Schewat

15ter Schewat. Am 15. Schewat ist „Neujahr der Bäume“. Die Kräftigung und Erholung, die die Winterszeit der Natur gebracht, ist zum größten Teil bereits erreicht, und schon zeigt sich der neue Saft treibend in den Lebensadern der Bäume. Vom 15. Schewat zählt daher das jüdische Gesetz das Geburtsjahr der Früchte und regelt danach die Pflichten und die Reihenfolge der Pflichten, die dem Juden die Jahresspenden der Natur bringen sollten. Im jüdischen Lande, wo die Gotteslehre ihren vollen Boden findet, sollte nichts keimen und blühen und reifen, das dem Juden nur Genuss ohne Pflicht zu bringen hätte. An jeden Genuss knüpft sich die Pflicht, und gibt dem Genuss erst die wahre Süßigkeit, indem sie das sonst selbstsüchtig Tierische, zum liebestätig menschlich Göttlichen weiht. Für uns ist der 15. Schewat nur noch eine Kalendernotiz, die in unserem Galuthleben nur darin noch ihre Bedeutung findet, dass sie dem Tage einen schwachen Anflug eines Festcharakters im Gottesdienste bringt, und im Zählen der Arlahjahre von einigem Einfluss sein kann. Gleichwohl verweilen wir bei dieser Notiz, weil sie die Gelegenheit zu einem Einblick in den Geist des Judentums bietet. Und jeder solcher Einblick ist uns willkommen. Denn an nichts leiden wir so sehr, als an dem Mangel einer richtigen und wahrhaftigen Erkenntnis unseres eigenen, jüdischen Glaubens. Gehetzt wie das Wild, gepfercht in die Gassen, geflüchtet in die Hütten des häuslichen Lebens oder in die vier bescheidenen Wände der stillen, religiösen Betrachtung, stellten wir dem oberflächlichen Beschauer nur das Bild eines trüben, scheuen, zurückgezogenen Lebens dar; öffentlich, rührig und lebendig, kannte man uns nur auf dem geschäftigen Markte des gewerblichen und erwerbenden Lebens. Aber das frische, lebenskräftig pulsierende, an den Brüsten der heiteren Gottesnatur erstarkende Leben suchte man bei dem Juden nicht. Hatte man den Juden ja in diese kränkelnde Erscheinung gewaltsam hineingebannt, und stellte nun auf Rechnung des jüdischen Geistes und des Geistes des Judentums, was nichts als das künstliche Erzeugnis einer wahngeborenen Gewalttat war. Wie ganz anders der Geist des Judentums, wo er sich frei entfalten kann. In die freie Natur stellt er uns hin, wo die Bäche rieseln, und die Wiesen grünen, und die Saaten reifen und die Bäume blühen und die Herden weiden, wo der Mensch im engen Bunde mit der Natur seine Kräfte übt und das Bemühen seiner Kräfte unmittelbar unter Gottes Schutz und Segen stellt. Äcker und Herden sind unsere natureigene Bestimmung. Zum wandernden Handelsmann hat uns das Galuth gemacht. O, dass wir zurück könnten aus diesem uns künstlich aufgezwungenen Getriebe, dass wir uns und unsere Kinder flüchten könnten in die Einfachheit eines vom jüdischen Gottesgeist getragenen ländlichen Lebens! Es würde die Einfachheit und der Friede, die Mäßigkeit und die Liebe, die Menschlichkeit und die Freude, die Gottesbegeisterung und die Seligkeit bei uns wohnen – und Davids Harfe tönte wieder und wieder fände Ruth die Ähren auf Boas gottgesegnetem Acker… Wie ladet das jüdische Gesetz zum ewigen Merken auf die Gesetze und Gänge der Natur und wie führt es immer aus der Natur in´s Menschenleben hinüber, und lehrt dort mit den auf dem Boden der Natur gereiften Gaben die noch herrlicheren Blüten und Früchte eines freien, gottdurchdrungenen Menschenlebens entfalten! Am 15. Schewat ist Neujahr der Bäume, ist der Geburtstag der Jahresfrüchte und dieser Tag