und Wandel. 3. B. M. 25,14. – 251. Dass Niemand auch nicht mit Worten betrüge. 3. B. M. 25,17. – 252. Dass Niemand einen Fremden mit Worten betrüge. 2. B. M. 22,21. – 253. Dass Niemand einen Fremden im Handel und Wandel betrüge. 2. B. M. 22,21. – 254. Dass kein Knecht, der ins Land Israel flieht, seinem Herrn, welcher außerhalb desselben wohnt, ausgeliefert werde. 5. B. M. 23,15. – 255. Dass Niemand einen solchen Knecht betrüge. 5. B. M. 23,36. – 256. Dass Niemand Waisen und Witwen betrüge. 2. B. M. 22,22. – 257. Dass Niemand einen hebräischen Knecht als Leibeigenen gebrauche. 3. B. M. 25,39. – 258. Dass Niemand einen solchen als Leibeigenen verkaufe. 3. B. M. 25,42. – 259. Dass man keine Arbeit von einem hebräischen Knecht mit Gewalt erzwinge. 3. B. M. 25,46. – 260. Dass man nicht zulasse, dass ein Kuthäer (Heide) einen Dienst von einem hebräischen Knecht, der ihm verkauft worden, mit Gewalt erzwinge. 3. B. M. 25,53. – 261. Dass keine hebräische Magd einem anderen verkauft werde. 2. B. M. 21,8. – 262. Dass Niemand seiner verheirateten Magd die Nahrung, Bekleidung und Beiwohnung entziehe. 2. B. M. 21,10. – 263. Dass Niemand ein schönes Weib 8welches er im Kriege gefangen hat) als Magd verkaufe. 5. B. M. 21,14. – 264. Dass Niemand eine schöne Frau als Magd gebrauche. – 265. Dass Niemand seines Nächsten Weibes begehre. 2. B. M. 20,17. – 266. Dass Niemand Etwas von seinem Nächsten begehre. 5. B. M. 5,21. – 267. Dass ein Taglöhner, so lange er im Felde arbeitet, nicht von der Frucht der Erde esse, abreiße, abpflücke. 5. B. M. 23,25. – 268. Dass der Taglöhner nicht mehr nehme (von dem, was nicht mehr an der Erde fest ist), als er essen kann. 5. B. M. 23,24. – 269. Dass sich Niemand entziehe, die verlorene Sache seines Nächsten ihm wieder zu verschaffen. 5. B. M. 22,3. – 270. Dass man das Tier seines Nächsten nicht unter der Last liegen lasse. 5. B. M. 22,4. – 271. Dass Niemand betrüge mit Maß und Gewicht, zu wenig messe oder wiege. 5. B. M. 19,35. -- 272. Dass man nicht zweierlei Maß und Gewicht habe. 5. B. M. 25, 13, 14. – 273. Dass man das Recht nicht verdrehe. 3. B. M. 19,15. – 274. Dass die Richter kein Bestechungsgeld nehmen sollen. 2. B. M. 23,8. – 275. Dass die Richter keine der beiden Parteien vorzugsweise ehren. 3. B. M. 19,15. – 276. Dass kein Richter einen bösen Menschen fürchten und deshalb ihm Recht geben soll. 5. B. M. 1,17. – 277. Dass man sich des Armen nicht erbarme beim Gericht. 2. B. M. 23,3. – 278. Dass kein Richter das Recht eines Sünders deshalb verkehre. 2. B. M. 23,6. – 279. Dass man sich desjenigen nicht erbarme, der den Tod verdient hat. 5. B. M. 19,13. – 280. Dass Niemand das Recht der Fremdlinge oder Waisen verdrehe. 5. B. M. 24,17. – 281. Dass man nicht einen von den Parteien abhören soll, wenn der andere nicht auch gegenwärtig ist. 2. B. M. 23,1. – 282. Dass man sich nicht im Gericht zu der Partei neige, die die verdammt (zum Tode), weil sie in Wahrheit ist. 2. B. M. 23,2. – 283. Dass niemand den verdammt, welchen man vorher im Gericht losgesprochen hat. 2. B. M. 23,2. – 284. Dass man Niemanden zum Richter erwähle, der nicht im Gesetze gelehrt ist, obgleich er sonst in anderen Wissenschaften erfahren sei. 5. B. M. 6,17. – 285. Dass man nicht falsch zeuge. 2. B. M. 20,16. – 286. Dass kein Gottloser zum Zeugen zuzulassen sei. 2. B. M. 23,1. – 287. Auch kein Blutsfreund. 5. B. M. 24,16. – 288. Dass die aussage eines Zeugen nichts entscheidet. 5. B. M. 19,15. – 289. Dass Niemand unschuldig zum Tode verurteilt werde. 2. B. M. 20,14. – 290. Dass man nicht nach Mutmaßung urteile, sondern zwei Zeugen müssen die Sache gesehen haben. 2. B. M. 23,7. – 291. Dass Niemand richten soll in einer Sache, wo er selbst vorher als Zeuge aufgetreten ist. 4. B. M. 35,30. – 292. Dass der Schuldige nicht getötet werde, wenn er nicht vorher verhört worden ist. 4. B. M. 35,12. – 293. Dass sich Niemand des Verfolgers erbarme, sondern man eile ihn zu töten, bevor er den Verfolgten erreicht hat. 5. B. M. 20,12. – 294. Dass der nicht gestraft werde, welcher zu sündigen gezwungen ward. 5. B. M. 22,26. – 295. Dass man von einem Totschläger kein Geld nehme. 4. B. M. 35,31. – 296. Dass man kein Geld annehme von einem unverschuldeten Totschläger. 4. B. M. 35,32. – 297. Dass Niemand seinen Nächsten zu töten trachte. 3. B. M. 19,16. – 298. Dass Niemand eine –Blutschuld auf sein Haus bringe. 5. B. M. 22,8. – 299. Dass man den Einfältigen oder Blinden keinen Anstoß verursache. 3. B. M. 19,14. – 300. Dass man bei Geißelung eines Schuldigen nicht zu viel schlage. 5. B. M. 25,3. – 301. Dass Niemand den Nächsten verleumde. 3. B. M. 19,16. – 302. Auch nicht im Herzen hasse. 3. B. M. 19,17. – 303. Auch nicht beschäme. – 304. Dass sich Niemand räche. 3. B. M. 19,18. – 305. Auch keinen Hass nachtrage. – 306. Dass man nicht beim Fangen von Vögeln die Mutter mit den Jungen nehme. 5. B. M. 16,6. – 307. Dass man den Grind nicht beschere. 3. B. M. 13,33. – 308. Dass man die Zeichen des Aussatzes nicht verheimliche. 5. B. M. 24,8. – 309. Dass man weder baue noch behaue das felsige Tal, in welchem eine junge Kuh totgeschlagen werden musste (eines unentdeckten Totschlägers wegen). 5. B. M. 21,4. 310. Dass man keinen Zauberer leben lasse. 2. B. M. 22,18. – 311. Dass kein Bräutigam verbunden werde, in Krieg zu gehen, die Mauern zu bewachen, oder sonst für die Gemeindeangelegenheiten etwas zu tun. 5. B. M. 24,11. – 312. Dass man gegen das Gericht nicht ungehorsam sein darf. 5. B. M. 17,11. – 313. Dass Niemand zu den Geboten des Gesetzes etwas hinzutue, weder zum geschriebenen noch zum mündlichen Gesetz. 5. B. M. 12,32. – 314. Auch nichts von demselben abtue. – 315. Dass Niemand dem Richter fluche. 2. B. M. 22,18. – 316. Auch nicht dem Fürsten, er sei nun König oder das Haupt der Zusammenkunft im Lande Israel. – 317. Dass Niemand auch sonst Jemanden von den Israeliten fluche. 3. B. M. 19,14. – 318. Vater und Mutter nicht verfluche. 2. B. M. 21,17. – 319. Dieselben auch nicht schlage. 2. B. M. 21,15. – 320. Keinerlei Arbeit am Shabbat verrichte. 2. B. M. 20,10. – 321. Dass Niemand am Shabbat über die Grenze der Stadt gehe, als Reisender. 2. B. M. 16,29. – 322. Dass Niemand Feuer anzünde in seiner Wohnung am Shabbat. 2. B. M. 35,3. – 323. Dass Niemand am ersten Pessachtage eine Arbeit verrichte. 3. B. M. 23,7. – 324. Auch nicht am siebenten Tage dieses Festes. – 326. Am Wochenfest (Schawuoth) keinerlei Arbeit zu verrichten. 3. B. M. 23,21. – 326. Auch nicht am ersten Tage des siebenten Monats, Rosch Haschanah. – 327. Auch nicht am Jom Kippur. – 328. Auch nicht am ersten Tage von Sukkoth. – 329. Auch nicht am achten Tage dieses Festes. – 330. Dass Niemand seiner Mutter Scham enthülle. 3. B. M. 28,8. – 331. Auch nicht der Schwester Scham. – 332. Auch nicht die seines Vaters Weib. – 333. Auch nicht die der Schwester von Vater- oder Mutterseite. – 334. Auch nicht die der Tochter seines Sohnes. 3. B. M. 18,10. – 335. auch nicht die der Tochter seiner Tochter. – 336. Dass Niemand die Scham seiner Tochter enthülle. 3. B. M. 18,10. – 337. Dass Niemand die Scham seines Weibes und zugleich die ihrer Tochter. – 338. Auch nicht die der Tochter ihres Sohns, oder – 339. die der Tochter ihrer Tochter. – 340. Auch nicht die der Schwester seiner Mutter, oder – 341. die der Schwester seines Vaters. – 342. Dass Niemand die Scham des Weibes seines Vaters Bruders enthülle. 3. B. M. 18,14. – 343. Auch nicht die Scham des Weibes seines Sohnes. – 344. Dass Niemand die Scham seines Bruders Weibes enthülle. – 345. Dass Niemand seines Weibes Schwester Scham enthülle. – 346. Auch nicht die einer unreinen Freu. – 347. Auch nicht die eines anderen Weibes. – 348. Dass Niemand einem Vieh beiwohne. – 349. Dass ein Weib sich nicht von einem Vieh beiwohnen lasse. – 350. Dass Niemand mit einem Manne zu tun habe. – 351. Dass Niemand die Scham seines Vaters enthülle. – 352. Auch nicht die seines Vaters Bruder. – 353. Dass Niemand aus Lust sich ihm verbotenen Weibern nahe, durch Umarmung, Küssen, Augenzwinkern, Mundzuschließen u.s.w. – 354. Dass kein Hurenkind eine israelitische Tochter heirate. 5. B. M. 23,2. – 355. Dass keine hure unter Israeliten sich befinde. – 356. Dass Niemand seine von sich geschiedene Frau wieder heirate, wenn sie schon einem anderen verheiratet war. 5. B. M. 24,4. -- 357. Dass des Bruders Weib niemand Anderen heirate als ihren Schwager. 5. B. M. 25,5. 358. Dass man eine mit Gewalt geschwächte Jungfrau nicht wieder verlassen soll. 5. B. M. 22,29. – 359. Wer seiner Frau einen bösen Ruf gemacht hat, darf solche nie verlassen. – 360. Ein Verschnitterner darf keine israelitische Tochter heiraten. 5. B. M. 23,1. – 361. Dass man nichts, was zum männlichen Geschlecht gehört, verschneiden darf, es sei Mensch, Tier, Vogel. 3. B. M. 22,24. – 362. Dass über Israel kein Ausländer zum König gewählt werde. 5. B. M. 17,16. – 363. Dass der König sich nicht viele Pferde halte. – 364. auch nicht viele Weiber nehme. – 365. Auch nicht viel Gold und Silber anhäufe.

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Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter

 

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Einleitung. — Erziehung und Unterricht. — Mädchen und Frauen.

Das soziale Leben der Juden Deutschlands unter ihren germanischen Mitbürgern können wir bis zu einer gewissen Zeit, besonders im Verhältnis zu dem Schicksal, welches ihrer später wartet, nicht als ein durchaus ungünstiges bezeichnen. Wie die Juden schon früh bei der Grundlegung zum Ausbau kommunaler Bildungen nicht völlig unbeteiligt geblieben sein mögen, so scheint man auch in der Folgezeit sie nicht selten als einen wesentlichen Teil der Einwohnerschaft betrachtet zu haben. Nicht vereinzelt stehen die Beispiele einer besonderen Zuvorkommenheit da, mit welcher man die Juden behandelte. So erinnert noch die Lage des Rathauses in Köln am Eingange der Judengasse und gegenüber dem Standort der mittelalterlichen Synagoge an das ursprünglich ungetrübte Einvernehmen. Diese Ortswahl wäre völlig unverständlich, wenn sie nicht in eine Zeit zurückreichte, in der Misstrauen, Hass und Verachtung gegen die Juden noch nicht lebendig waren.
Um die Bürger von Worms für ihre Treue zu lohnen, erlässt unterm 18. Januar 1074 Heinrich IV. wie den übrigen Wormsern auch den Juden den Zoll, den sie bisher an allen der kaiserlichen Gewalt unterstehenden Orten zahlen mussten.
Bischof Rüdiger von Speyer verpflanzt, als er das Dorf Speyer zur Stadt zieht, auch Juden dorthin in der Überzeugung, dass er dadurch den Glanz des Ortes vertausendfache. Nach verschiedenen Privilegien und Rechten, die er seinen Juden erteilt, will er seiner Gnade die Krone aufsetzen, indem er ihnen endlich immer das beste Recht gewährt, das die Judenschaft in irgendeiner Stadt des deutschen Reiches hat.
Auch die Trauer, welche die Juden beim Tode ihres Gebieters kundgeben, lässt auf das dankbare Gefühl schließen, welches die gnädig behandelten Juden dem dahingeschiedenen Fürsten zu bewahren sich schuldig fühlten.
So wird berichtet, dass, als die Leiche des Erzbischofs von Magdeburg von der gesamten Geistlichkeit eingeholt wurde, auch eine große Schar von Juden ihren Schmerz bezeugt haben.
Der Biograph des Bischofs Adalbero II von Metz berichtet (c. 1015), derselbe habe sich soviel Liebe erworben, dass er selbst von den Juden noch immer täglich beweint werde. Die Mainzer Juden ziehen der Leiche des Erzbischofs Bardo entgegen, werfen sich vor ihr zu Boden und bestreuen sich das Haupt mit Staub, indem sie laut den Tod des Erzbischofs beklagen.
Als Erzbischof' Anno von Köln bei Einbruch des Sabbats stirbt und in der ganzen Stadt die tiefste Trauer herrscht, erheben auch die Juden beim Morgengrauen in ihrer Synagoge lautes Wehgeschrei und beklagen Anno's Tod, indem die einen seinen Namen rufen, andere von der Rechtlichkeit und der Reinheit seines Lebens sprechen.
Damals war der Fanatismus noch nicht in die Massen gedrungen, eine Manifestation des Volkshasses gegen die Juden kaum bekannt geworden. Selbst noch bei der Eröffnung des ersten Kreuzzuges hatte der Urheber desselben, Peter von Amiens, sich gut gegen die Juden benommen und nur auf Grund von Empfehlungsschreiben der französischen Juden Wegzehrung von ihnen erbeten. Die besseren Bürger und die Stadtherren, letztere sogar mit Gefahr des eigenen Lebens, waren nach Kräften für die Juden eingetreten.
Erst als der maßlos aufgestachelte religiöse Fanatismus den Gedanken erzeugte, dass die Vernichtung der Feinde Christi nicht erst bei den Nichtchristen im Morgenlande anzufangen habe, wandten sich die wilden Pilgerhaufen, im Bewusstsein ihrer Überzahl und ihrer Straflosigkeit als Gottesstreiter gegen die wehrlosen Juden, um sie zu berauben und dann zu töten.
Die Scharen, die zum guten Teil aus Leuten bestanden, die nichts zu hoffen und nichts zu fürchten hatten, die aus wüstem Pöbel der schlimmsten Sorte sich gesammelt hatten, sie zogen aus mit dem Geschrei, ein Grab erobern zu wollen, — und auf diesem Wege bereiteten sie an verschiedenen Orten tausenden von Lebenden, die nichts verbrochen hatten, ein offenes Grab. Wurde ja überall durch das Land verkündet, dass jedem, der einen Juden tötet, alle Sünden vergeben seien.