regelt das Maaßergesetz. Auf jüdischem Acker reift keine Saat allein dem Besitzer, kein jüdischer Baum blüht für den Eigner allein, und wie man mit natürlichen Mitteln geistige Zwecke erstrebe und wie man den natürlichen Genuss selbst menschenwürdig veredle und wie, das wird dem jüdischen Eigner bei jedem Korn, jeder Frucht gelehrt, die von seiner Ernte ihm zufallen. Dem Geiste und dem reinen göttlich gehobenen Sinnesleben und der allweiten Menschenliebe grünet und blühet und reifet alles auf jüdischem Boden. An jede Stufe der naturbeherrschenden Menschenarbeit, und vor allem da, wo schon das „Haben“, das „Genießen“ und mit ihnen die Selbst- und Genusssucht, diese Feinde des göttlichen Menschenberufes, sich zu regen beginnen, knüpft das heilige und heiligende Gotteswort die Merkzeichen seiner erziehenden Lehre. Das ganze jüdische Land mit allen seinen im Thorageiste nach sorgfältig gesonderten Gattungen und Arten bestellten Äckern und Feldern und Gärten ist eine große Predigt von dem einen großen Schöpfer, Gesetzgeber und Ordner der Allnatur, und bei jeder Furche, die der jüdische Landmann zieht, bei jedem Korn, das der jüdische Landmann streut, wird der Natur beherrschende Mensch an den einen großen Gesetzgeber der Natur gemahnt, dessen Gesetzen auch der freie Mensch mit seiner freien Tat sich in allem unterordnen und von ihnen sich beherrschen lassen solle. „Gesetz“ ist das große Wort, das sich auf dem Thoraboden überall mit der jüdischen Freiheit vermählt und mahnt: dass Freiheit der Lebensodem der Menschheit sei, aber Willkür und Zügellosigkeit sie begrabe. Und wenn nun die freien Kräfte der Natur dem harrenden Menschen ihre gereiften Früchte in den Schoß schütteln und Besitz und Genuss des Menschen beginnen, da predigen Selbstbeherrschung: orla und chadosch. Sorgfältig hast du des Baumes gewartet und früh schon trägt er goldene Früchte; aber dein Gott spricht: „du beherrscht dich“, - und die Früchte der ersten drei Jahre verbleiben der Natur. Reif ist das erste Korn deines Ackers, das deinem leiblichen Dasein Nahrung verspricht, aber zuerst muss die „erste Garbe“ in dem Tempel deines Gottes die gottgeweihte Bestimmung deines ganzen leiblichen Daseins bekennen, ehe du vom „neuen Korne“ genießen darfst. Und wenn du nun die Sichel schwingst an´s Korn, und die fruchtbeladenen Bäume schüttelst und winzerst die traubenprangenden Stöcke, siehe, da tritt die „Liebe“ an dich heran und spricht: nimm von vorn herein nicht alles für dich, eine „Ecke“ des Ackers lasse den Armen, einen Zweig des Baumes lasse den Armen, was dir „entfallen“ lasse den Armen, was du „vergessen“ lasse den Armen, banne von vorn herein den selbstsüchtigen Geist aus deiner Habe, lerne von vorn herein liebend der Armen und Dürftigen, der Witwen und Waisen gedenken, denen Gott in dem Acker deines Herzens ihre Ernten angewiesen. Aber vor allem wenn deine Arbeit an der Frucht „vollendet“ ist und sie nun in dein Haus einzieht und dein „häusliches“ Dach sie als „die Sicherung der künftigen Existenz deines Hauses“ begrüßt, vor allem den Moment ergreift die heilige und heiligende Gotteslehre: um dir den vollen Ernst und die heitere Seligkeit der Pflichten zu bringen, die der jüdische Besitzer trägt. Drei Stufen der Reife geht die Frucht zu immer größerer Vollendung für den Nahrungszweck des Menschen durch: auf dem Felde durch die Natur, für den Speicher durch die Menschenarbeit, für den Tisch durch die häusliche Bereitung. Auf jeder dieser Stufen