Das Mittelalter, im schrecklichsten Sinne des Wortes, war hereingebrochen, mit allen jenen traurigen Folgen, welche in immer gesteigertem Masse bis dahin führten, dass mit dem Ausbruch des zweiten Kreuzzuges ein trauriger Wendepunkt in der Geschichte der deutschen Juden eintrat, indem ihnen die ursprünglich rechtliche und soziale Gleichheit ganz entzogen wurde.
Gegenüber der rohen Gewalt, welche nunmehr in grausigen Verfolgungen sich zu üben suchte, gewannen die Juden Kraft und Stütze einzig und allein in der festen beharrlichen Liebe zu der Lehre Gottes und in der mit Mut erfüllenden Erhebung, welche das Leben im Sinne und im Geiste dieser Lehre gewährt. Diese Erhebung war es, welche die Juden des Mittelalters mit Leichtigkeit alle die Martern, in deren Erfindung die Verfolger sich überboten, ertragen, ja häufig nicht einmal empfinden ließ. „So Jemand den festen Entschluss gefasst hat“, behauptet der einer mehrjährigen Haft in Ensisheim i. J. 1293 erlegene R. Meir b. Baruch Rothenburg, „in seiner Glaubenstreue standhaft zu bleiben und im nötigen Falle für dieselbe als Märtyrer zu bluten, empfindet er Nichts von den Qualen der Tortur. Möge man ihn steinigen oder brennen, lebendig vergraben oder hängen — er bleibt empfindungslos, es entfährt nicht einmal ein Wehruf seinen Lippen. Es ist überliefert, dass hierauf die Worte des Weisen (Sprüche Salomons 23, 25) sich beziehen: „Sie schlugen mich, es schmerzt mich nicht! Sie hieben mich, ich weiss es nicht!“ Eine merkwürdige Übereinstimmung hiermit bietet der Ausspruch eines Gelehrten der jüngsten Vergangenheit. „Und wenn wir bei Märtyrern staunen über den Gleichmut, mit dem sie wahre Höllenqualen für eine Idee erdulden können, so liegt die Erklärung dafür zum Teil darin, dass in der Tat die Idee die Schmerzempfindungen aufzuheben vermag.“ — Der Ruhm einer solchen überzeugungsvollen und daher todesmutigen Glaubenstreue zeichnete gerade die deutschen Juden aus und verschaffte ihnen auch in der weiten Ferne einen guten Ruf. „Die heiligen Gemeinden Deutschlands,“ ruft ein in Frankreich lebender Schüler Raschi's aus, „seien alle zu tausendfachem Segen erwähnt, sie sind voll des edelsten Gehalts, in ihren Taten ausgezeichnet, sie neigen sich in Bezug auf erlaubten und unerlaubten Genuss nach der erschwerenden Seite bei gesetzlichen Entscheidungen über zweifelhafte Fälle.“ Diese treue Anhänglichkeit an den väterlichen Glauben erhielt sich während der besseren Zeiten trotz des regeren Verkehrs, in den sie Juden mit Christen treten ließen; sie wich auch nicht in den traurigen Zeiten, in denen solche Treue mit dem Leben gebüßt werden musste. Zu allen Zeiten ward diese Treue genährt durch die Freudigkeit des gedanklichen Schaffens im Lehrhause, oder durch die Erhebung, welche im täglichen dreimaligen Gebet des Gotteshauses gewonnen wurde. Hier wie dort drückte keine Sorge, war kein Trübsinn wahrzunehmen, auch wenn von außen her die Fluten der Bedrängnis immer höher gingen.
Darum konnte man im jüdischen Hause nicht früh genug damit beginnen, das noch zarte Kind an die Befolgung der religiösen Vorschriften zu gewöhnen und es von jeder Übertretung fern zu halten. Alles musste Mittel sein zu dem hochheiligen Zwecke, das Kind in den väterlichen Glauben einzuführen und die Quelle desselben, die Gotteslehre, ihm zugänglich zu machen. Wie jene Mutter in der alten Zeit die Wiege mit dem darin ruhenden Säugling in das Lehrhaus trägt, damit rechtzeitig sein Ohr an jene Stimmen vom Jordan und Euphrat sich gewöhne und sie ihm Heimatsklänge werden, so singt die Mutter im Mittelalter dem Kindlein religiöse Weisen vor. Ihre Schlummerlieder sind oft hebräische Gebete und Schriftstellen, die jetzt nur einschläfernd wirken, später aber wach erhalten sollen, wach in der finsteren, lang andauernden Nacht der Bedrückung. Sie meidet, dagegen, Lieder mit heidnischen Anklängen, wie sie in der damaligen Welt gebräuchlich waren, dem wenn auch hierfür noch unerschlossenen Ohre laut werden zu lassen. Und hat das Kind zu lallen begonnen, so spricht ihm der Vater als Bekenntnis die Worte vor „die Lehre hat uns Moses befohlen als Erbteil der Gemeinde Jacobs“, er lehrt ihm, wie es hierbei die Augen zudrücken solle, damit es auf die ganze Welt mit ihren Grausamkeiten, auch mit ihren Verlockungen zum Abfall nicht achte, vielmehr immer laut bekenne „Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig.“ Er schärft ihm frühzeitig das Losungswort für den bevorstehenden Kampf ein, er rüstet ihn bei Zeiten mit dieser ewigen Wahrheit aus, dass sie ihm ein Schild werde, mit dem er siegen oder auf dem er sterben müsse.
Es ist dasselbe Wort, das sich unwillkürlich dem gepressten jüdischen Herzen im Augenblicke der Gefahr und Not entwindet. Geht der heilige Versöhnungstag zu Ende, da im letzten Augenblicke beschließt man zu gleicher Zeit überall, wo sich jüdische Beter zusammengefunden haben, mit diesem Ausrufe den heiligsten Tag des Jahres. Und schließt der sterbende Glaubensbruder seine Augen für immer, da begleitet ihn dieses Bekenntniswort, von der heiligen Genossenschaft, die das Lager umsteht, laut ausgerufen, in die ewige Heimat.
Gewöhnlich mit dem fünften Lebensjahre fing der regelmäßige Schulbesuch mit einer besonderen vorangehenden Feierlichkeit an, die noch aus alter Zeit her stammte, und zwar von Jerusalem nach manchen Gemeinden verpflanzt worden war. Am Wochenfeste, dem Tage der einstigen Offenbarung auf Sinai, bei Tagesanbruch brachte man den Kleinen nach der Synagoge oder nach dem Hause des Lehrers. Auf dem Wege dahin verhüllte ihn der Vater mit seinem Mantel, wofür ein ganz eigentümlicher Grund angegeben wird, gewiss aber, um jeden schädlichen oder störenden Einfluss der kühlen Morgenluft von dem zarten Kinde fernzuhalten. Der Lehrer nimmt den Knaben auf den Arm, eingedenk jener Schriftstelle „wie der Wärter den Säugling trägt“ (4. B. M. 11, 12), zeigt ihm dann eine Tafel von Pergament oder Holz, worauf das hebräische Alphabet, je 4 Buchstaben zu einem Worte zusammengefasst, nebst den Versen aus 5. B. M. 33, 4. und 3. B. M. 1, 1 nebst den Worten „Die Lehre sei meine Beschäftigung“ aufgeschrieben waren. Die Wörter des Alphabets und die Verse werden dem Kinde rückwärts und vorwärts vorgesagt, worauf die Buchstaben mit Honig bestrichen werden, damit es die Süßigkeiten mit seiner Zunge koste. Auf einem aus feinem Mehl, Honig, Milch und Öl bereiteten Kuchen standen folgende Verse aus Jecheskel 3, 3: Der Ewige sprach zu mir: „Menschensohn, nähre deinen Bauch und deinen Leib fülle mit dieser Rolle, die ich dir gebe. Ich aß sie und sie war in meinem Munde wie Honig so süß. Ferner (Jesaja 50, 4, 5): Gott der Herr hat mir eine Zunge für Lehrlinge gegeben, dass ich den Müden zu stärken wisse mit dem Wort; er erweckt ja am Morgen, erweckt mir das Ohr wie Lehrlinge zu horchen; Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet, und ich sträube mich nicht, weiche nicht.“ Außerdem standen noch 8 verschiedene Verse aus dem 119. Psalm auf dem Kuchen, während auf der Schale eines gekochten Eies 4 andere Verse aus diesem Psalme geschrieben waren. Die Inschriften auf Kuchen und Ei wurden mit dem Knaben gelesen; eine kabbalistische Beschwörung des so genannten Schutzgeistes gegen die Vergesslichkeit, der jede geistige Beschränkung beseitigt, fehlte hierbei auch nicht, worauf Kuchen und Ei der anwesenden Schülerschar zum Essen gegeben wurden. Man versprach sich von einem solchen Genüsse, dass er dem Kinde eine besondere Fassungskraft verleihe, wie auch der große Pijutdichter Kalir von solchen Kuchen (collyris), die sein Vater ihm gegeben, nicht allein den Namen, sondern auch den hellen Geist empfangen haben soll, — wie dem Pindar die Bienen von Hymettos den Mund mit süßer Gesangesgabe füllten, fügt Sachs in seinem herrlichen Buche über die religiöse Poesie der Juden in Spanien (S. 219) hinzu. Nach beendeter Feier für die erste Einführung in den Unterricht geleitete man den Knaben an das Wasser, welches als Symbol für die Gotteslehre, als Quelle aller Erkenntnis gilt, zugleich als günstige Vorbedeutung, dass sich bei dem Knaben erfüllen werde das Wort der Schrift „es mögen deine Quellen nach außen hin sich verbreiten“ (Sprüche Sal. 5, 16).
Dem Jugendunterricht förderlich zu sein, galt für hohes Verdienst. Man hielt es für löblicher, zu diesem Zwecke als zur Unterhaltung der Synagoge beizutragen. Alphabete für den ersten Unterricht anzufertigen, die biblischen Bücher oder einzelne Traktate des Talmuds zu schreiben und für die Jugend herzugeben, ward als Pflicht eines jeden Frommen angesehen. Alles, was nur mit dem Unterrichte in Berührung kommt, galt als heilig; so sollten die Hölzchen, mit denen auf die Buchstaben des Alphabets gezeigt wird, nicht zu profanem Zwecke, z. B. als Zahnstocher, verwendet werden. Die Zeit des Unterrichts sollte durch nichts gestört oder unterbrochen werden; „selbst wenn der Bau des Tempels zu Jerusalem in Frage stände (als das wichtigste religiös-nationale Ereignis), darf um dessen willen keine Schulversäumnis stattfinden“, lautet ein talmudischer Ausspruch (Sabbat 119b). Man hielt den Lehrer, der einzelne Stunden erteilt, für verpflichtet, einen Stundenanzeiger anzuschaffen, um genau die festgestellte Unterrichtszeit innehalten zu können.
Der Lehrer sollte die individuellen Anlagen der Schüler prüfen und hiernach den Unterrichtsstoff für sie bemessen. „Gewöhne den Knaben nach seiner Weise“, sollte als leitender Grundsatz dem Lehrer stets vor Augen sein. Bemerkt er keine Fortschritte des Schülers auf dem schwierigen, talmudischen Gebiete, so sollte er ihn nicht länger mit einem zwecklosen Unterrichte quälen, vielmehr bei dem biblischen Unterrichte verbleiben, nebenbei aber Auszüge aus halachischen Werken, wie auch Kommentare zur Schrift und den Vortrag des accentuierten Textes in den Unterrichtsplan eines solchen Schülers aufnehmen. So wurden immer nur Befähigtere zum Studium des Talmud, für das es besondere Lehrstätten gab, geführt. Hier widmete sich die reifere Jugend unter der Leitung der Lehrer mit ernstem Fleiße der Forschung, für die nicht allein der ganze Tag, sondern zum Teil auch die Nacht verwendet wurde; ja nicht selten geschah es, dass man auch die Nächte einer ganzen Woche im Lehrhause dem Studium opferte; man begnügte sich, in einer kurzen Unterbrechung dem Schlafe sich zu ergeben und erst in der Sabbatnacht der erquickenden Ruhe vollständig zu gemessen. Die studierende Jugend wurde zum größten Teile durch die Unterstützung von Vereinen und Wohltätern, aber auch durch die Lehrer selbst, bei denen die Schüler nicht selten auch wohnten, unterhalten. Fremden oder armen Studierenden gab man gerne so genannte Freitische, eine Sitte, die nicht wenig dazu beitrug, das Interesse für die Wissenschaft in den Familien wach zu erhalten und Gelegenheit bot, Manches in den Gesprächen am Tische zu erfahren, was häufig der Hausherr aus Büchern zu lernen nicht vermochte.
Die Liebe zum Thora-Studium blieb in allen Kreisen heimisch; wandten sich auch nicht Alle den spezifisch gelehrten Studien zu, so gab es doch in der Heranbildung der Knaben zur Kenntnis des Hebräischen und des väterlichen Glaubens zwischen Reich und Arm keinen Unterschied. „Meine Söhne und Töchter,“ so heißt es in einem Testamente aus dem 14. Jahrhundert „sollen womöglich in jüdischen Gemeinden wohnen, damit ihre Kinder jüdisches Leben kennen lernen und ihre Söhne, wie auch ihre Töchter, im göttlichen Gesetze unterrichtet werden können; sollten sie auch betteln müssen, um ihre Kinder durch religiösen Unterricht erziehen zu können, und sie nicht an Müßiggang gewöhnen!“ Auch die Frauen sollten verpflichtet sein, die Vorlesung aus der Thora mitanzuhören, daher auch Mädchen schon im zarten Alter von den Müttern nach dem Gotteshause zur Übung mitgenommen wurden. Allerdings störten oft die kleinen Kinder die Andacht. Sie lernten ebenfalls hebräisch lesen, viele selbst den Pentateuch übersetzen und außer der praktischen Übung der jüdischen Pflichten, zu der alle von frühester Jugend an angehalten wurden, strebte man, ihnen auch eine theoretische Kenntnis vorzüglich der mit dem jüdischen Hauswesen in Verbindung stehenden religiösen Vorschriften beizubringen. Viele hatten darin eine so weitgehende Kenntnis sich erworben, dass sie von berühmten Gesetzeslehrern in zweifelhaften Fällen befragt wurden. Es mögen hierfür einige Beispiele folgen, wenn sie auch nicht alle den deutschen Kreisen angehören.
Channa, die Tochter des Rab. Tam und Bellet, die Schwester des R. Isaac b. Menachem, unterrichteten die Frauen ihres Ortes in der vorschriftsmäßigen Ausübung gewisser religiöser Vorschriften. Die Frau des R. Juda Sir Leon in Paris spann nach Anweisung ihres Gatten die Schaufäden, wie dies in Deutschland die Frauen überhaupt zu tun pflegten. R. Elieser b. Joel halevi beruft sich in Betreff eines religiösen Brauches auf seine Tante, die Frau des R. Samuel b. Natronai. R. Samuel aus Falaise erhärtet einen Ausspruch mit dem Zeugnisse seiner Schwiegermutter und Chajim, der Sohn des R. Isaac aus Wien, beruft sich auf seine eigene Frau.