der Reife stehst du stille und weihest zuerst den Erstling des Segens und der Reife dem Quell alles Segens und dem Zwecke aller Reife, weihest in freudiger Abgabe, die ersten Früchte (Erstlingsfrüchte), deinen Acker, deine Arbeit, deinen Tisch deinem Gott und seinem heiligen Worte und mahnst, indem du diesen gottgeweihten Erstling in ihrem Namen dem Kohen gibst, diesen Diener deines Gottes und seiner Thora, dass er seiner Stellung und seiner Pflicht nicht vergesse, dass er nur deshalb keinen Anteil am Boden und dessen Arbeit habe, um ganz Gott und seinem heiligen Worte anzugehören, und dass er deines Geistes nicht vergessen dürfe, wie du seines Leibes zu gedenken habest – und mahnest zugleich dich, dass Ziel und Vollendung auch deines leiblichen Lebens nur der Dienst und die Erfüllung der Gotteslehre sei. Kein Ganzes, keine „Zehn“ durfte daher auf jüdischem Boden je ausschließlich dem leiblichen Genusse bestimmt bleiben. Maaßer, Eins von Zehn, ein volles Zehntel von jeder dem Speicher zugereiften Frucht gehörte der Erhaltung des Stammes, dessen Aufgabe die Wartung des Gottesgeistes in Israel geworden, der Träger der „Sittlichkeit und des Lichtes“ sein sollte und „rücksichtslos für Gott einzustehen und sein Wort zu hüten und sein Bündnis zu wahren hatte“. Dem Geiste in Israel gehörte das erste Zehntel. Aber ein fast eben so volles zweites Zehntel gehörte dem Leibe an, war dem leiblichen Genusse, der reinen, heiteren, sinnlichen Freude heilig und geweihet, und war vom Besitzer in Jerusalem, in dem Umkreis des Gottesheiligtums, froh und heiter zu genießen. Hier liegt der Nerv des Judentums, hier der Kern der ganzen Wundergröße dieser so vielfach verkannten Gottesstiftung. Nicht der Schmerz und die Trauer, nicht das Kasteien und Abhärmen ist der Höhepunkt des Judentums; Frohsinn, Heiterkeit und Freude ist sein heiligstes Ziel. „Nicht in der Trägheit und nicht im Schmerze und der Niedergeschlagenheit“, „auch nicht im Leichtsinne“ findet der jüdische Geist seine Stätte; nur wo die reine, besonnene Freude wohnet, wohnet auch er. Der Leichtsinn fliehet vor dem Ernst des jüdischen Gesetzes, und desselben Gesetzes göttliche Wahrheit scheuchet den Schmerz und die Trauer und lehret ein heiteres, glückliches Leben auf Erden zu leben. Der Geist des Judentums kennt keine Zerklüftung des Menschenwesens; dass etwa nur sein Geist Gott, sein Leib aber dem Satan angehöre, die Erde der Hölle verfalle – und die Seligkeit erst im himmlischen Jenseits beginne. „Bereitet mir hier auf Erden eine heilige Stätte, so wohne ich schon hier auf Erden bei euch“ spricht der Geist des Judentums im Namen Gottes, und nimmt das ganze sinnlich - geistige Wesen und Leben des Menschen in sein Bereich also auf, dass nicht nur der Gedanke, das Wort und die Tat, dass auch der sinnliche Genuss ein heiliger Gottesdienst wird, wenn er vom Geiste der Keuschheit, Mäßigkeit und Heiligkeit getragen, die Güter und Gaben und Reize der Erde in so reinem gottgefälligen Sinne, zu so heiligen gottgefälligen Zwecken genießt, dass er froh und heiter sein Auge zu Gott aufschlagen könne und die reine Nähe seines Heiligtums nicht zu fliehen brauche. Selbst mit seinem Genusse und seiner heiteren Freude im Gotteskreise weilen zu können, ist die höchste Vollendung des sittlichen Menschen auf Erden. In keinem Punkte also wie in diesem ist das Judentum verkannt worden und ward daher von der nach beiden Seiten ausschweifenden Lüge verworfen. Es war den leichtsinnig