Alwina, eine Enkelin Raschi's, nämlich die Tochter des R. Jehuda b. Natan, belehrte den Isaac b. Samuel, wie sie für gewisse religiöse Fragen den Brauch ihres großväterlichen Hauses, wie sie ihn von ihrer Mutter Mirjam, der Tochter Raschi's, erfahren, festhalte. Die Töchter des R. Abraham aus Orleans vereinigten sich wie die Männer zum gemeinsamen Tischgebet. — Der Vorbeter Joseph Treves beruft sich auf seine Mutter, welche die Tochter des R. Baruch war. Mirjam, die Tochter Salomo Spiras, Gattin des Jochanan Luria, trug mehrere Jahre hindurch, hinter einem Gitter sitzend, der studierenden Jugend den Talmud vor. Eine Handschrift des kurzen Mordechai in der National-Bibliothek zu Paris, von Samuel Schlettstadt, ist von Frommet aus Ahrweiler für ihren Mann Samuel b. Moses am 7. November beendet worden. — Über die Tätigkeit der römischen Abschreiberin in Paola sind in meiner Geschichte der Juden in Rom verschiedene Nachweisungen gegeben. — Die Vorbeterin Urania in Worms, welche 1275 starb, ist durch Lewysohn in seinem Buche der Epitaphien S. 85, und Kayserling: Die jüdischen Frauen S. 12 bekannt. Auch in Nürnberg wird eine Vorbeterin der Frauen genannt; Frau Richenza, die am l. August 1298 als Märtyrerin ihr Leben aushauchte. Im Übrigen wurde hauptsächlich darauf hingezielt, die Mädchen für das Haus tüchtig heranzubilden. So empfiehlt jener bereits angeführte Vater aus der Mitte des 14. Jahrhunderts in seinem Testamente, dass die Töchter stets im Hause ihre wahre Welt finden mögen, dass sie nicht auslaufen oder an der Tür des Hauses stehend, jeden Vorübergehenden neugierig mit den Blicken verfolgen. (War es ja die liebste Unterhaltung der Frauen, an den Fenstern oder Söllern zu stehen und in die Weite zu schauen, ob in den Strassen Jemand nahe, der ihnen bunte Kunde in das alltägliche Grau der häuslichen Geschäfte bringe.) „Meine Bitte, ja mein Befehl, dass die Frauen nicht müßig sitzen ohne Beschäftigung; denn Müßiggang führt zu Lastern, sie mögen spinnen, nähen oder kochen.“ — Ein altes Sittenbuch, der Brandspiegel betitelt, empfiehlt den jüdischen Frauen, Nähnadeln und Zwirn immer im Hause vorrätig zu halten, damit, wenn vor Eintritt des Sabbats am Gewände noch etwas auszubessern sei, es zeitig und ohne Säumnis geschehen könnte. Charakteristisch ist es, wie auf dem Vorderblatte eines alten Buches bei den verzeichneten Geburtstagen der Knaben der Wunsch folgt: „Gott gebe, dass ich ihn erziehe zur Lehre, zur Verehelichung und zu guten Taten,“ statt dessen bei dem Geburtstage der Mädchen der Wunsch ausgedrückt ist: „Gott gebe, dass ich sie erziehe zu nähen, zu spinnen und zu stricken — und zu frommen Taten.“
Wir lesen auch wirklich von jüdischen Weberinnen, Stickerinnen, Putzmacherinnen, die nicht selten von der christlichen Damenwelt für ihre Toilette in Anspruch genommen wurden. Salomo Aderet gestattete den jüdischen Kunststickerinnen, auch Kreuze in die seidenen Gewänder der christlichen Damen zu sticken, da sie in solcher Form nur zur Zier, nicht aber zur religiösen Verehrung dienen. Aber auch nicht minder wurden die jüdischen weiblichen Banquiers aufgesucht, welche oft an der Spitze bedeutender Handelshäuser standen. Jüdische Frauen hausierten auch auf Dörfern und besuchten Marktplätze, doch hielten sich die Mädchen hiervon zurück. Allerdings klingt es noch immer wie eine Reminiszenz aus der Zeit des Minnedienstes, wenn berichtet wird, wie auch jüdische Frauen in der Gefangenschaft von den christlichen Rittern mit besonderer Rücksicht behandelt werden; im Allgemeinen aber hatten die jüdischen Frauen gar viel unter der Sittenlosigkeit des Mittelalters zu leiden. Eine besondere Abgabe leisteten die Juden beim Einzüge des Fürsten in eine Stadt, dafür, dass die mit ihm einziehenden rohen Söldner zurückgehalten wurden, den Frauen die Hüte vom Kopfe zu reißen. Galt ja als allgemeine Regel, lieber in ein Kloster zu flüchten, als den nachstellenden Barbaren in die Hände zu fallen. Man erfährt auch oft von Beispielen heldenmütigen Widerstandes, so z. B. in Frankfurt am Main, wo in den Mordszenen vom Jahre 1241 eine Braut nebst ihren Schwestern fest und standhaft bleiben, bis ihnen endlich nach mehrfachen Versuchen zu fliehen gelingt. Unter den Verfolgten in Rockenhausen i. J. 1283 befanden sich auch einige Frauen, die wohl gezwungen wurden, dem christlichen Gottesdienste beizuwohnen, die aber nicht verdächtigt werden konnten, ihren Übertritt erklärt zu haben oder ihre eheliche Treue gebrochen zu haben. Daher erlaubte ihnen R. Meir Rothenburg später ohne weiteres, zu ihren Ehemännern wieder zurückzukehren. Auch in der traurigen Affäre zu Wien vom Jahre 1421 konnte den, allen Versuchungen zur Untreue widerstehenden Frauen nach ihrer Befreiung aus der Haft, die Rückkehr zu ihren Männern ohne Weiteres gestattet werden. Hören wir auch aus dem Jahre 1271 von einem entgegen gesetzten Beispiel, dass nämlich einer jüdischen Frau, während ihr Gatte in die Ferne wandert, um den nötigen Lebensunterhalt zu gewinnen, ein sträflicher Umgang mit Christen nachgewiesen wird, so war dieses doch etwas so Unerhörtes, dass der Vater der Verbrecherin mit den Gelehrten sich beriet, ob er nicht seine Tochter umbringen dürfe, was ihm aber nicht gestattet wurde. Mit Recht hebt ein nichtjüdischer Schriftsteller „dem durch Saufgelage und unanständige Tanzunterhaltungen hervorgerufenen sittlichen Verfall der löblichen Reichsbürgerschaft gegenüber, hervor die strenge Sittlichkeit, welche in Folge heiligen Religionsverordnungen und weisen Lehren der Rabbinen innerhalb der israelitischen Gemeinden herrschte“. In Mitten einer Gesellschaft, deren Grundlage auch nur des Scheines einer Sittlichkeit entbehrte, inmitten einer Welt, die mit den Merkmalen der niedrigsten Sittenrohheit und Barbarei, behaftet war, in der, mit Weinhold (die deutschen Frauen in dem Mittelalter S. 399) zu sprechen, „die eheliche Treue ein Spott ward, listiger Ehebruch und frevelhafte Unzucht in unzähligen kleinen Gedichten gepriesen und belacht wurden, die Tracht gemein ward und schamlose Gestalten zum Schmuck der Tafel dienten“, in solchen Zeiten kann es nur zum hohen Verdienst angerechnet werden, wenn die geistigen Führer der jüdischen Gemeinden in ihrer eifrigen Sorge für reine Sitte und Lebensheiligkeit mit aller Strenge darauf hielten, dem Umgange mit dem anderen Geschlechte einen Charakter zu verleihen, der unserer heutigen Sitte fast entfremdet ist, der aber darauf hinzielte, die Reinheit der Sitten zu bewahren und die Keuschheit im ehelichen Leben, von jeher Tugenden des jüdischen Stammes, festzuhalten. Beide Geschlechter waren überall streng von einander getrennt; selbst die auf der Strasse spielende Jugend. Ängstlich wurde jede noch so ferne Gelegenheit gemieden, welche irgendwie die Leidenschaft erwecken und zur Verletzung der Sittlichkeit führen könnte. Das Tanzen von Jünglingen mit Mädchen wurde stets missbilligt, oft verboten, war selbst bei der Hochzeitsfeier nicht gestattet, indem man auf solches Tun den Vers (Sprüche 11, 21) anwandte: „Hand mit Hand bleibt nicht rein.“


II. Kapitel.

Spiele und Vergnügungen. — Unterhaltungen. — Jagd und Waffen.

Nicht immer fanden die von den Gesetzeslehrern getroffenen Maßregeln und Verordnungen zur Befestigung der Sittlichkeit gehörige Beachtung. Das allgemeine Tanzhaus, welches wie die Zünfte, so auch jede größere Gemeinde zum geselligen Vergnügen und zur Feier von Familienfesten besaß, vereinigte oft das schöne Geschlecht zum Tanze, wobei die möglichste Pracht entfaltet wurde. Durften ja hier die jüdischen Töchter ohne den mit zwei blauen Streifen kennbar gemachten Schleier erscheinen und die Herren ohne das Radzeichen am Gewande und den hornartig gekrümmten oder trichterartig geformten Hut auf dem Haupte! Dagegen sehen wir hier Damen und Herren mit den beim Tanze unerlässlichen kostbaren Gürteln geziert — wer desgleichen nicht besaß, nahm zum Entleihen seine Zuflucht und zahlte gewöhnlich zwei Denare als Leihgeld. Hierbei ereignete es sich einmal, dass von einem solchen Galan, mit dem erborgten Gürtel geschmückt, wiederum eine Dame die Gefälligkeit sich erbat, ihr den Gürtel während des Tanzes zu überlassen, um einige Male an dem Umgange Teil nehmen zu können, (der damalige Tanz bestand nämlich vorzüglich darin, dass man reihen- oder paarweise Umgänge mit schleifenden, leisen Schritten hielt), wofür der Herr allerdings einen sehr hohen Preis forderte, nämlich nichts anderes, als die Einwilligung, die Dame, unter Überlassung dieses Gürtels, als ihm angetraut in Gegenwart der Anwesenden erklären zu dürfen. Ob die Dame es nur als Scherz angesehen oder auch als Ernst — genug, sie erklärte sich damit einverstanden und es entstand eine schwierige Aufgabe für die Gelehrten, über die Rechtmäßigkeit eines solchen Modus für Ehestiftung schlüssig zu werden. Jener liebevolle Großvater wusste in seiner letztwilligen Verordnung für seine Enkelin nichts besseres zu hinterlassen, als 20 Wiener Pfund, damit sie einen recht schönen, reichbesetzten Gürtel sich anschaffen könnte.
Aus einer Sammlung von Volks- und Gesellschaftsliedern in jüdisch-deutscher Schrift, welche etwa in den Jahren 1595—1605 in Worms entstanden ist, teilen wir folgendes Tanzlied mit:

1. Jungfraulein, wolt ir nicht mit mir ein tentzlein tun; ich bitt, ir wolt mirs nit vor übel hon, frölich muss ich sein, dieweilen ich es hab und kann.

2. Euer zarter junger leib hat mich in lieb verwunt, auch euer euglein klar darzu euer roter mund; schließt euer arme ein, feins lieb, wol in die mein, so wird mein herz gesund.

3. Nun tanzen wir den lieblichen Reien und wellen (mit) einander frisch fröhlich sein, weil es geschieht und in eren allein.

4. Wer will uns weren ein frölichen mut, weil uns solches das glück nit nemen tut? schöne Jungfrau, schöne Jungfrau, nemt also vürgut.

Die ersten beiden Strophen sind für den „umbgehenden Tanz“ bestimmt, Str. 3 u. 4 aber für den Springtanz.
Dieses Lied, wie viele andere in jener Sammlung, entstammen nichtjüdischen Vorlagen, bei denen der Sammler zuvörderst alle Stellen entfernt hat, die bei ihm als Juden Anstoß erregen, dann hat er die entstandenen Lücken durch Worte ersetzt, die allgemein-religiösen Vorstellungen Ausdruck leihen.
Die Lust am Leben ging selbst in den drückendsten Zeiten nicht verloren, wie dies vorzüglich aus den Erholungen und Spielen sich ergibt, an denen die große Menge Gefallen fand und sich hierdurch ergötzte. Tragen diese Spiele ganz das Gepräge des Heimatlandes, so bekunden sie hierin zugleich, dass in den Fällen, wo nicht gerade das eigentliche Religionsgesetz strikt dagegen sich wandte, das außerjüdische Leben und das tägliche Beispiel trotz aller Abgeschlossenheit nicht wirkungslos blieben. Wird ja schon im Buche der Frommen (No. 1301) behauptet, dass auch die Sitten der nichtjüdischen Umgebung großen Einfluss auf die Juden hätten und dass da, wo die nichtjüdische Welt in Sittenlosigkeit verfallen ist, auch bei den Juden die Moral sinkt. Ganz deutlich lässt sich dies erweisen, wenn man an der Hand der allgemeinen Sittengeschichte die Klagen aus gewissen Zeiten und Gegenden prüft, welche in jüdischen Schriften über Verschlechterung der Sitten auch in Mitten des jüdischen Kreises vernommen werden. Vorzüglich aber lässt sich der Einfluss von außen her in der Leidenschaft des Spiels erkennen. Das Würfelspiel, welches bei den Deutschen, wie nicht minder bei anderen Völkern, sehr beliebt war, konnte bei den Juden sich nicht einbürgern. Man sprach einem gewerbsmäßigen Würfelspieler die Fähigkeit ab, glaubwürdiges Zeugnis abzulegen. Überdies erinnerte sie der Würfel an die fortwährenden Plackereien, denen die Juden in den einzelnen Städten und Landschaften ausgesetzt waren. Sie mussten nämlich jedem Zollaufseher oder Zollknecht drei Würfel überreichen. Gar sehr oft wurden sie von den Lanzenknechten angehalten und von ihnen Würfel gefordert. Sie waren daher genötigt, überall Würfel mit sich zu führen, um dem oft gefährlichen Verlangen sofort Genüge leisten zu können. Aber das Kartenspiel war in jüdischen Kreisen seit der Zeit heimisch geworden, als nach dem Aufhören des großen Sterbens im Jahre 1349, des so genannten schwarzen Todes, eine ungeheure Vergnügungs- und Spielsucht die damaligen Menschen ergriffen hatte. Die Limburgische Chronik schreibt hierüber: „Darnach da das Sterben, die Geissel- und die Römerfahrt, die Judenschlacht ein Ende hatte, da hub die Welt an, wieder zu leben und fröhlich zu sein.“ Die Gewalt der Leidenschaft wurde immer mächtiger, mächtiger als alle Verbote und Strafandrohungen der Behörden gegen das Spiel. Die Spieler selbst fühlten oft Reue über ihre leidenschaftliche Neigung und legten sich Strafen auf, wenn sie ihr Gelübde, nicht mehr zu spielen, brechen sollten. Oft wurden förmliche schriftliche Verhandlungen über solche Gelübde aufgenommen. Auch von Seiten der jüdischen Moralprediger wurde gegen das verderbliche Spiel geeifert; allein die Nutzlosigkeit solcher Verbote einsehend, und das menschliche Wesen hierin richtiger erkennend, beriefen sich Andere auf eine Stimme aus alter Zeit, die bereits anempfohlen hatte, bei der Verurteilung des Spiels gelinder zu verfahren. Man beschränkte aber das Spiel auf gewisse Zeiten und setzte einen Bann (Cherem) fest gegen Übertretung. Im alten Mainzer Gemeindebuch war bei einer solchen Gelegenheit das Wort ,rx absichtlich mit einem k geschrieben worden, um so den etwaigen heimlichen Übertreter im Voraus, unbewusst, der himmlischen Strafe zu entziehen. Wie von Seiten der Obrigkeit sehr häufig das Kartenspielen verboten und dasselbe auf gewisse festliche Tage beschränkt wurde, so war man auch jüdischer Seits besorgt, die Anordnung zu treffen, dass nur an gewissen festlichen Tagen, an denen in dem Gottesdienst das Bußgebet ausfällt, das Spielen gestattet sei. Interessant ist es, wie hierbei die Frage in Anregung gebracht wurde, ob dann noch in der Nacht nach dem Schlusse des Weihefestes zu spielen erlaubt wäre. An den Mittelfeiertagen des Pessachfestes enthielten sich Manche des Spiels, mit Rücksicht darauf, dass die Karten aus doppeltem, daher mit Sauerteig zusammengeklebtem Papier beständen. Dagegen hielt man es für recht, an den Mittelfeiertagen des Laubhüttenfestes nur in der Laubhütte, nicht außerhalb derselben zu spielen, was man später, als die Spielwut nicht mehr so mächtig war, als eine Profanisierung der Laubhütte ansehen wollte. In den zehn Bußtagen sollte man nicht spielen, wie es von dem Frommen überhaupt erwartet wurde, das Spiel ganz zu meiden. Aber nicht immer fand eine solche Forderung ihre Berücksichtigung; in den spielsüchtigen Zeiten konnten selbst fromme Gelehrte das Spielen nicht unterlassen, wie sie auch keinen Anstand nahmen, mit Jedermann, selbst mit Apostaten, zu spielen. Man berief sich hierbei zur Entschuldigung auf jenen älteren Ausspruch (o. S. 19), nach dem in den von den Einfluss der Spielwut beherrschten Zeiten die Schwäche der menschlichen Leidenschaft mehr zu berücksichtigen sei. Das Beispiel eines Spielers und Zechers aus den genusssüchtigen Zeiten des 15. Jahrhunderts führt uns Jakob Weil in seinen Responsen n. 135 vor.