Sinnlichen zu ernst geistig, es war den in Abstraktionen Schwärmenden zu irdisch sinnlich, und es ist doch eben nichts: als die göttliche Wahrheit für den geistig - sinnlichen, himmlisch - irdischen ganzen Menschen! In jedem dritten und sechsten Jahre des siebenjährigen Landbau - Zyklus war dieses zweite Zehntel, statt dem eigenen Genusse, wiederum ganz den Armen, Witwen und Waisen und Dürftigen im Lande bestimmt: yni rsim; und eben die Frage, welchem Jahrgang eine Frucht angehöre, entschied das Fruchtkeimen vor oder nach dem 15. Schewat, dessen Kalendernotiz uns zu diesen Betrachtungen führte. In unser Wanderleben außer Palästina hallen nur schwache Klänge von diesen und den damit verwandten herrlichen Gesetzen herüber. Willst du aber die ganze Fülle von Herrlichkeit dieser Gesetze ahnen, so siehe nur die Wirkung des aus ihnen hervor gegangenen „Erwerbszehnten“, ,ypck rsim, wo er noch in echt jüdischem Geiste mit jüdischer Gewissenhaftigkeit gepflegt wird. Der wackere Jude führt zum Behuf des Zehnten gewissenhaft Buch über seinen jährlichen Verdienst. Der zehnte Teil des Kapitals zuerst, von da an der zehnte Teil seines jährlichen Verdienstes gehört den Armen, der Wohltätigkeit, der Menschenliebe. Gewissenhaft kehrt er diesen Zehnten aus seinem Eigentum aus und betrachtet sich fortan nur als Verwalter desselben. Welche herrlichen Folgen hat nicht schon diese Eine jüdische Verfahrungsweise! Jeder nur irgend selbstständige Jude hat eine Almosenkasse zu verwalten. Es ist freilich nur seine eigene, aber sie gehört doch nicht mehr ihm, und ist nur insofern sein, dass er das alleinige und ausschließliche Dispositionsrecht darüber hat. Willkommen ist ihm sofort jede Gelegenheit, mit dem nur noch seiner Verwendung anvertrauten Schatz der Wohltätigkeit Gutes zu tun. Er gibt der leidenden Menschheit, was schon ohnehin ihr ist und überlegt nur, das seinen Händen anvertraute kleine oder große heilige Gut möglichst zweckmäßig und wahrhaft heilbringend zu verwenden. Was der Jude auf diese Weise spendet, ist mehr eine heilige Schuld, als eine Liebestat augenblicklicher Anregung. Freilich bleibt Gottes Wort hierbei nicht stehen. Öffne, öffne deine Hand, und öffne wieder und wieder die Hand, spricht es, und verschließe nie die Hand und nie das Herz deinem dürftigen Bruder! Aber nicht dieser Liebesregung allein vertraute Gott das Geschick seiner Dürftigen, seiner Witwen und Waisen an. Durch uql,hxks,hap,yni rsib,tybr,tyiybs,lbvy, machte er die Versorgung und Wiedererhebung der Unglücklichen zugleich zu einer heiligen Schuld, vermählte die Gottesfurcht mit der Liebe und erst unter dem Schutz Beider findet das Leid und die Armut und das Elend wahrhaftigen Schutz. Und wie durch diese gottesfürchtige Menschenliebe die Wohltätigkeit möglichst unabhängig von der augenblicklichen Stimmung und Anregung des Gebenden gesichert ist, ebenso ist dadurch auch der dürftige Empfänger möglichst vor Erniedrigung geschützt. Den jüdischen Dürftigen drückt nicht die Gabe, die er aus frommer jüdischer Hand empfängt. Nicht dem Armen, „Gott gibt, wer dem Armen spendet“, und nicht vom Geber, aus heiliger Gotteskasse empfängt der Arme. „Zedakah“ heißt das Almosen, ein Wort, das mehr an Recht, als an Liebe erinnert. yb ykz „gewinne durch mich“, „empfange durch mich“, „erwirb dir ein Verdienst durch mich“, lautete das bittende Wort der jerusalemischen Armen und in diesem Worte war alles gesagt. Hier liegt wieder die göttliche Größe der jüdischen