Bei Hochzeiten und andern Festlichkeiten, auch während einer Epidemie, um die Angst vor Ansteckung zu verscheuchen, wurde das Spielen ohne jede Einschränkung gestattet. Den Frauen war erlaubt, bei einer Wöchnerin, aber erst nach zehn Tagen ihrer Genesung zu spielen, wie es überhaupt Sitte war, eine solche Frau fleißig zu besuchen und ihr die Langeweile zu kürzen. Spiele um Geldgewinn wurden aber immerhin getadelt; man war nur hierin gelinder, wenn das Geld zu Genüssen an Festtagen verwendet werden sollte. So spielten auch die Frauen an den Neumondstagen, die noch im Mittelalter, namentlich von den Frauen, durch Enthaltung von Arbeit und durch sabbatliche Kleidung ausgezeichnet wurden, um den Gewinn von Eiern. Als ein besonders jüdisches Spiel erscheint das Spiel mit Nüssen, das schon in talmudischer Zeit in Damenkreisen sehr beliebt war Wiewohl es am Sabbattage nicht zu gestatten sei, war man doch später geneigt, bei den Frauen hierin eine Ausnahme zu machen. Spielten doch Mädchen auch zur Vesperzeit des Versöhnungstages, allerdings nicht mehr wie in jener uralten Zeit (Taanith S. 29) um Freier, doch aber — um Nüsse zu gewinnen und hierbei die Mäßigung an den Tag zu legen, dass sie dieselben nicht genießen. Das Nussspiel war aber auch bei Männern beliebt, um darin Geld zu gewinnen, das aber in einem solchen Spiele nach einem älteren Ausspruche dem Verlierenden wieder zurückgegeben werden müsste. „Ursprünglich, heißt es in dem betreffenden Bescheide, sei nur den Kindern gestattet gewesen, am ersten Pessachtage mit Nüssen zu spielen, nämlich mit den Nüssen, die man, um ihre Wachsamkeit am Sedertische zu erhöhen, ihnen am Abend gegeben hatte. Erwachsene aber sollten dergleichen Zeitverschwendungen meiden und sich mit Wichtigerem beschäftigen“. Man unterschied im Nussspiel eine zweifache Weise; bei der einen, nicht näher bekannten, benutzte man den Boden eines großen Maßgefäßes, das Krotel genannt. Die andere Art war die, dass ein Nusshaufen von einer Nuss getroffen und umgeworfen werden musste. Man nannte dies vlede, eine deutsche Bezeichnung, welche noch zu erklären wäre, die entsprechende französische Benennung wird mit la pourcel („Wurfspiel“ nach du Cange I.) wiedergegeben. — Wie so häufig gegen das Kartenspiel, so wurde auch gegen in gewinnsüchtiger Absicht eingegangene Wetten geeifert. Von andern Spielen, mit denen ein Gewinn verbunden war, werden erwähnt das Spiel „Ganz oder halb“, das Reisende bei den Grönländern wiederfanden, ferner das Loosspiel „Rück oder Schneid“, bei dem ein Messer gebraucht wurde. Am meisten geehrt war und erhielt sich in Ansehen das Schachspiel, welches bereits im Talmud erwähnt wird, im Mittelalter vielfach besungen wurde, sogar zu einem Bilde der Regierung gemacht und als Spiegel für Zucht und Lebensweisheit dargestellt wurde. Erst später verbieten es spanisch-türkische Gelehrte und wollen es nur noch als Mittel gegen die Melancholie gestatten. Zu den Unterhaltungen gehörten auch Rätsel aufgaben, vorzüglich für die freien Abende des achttägigen Weihefestes; man stellte aus einer neu gebildeten Reihenfolge der einzelnen Buchstaben im Alphabete oder nach dem Zahlenwerte derselben eine Rätselschrift her, um vermittelst derselben den Namen einer Person aus der Gesellschaft oder auch die Zahl der an den Abenden des Weihefestes anzuzündenden Lichter anzudeuten. Auch verwandte man hierzu biblische Stellen oder halachische Sätze, wie aus den in einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert aufbewahrten Proben zu erkennen ist. Diese Art von Scherz- und Rätselschrift ist jedenfalls eine Nachbildung der seit dem 13. Jahrhundert auch in der deutschen Literatur auftretenden Rätselpoesie. Allerdings war ein solches Unterhaltungsmittel nur in den Kreisen gewöhnlich, in denen die Vertrautheit mit den hebräischen oder talmudischen Stellen vorhanden war; man entschädigte sich in dieser Weise für alle anderen Gewinnspiele, denen die Größere Menge sich ergab. So wurde auch als ein angemessenes Unterhaltungsmittel das Spiel mit Versen aus der Schrift empfohlen, dass nämlich der Eine eine bestimmte Stelle aus der Bibel hersagt, mit dessen Schlusswort der Andere eine neue Schriftstelle beginnt und so fort. In dieser Weise sollte einerseits für alle verpönten Spiele ein Ersatzmittel geboten, anderseits, wenn auch indirekt, eine größere Vertrautheit mit der heiligen Schrift erzielt werden. Weniger als Unterhaltungsmittel, mehr als Erforschungsversuch der Zukunft erscheint die Benutzung der Schrift vor dem Beginne eines Unternehmens. Ähnlich war es bei den alten Römern eingeführt, in schweren Lebensmomenten Vergil aufzuschlagen und die Stelle, auf die der Blick fiel, als Schicksalsspruch zu betrachten. Wie man in talmudischer Zeit das aus der Schule kommende Kind nach dem Verse fragte, den es an demselben Tage gelernt hatte, um hieraus eine prophetische Deutung für bevorstehende Ereignisse zu gewinnen (s. Gittin 57b, Midrasch Echa a. m. Stellen), so benutzte man hier die heilige Schrift, indem man sie aufschlug und das erste Wort des Blattes, welches das Auge traf, als Antwort auf die Frage „ob man Dies oder Jenes unternehmen solle“ deutete. Einen solchen Gebrauch (unter der Bezeichnung sortes sanctorum) findet man bei den Christen bereits vor dem 8. Jahrhundert.) Ebenso scheint die Befragung von Loosbüchern, welche darauf ausgehen, auf vorgelegte Fragen über menschliche Angelegenheiten die Zukunft vorherzusagen, indem sie zeigen, wie durch das Loos in jedem gegebenen Falle aus dem Vorrat der in dem Buche enthaltenen Orakelsprüche der rechte zu finden ist, in den jüdischen Kreisen unseres Vaterlandes erst mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts beliebt zu werden. Wenigstens sind jüdische Loosbücher aus einer früheren Zeit bisher nicht bekannt geworden. Wir wären hier an ein sehr wichtiges Kapitel der Kulturgeschichte angelangt, das des Interessanten sehr viel bietet, nämlich das Eindringen von fremden Elementen in die jüdischen Kreise, von mancher Seite, als mit der Strenge der religiösen Anschauung nicht vereinbar, getadelt, von anderer Seite dagegen als ein unschuldiges Mittel zur Beruhigung des beängsteten Gemüts bezeichnet. Ähnlich schließt Grimm das Kapitel über den Aberglauben mit den Worten: „Wir sind froh, des vielen Aberglaubens ledig zu gehn, doch erfüllte er das Leben unserer Voreltern nicht allein mit Furcht, sondern auch mit Trost“. So haben auch manche Gesetzeslehrer Verschiedenes als unabwehrbare Lebensgewohnheit oder auch als nicht zu der Zahl der im Talmud aufgeführten heidnischen Gebräuche gehörig für zulässig erachtet. Dies näher darzustellen, verdient aber als ein sehr wichtiger Beitrag zur Geschichte des Aberglaubens für ein besonderes Kapitel aufbewahrt zu bleiben.
Wir wollen nunmehr, nachdem wir die Vergnügungen innerhalb des jüdischen Volkslebens dargestellt haben, denjenigen Teil des geselligen Lebens in der Umgebung vorführen, bei dem die heidnische Sitte, weil mit der jüdischen Anschauung durchaus nicht vereinbar, Raum und Geltung im jüdischen Kreise sich nicht erringen konnten. Schon in talmudischer Zeit galten römische Theater, Circus und ähnliche Lustbarkeiten für wertlose Beschäftigung müßiger Köpfe, auf die der erste Vers der Psalmen anzuwenden sei. Wer im „Stadion“, d. h. in der Rennbahn für Wettkämpfe sitzt, der ist ein Blutvergießer, lehren schon die alten Rabbinen, während im zivilisierten Europa die Stiergefechte noch heute zur Ergötzung des Volkes stattfinden können. Hetzjagden und Tiergefechten nur als Zuschauer beizuwohnen, war zu allen Zeiten verpönt, viel weniger war es gestattet, daran Teil zu nehmen. Man sprach dem Teilnehmer an Hetzjagden und dergleichen Belustigungen den Anteil am künftigen Leben ab. Nur die Rücksicht, dass durch die Anwesenheit bei den Kämpfen im „Stadion“ die Rettung eines jüdischen zum Kampfe Verurteilten bewerkstelligt werden könne, (weil er schreit, d. h. um Mitleid rufen und das Leben retten kann) ist nach einer im Talmud ausgesprochenen Meinung bedeutsam genug, um dieselbe zu gestatten. Hiermit dürfte in Verbindung stehen und zum Teil verständlich werden eine dunkle Stelle in einem mehrfach lückenhaften Midrasch der Pesikta ed. Buber S. 19l b. Man muss die Stelle daselbst in folgender Weise auffassen: „Sei von den Sehenden“, d. h. von den Zuschauern auf der Tribüne, weil man nämlich da vielleicht Gelegenheit finden dürfte, einen zum Kampfe Verurteilten retten zu können, „und nicht von den Gesehenen“, d. h. von den tätigen Teilnehmern an der Hetzjagd. In ähnlich charakteristischer Weise motiviert ein mittelalterlicher Autor die Erlaubnis, einem Wettrennen beizuwohnen oder im Zureiten der Pferde sich zu üben, um nämlich in Gefahren leicht zu Pferde zu sein und um so rascher entfliehen zu können. Das Beispiel eines unverbesserlichen Pferdeliebhabers aus dem 15. Jahrhundert wird uns durch Moses Menz in seiner Responsen-Sammlung n. 73 aufbewahrt. Dagegen dürften wir das Beispiel eines jüdischen Jagdliebhabers wohl nicht finden, wenigstens nicht zu einer Zeit, in der sich die Ansicht geltend machte, dass man bei der Anschaffung eines Pelzes oder neuer Stiefel, den sonst bei neuen Kleidungsstücken üblichen Glückwunsch unterlässt, weil da immer die Tötung eines Tieres vorausgesetzt werden müsse, Gottes Liebe aber sich über alle seine Geschöpfe erstreckt. Die Hetzjagd mit Hunden, wie die Nichtjuden sie zu betreiben pflegen, war bei den Juden verpönt. Erst bei Schudt (Denkwürdigkeiten I. 395) hören wir, dass der Graf von Hohenlohe-Oehringen seine jüdischen Untertanen „zu Jagdarbeiten employiren lässt“, und bei Ezechiel Landau (Noda bihuda Teil II. 2, 10) lesen wir von einer an ihn gerichteten Anfrage, ob ein Jude sich gestatten dürfe, das Vergnügen der Jagd zu genießen. Landau konnte in seiner Antwort das Befremden nicht unterdrücken, wie ein Nachkomme Abrahams, Isaks und Jacobs an der Beschäftigung Nimrods und Esaus Gefallen finden könne. Die Mitteilung im Maassebuch (ed. Nürnberg, Bl. 49), dass nämlich R. Jehuda der Fromme bis zu seinem achtzehnten Lebensjahre ein Jagdliebhaber gewesen sei und nichts anderes getan habe, „als mit der Armbrust und mit Pfeilbogen zu schießen“, erst durch die eindringlichsten Vorstellungen Seitens seines Vaters dahin gebracht worden sei, der Jagd vollständig zu entsagen und sich dem Thora-Studium eifrig zuzuwenden, ist selbst als Sage charakteristisch genug, um die schroffen Gegensätze zu bezeichnen, die in der Metarmophose des R. Jehuda sich kundgeben. Dagegen werden wir die Juden nicht selten in der Führung von Waffen geübt und tüchtig finden. War auch im Allgemeinen den Juden verboten, Waffen zu führen, so finden sich doch vereinzelte Spuren, dass sie durch Streitbarkeit und kriegerische Tüchtigkeit ihren christlichen Zeitgenossen Achtung abgewannen. Näheres hierüber hat Karl Seifart in einem Aufsatze „Streitbare Juden im Mittelalter“ (in der Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte und hieraus im Jeschurun von Hirsch, Jahrg. 3, abgedruckt) mitgeteilt. Wir ergänzen die dortigen Angaben mit dem Hinweis auf die böhmischen Juden, von denen berichtet wird, dass sie stets bewaffnet einhergehen, die spanischen Juden, die im Fechtspiel sich üben, mit dem Könige und seinem Heere in den Kampf ziehen, die wormser Juden, welche, als die Stadt feindlich belagert wurde, gemäß der Entscheidung des R. Elasar selbst am Sabbat die Waffen ergreifen durften, um der Bürgerschaft Beistand zu leisten. Ein von Juden im Jahre 1386 zu Weissenfels veranstaltetes Turnier (vgl. Hecht in Wertheimers Jahrbuch 3 S. 169) wird auch in der Schöppenchronik von Magdeburg als ein Hof bezeichnet, „wo die Juden stachen und tornierten und da der Hof zerginge, da wurden die fremden Juden auf ihrer Heimat verhalten von Claus von Trote und Koler von Krosick und nahmen ihnen groß Gut“, allein von Sidori, die Juden in Sachsen S. 26 und nach ihm von Zunz, zur Geschichte S. 184 und synagogale Poesie S. 40 wird es nur als eine Zusammenkunft bezeichnet, zu der sich auch Juden aus entfernten Ländern hinbegaben, die aber bei ihrer Heimkehr von Raubrittern gefangen und geplündert wurden. — Kampfspiele zu Pferde bei der feierlichen Einholung des Bräutigams, wobei es nicht selten zum Zerreißen der Kleidung oder zur Verwundung der Pferde kam, waren bei den französischen und spanischen Juden, wie bei der dortigen christlichen Bevölkerung heimische Sitte. Von den deutschen Juden ist uns dies weniger bekannt geworden, wiewohl auch in Deutschland zur Zeit des ausgebildeten Ritterwesens bei den Hochzeiten der Vornehmen unter den Christen ritterliche Spiele ein bedeutender Teil der Unterhaltung waren.
Vögel aus Liebhaberei zu halten, rechnete man zu den unnützen, eitlen Dingen, deren Kosten besser für Arme zu verwenden wären, ähnlich wie im Midrasch (Kohelet Rabba VI, 11) Affen, Katzen, Eichhörnchen, Seehunde, Falken u. a. m. zu den unnützen Dingen gerechnet werden, mit denen Manche sich beschäftigen oder an denen man Lust findet. Doch hielten die Juden der Provence abgerichtete Falken und betrieben mit denselben die Beizjagd, die dort heimisch war. Nach Hai Gaon's Erklärung zu Sabbat 94a, angeführt bei Aruch s. v. ]dyyz, ist auch im Talmud von dem Falken die Rede, der zur Jagd abgerichtet wird, indem der Jäger zu Pferde sitzt und den Falken bei sich hat, den er beim Anblick eines anderen Vogels loslässt. Die provencalischen Juden wurden daher ermahnt, die Schnur, mit dem der Stossvogel festgehalten wird, nicht an den Sattelgriff zu knüpfen, weil in dieser Weise zweierlei Zeugstoffe zusammengebracht werden, ein Verstoß gegen das Gesetz im dritten Buch Moses 19, 19.

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