Lehre. Weder die sozialistische Lüge, die alle Einzelpersönlichkeit und mit ihr die beiden Faktoren der Menschenwürde, die freie Pflicht- und Liebestätigkeit vernichtet, noch das bloße Mitleid, Barmherzigkeit- und Liebesgefühl, das dem Schwanken der augenblicklichen Stimmung nicht selten erliegt, und ebenso oft mit seiner Spende erniedrigt, indem es hilft, - mit Gottesfurcht gepaarte, ja von Gottesfurcht getragene Liebe, setzte Gott zu Pflegern der Wohltätigkeit in unseren Kreis, und hat damit die Heilsformel längst gegeben, nach welcher die stutzig gewordene Welt so lange bereits vergebens sucht. Paraschath Schekalim. Sobald der kommende Lenz sich durch seine Frühlingsboten, wie leise auch immer, angekündigt, bereiten uns die Anordnungen unserer großen Weisen auf das Fest unseres geschichtlichen Frühlings vor, das mit dem Lenzmonat eintreten wird. Das Fest unserer Nationalgeburt, das Fest, das den Erlöser in der Natur zugleich als den Menschheitserlöser in der Weltgeschichte offenbart, das große Pessachfest zieht heran, und soll uns mit all´ den Gefühlen, Gesinnungen und Gedanken vorbereitet finden, die diesem Geburtsfeste Israels geziemen. Vier Paraschioth bereiten auf das Pessachfest vor: Paraschath Schekalim, Sachor, Parah und Chodesch. Am Sabbat vor Adarneumond oder, wenn der erste Adarneumondstag am Sabbat ist, an diesem, wird Paraschath Schekalim gelesen. Paraschath Schekalim soll das jüdische Gesamtgefühl in uns wach rufen. Paraschath Schekalim mahnt uns: Alle gehören wir einer großen heiligen Gottesstiftung, alle haben wir an einem großen heiligen Gotteswerke zu arbeiten; jeder hat nach seinen Kräften für dieses Gesamtwerk zu leisten. Der Einzelne, der nur für sich und nichts für´s Gesamtheiligtum sein will, verliert eben damit auch die Berechtigung seines Einzeldaseins, und nur in dem vollen aufrichtigen Anschluss an dieses heilige Gesamtzusammenwirken gewinnt auch erst das Dasein und Wirken des Einzelnen seine Bedeutung. Denn wenig selbst für den Augenblick vermag der Einzelne; nichts aber für die Dauer; alles aber und für die Ewigkeit die Gesamtheit. Nicht daher nach dem, was einer ist und einer hat, ist er zu schätzen: sondern nach dem, was einer für dies Gesamtheiligtum leistet und schafft. Und nicht der alleinige Umfang des Geleisteten ist der Maßstab für die persönliche Wertschätzung des Einzelnen. Sondern, das Verhältnis der Leistung zu der Kraft und dem Vermögen des Leistenden. Hat der Reiche und Begabte viel, der Arme und der Schwache aber wenig geleistet, das Wenige des Armen und Schwachen ist aber das Aufgebot der ganzen ihm verliehenen Kraft und Begabung, das Viele des Reichen und Begabten ist aber nur ein kleiner Teil dessen, was er nach seiner Kraft und seiner Begabung hätte leisten können: siehe, so wiegt vollwichtig auf der Gotteswaage des Heiligtums das Wenige des Schwachen und Armen, zu leicht aber wird das Viele des Begabten und Reichen befunden. Lesen wir die Paraschath: „Wenn du die Häupter der Söhne Israels für ihre Zählung aufnehmen willst“ – wenn du wissen willst, wie viele Söhne Israel als die Seinen zählen kann, wie viele in Israel gezählt, genauer: „gedacht“ werden dürfen - „so gebe jeder Gott eine Sühne seiner Person, indem man sie zählt; dann wird sie keine Vernichtung treffen, indem man sie zählt!“ Geben, spenden, wirken, leisten, - Gott leisten, für Gott wirken, Gott spenden und geben muss jeder, wer unter Israels Gezählten mit gezählt werden will; nur die Spende, die Leistung, die für Gott schaffende und wirkende Tat wird gezählt, nur in ihr findet jede Persönlichkeit in Israel ihre Bedeutung, ihre Berechtigung. Wehe dir, wenn Selbstsucht und Engherzigkeit und Hochmut dich lehren, nur dir, nur für dich zu leben! Je mehr du für dich lebst, je weniger lebst du. Je mehr du mit deinem selbstsüchtigen Streben dein Dasein, deinen Wert und deine Bedeutung zu begründen und zu sichern vermeinst, je mehr untergräbst du dein Dasein, je mehr tilgst du deinen Wert und löschest deine Bedeutung. Wer im Gottesreiche nicht für Gott lebt und schafft und wirkt und leistet, ist Null im Gottesreiche und Vernichtung trifft den, der sich leistungslos dennoch zählt! „Dies gebe jeder, der mit hinüber treten will zu den Gezählten! Die Hälfte eines Schekels nach dem Gewichte des Heiligtums, zwanzig Gerah der Schekel, die Hälfte eines solchen Schekels Gott als Hebe.“ Sinnig lautet hier das Wort der Weisen: Als Moscheh das Wort Gottes hörte: „Jeder gebe die Sühne seiner Person“, erschrak er und dachte, wer kann Sühne für sein persönliches Dasein leisten, wer mit seinen Leistungen voll sein Dasein lohnen! „Unerschwinglich ist das Lösegeld seiner Seele und in Ewigkeit unerreichbar!“ Was kann der Einzelne leisten, das dem Wert der ihm geschenkten Seele entspräche? – Nicht, wie du glaubst, erwiderte Gott ihm, sondern, dies sollen sie leisten, diese Schekelhälfte sagt, was ich von ihnen fordere. Siehe „Du allein kannst das Gotteswerk nicht vollenden, aber du darfst dich nie ihm entziehen zu leisten, was du kannst!“ – Was jeder zu leisten habe, der mit den zu Zählenden gezählt werden will? Nur die Hälfte eines Schekels erwartet das heilige Werk von ihm. Keiner kann allein ein Ganzes leisten, er bedarf der Genossen um ein Ganzes zu vollbringen. Der Schekel des Heiligtums rechnet auf vereintes Wirken, der Schekel des Heiligtums besteht aus zwei Halbganzen; zwanzig Gerah, zweimal Zehn, bilden den heiligen Schekel, und nur einen solchen halben Schekel kann jeder Einzelne leisten. Für die Aufgabe des Heiligtums ist, was du leisten kannst, immer nur ein Teil, und die Bruderleistung muss sich mit der Deinigen vereinen, auf dass sie ein Ganzes werden. Aber im Verhältnis zu dir und deinen Kräften und deiner Begabung muss sie „Zehn“, eine volle Summe, ein Ganzes, die ganze Summe des dir verliehenen Möglichen enthalten. Dann kannst du hinübertreten in die Reihen der von Israel in Israel für Israel Gezählten und Gedachten und erst durch solche Leistung hebst du und weihst du und heiligst du deinen ganzen irdischen Wandel, hebst du dein Vergängliches zum Ewigen, hebst du dein Menschliches zu Gott! „Jeder, der hinübertritt zu den Gezählten von zwanzig Jahren an und darüber gebe die Gotteshebe.“ Wir? Unsere Kinder höchstens und unsere Greise überweisen wir dem Heiligtum. Unsere Kinder, die noch nicht und unsere Greise, die nicht mehr der Erde dienen können, glauben wir unbeschadet mit Himmlischem nähren zu können, vielleicht auch nähren zu müssen. Aber kaum ist der Knabe zum Jüngling gereift, so eilt man sein Gemüt von der Schwärmerei der Kindheit zu säubern, zeigt ihm, dass im Leben eine andere Thora, die Thora des Erwerbens, die Thora des Genießens, die Thora der Menschenehre, des Menschenurteils, des Menschenansehens gelte, und wer fort kommen wolle in der Welt, wer verdienen und genießen und gelten wolle in der Welt, der müsse sich rasch die Hemmschuhe des jüdischen Heiligtums von den Füßen lösen und sie sich – für sein Greisenalter bewahren. Nicht also dein Gott: „von zwanzig Jahren an und weiter“, eben in der Vollkraft deiner Männlichkeit wartet Gott und sein Heiligtum auf dich, eben mit deinem rüstigsten Mannesstreben, mit der ganzen Begründung deiner Selbstständigkeit auf Erden sollst du Gott dienen, als Jüngling und Mann zur Wahrheit machen, was deine Knabenbrust heiligend erfüllt, dann wird dein Greisenalter noch männlich sein und im hohen Alter du noch im Heiligtum Gottes für Erd´ und Himmel blühen. „Der Reiche kann nicht mehr geben und der Arme nicht weniger als die Hälfte eines Schekels die Gotteshebe zu spenden für eure Personen zu sühnen.“ Siehe da die Gleichheit im Gottesreiche! Die einzige Gleichheit, die der Menschheit im Ganzen und jedem Einzelnen erreichbar! An Gaben und Kräften, an Gütern und äußeren Glücksstufen werden die Menschen je und je verschieden bleiben. Denn gar mancherlei Schaffner und Diener braucht der Meister für das große Werk des Heiligtums, an dem wir alle mit allem zu arbeiten berufen sind. Aber an Wert und Bedeutung, an innerer Würde und Hoheit, an sittlicher, ewiger Größe können und sollen wir alle gleich sein, gleich zu werden streben. Ob der Eine reich, der Andere arm, der Eine stark, der Andere schwach, gesund der Eine, krank der Andere, der Eine geistig begabt, von minderen Geistesgaben der Andere, das scheidet nicht die Rangesstufen im Gottesreich. Leiste nur jeder mit seinem Maß von Kräften, in seiner Lage, seiner Stellung, in dem ihm angewiesenen Kreise, für Gott und die Förderung seines heiligen Werkes auf Erden das volle Maß des Möglichen, sei jeder nur ein treuer Diener am Gottesheiligtum und wir wiegen auf der heiligen Gotteswaage alle gleich. Ob der Gebieter über Millionen Millionen gespendet, der Reichbegabte Welten erleuchtet, Welten erlöst, der nach Pfennigen Rechnende Pfennige geweiht, der bescheiden Begabte sei treues Wirken in dem engen Umkreis einer Menschenhütte begrenzt – und haben sie beide das volle Maß des Möglichen geleistet, einen vollen – halben Schekel hat jeder von ihnen gebracht. „Der Reichste kann nicht mehr, der Ärmste soll nicht minder leisten, als eine Schekelhälfte zur Gotteshebe des Heiligtums!“ Und wenn es eben keine andere reine, dauernde, nimmer zu trübende, immer zu findende Seligkeitsfreude gibt, als das frohe Bewusstsein erfüllter Pflicht, als das frohe Bewusstsein zu sein, seine Stelle auszufüllen, mitgezählt zu werden, von Gott in seinem Reiche mitgezählt zu werden, kein verlorenes Leben zu leben, in der Pflichttätigkeit den Zoll für´s gewährte Dasein zu leisten, „mit seiner Leistung für´s Heiligtum seine Person, sein Einzeldasein zu sühnen“ – siehe, so ist auch eben hiermit für alle auf jeder äußeren Stufe die gleiche Quelle ewig ungetrübter, seliger Heiterkeit schon hinieden geöffnet, alle gleich bedeutend, alle gleich selig im Gottesreiche, und alle mit gleicher Liebe von Gottes Vaterhuld bedacht! In Gottes Hände legt jeder seinen treuen halben Schekel nieder. Alle halbe Schekel fügt er zum Gesamtbau seines Heiligtums, und in diesem treuen Mitwirken an dem Gotteswerke auf Erden findet jeder seine Stelle, seine Bedeutung, seine Berechtigung, sein Andenken, seinen Segen! Die Spende der Sühne nimmst du von Israels Söhnen und verwendest sie zum Dienst des Stiftzeltes, so wird sie den Söhnen Israels zum Andenken vor Gott, eure Personen zu sühnen!“ – Das ist die Schekalim - Lehre des Gotteswortes, und alljährlich mit dem Eintritte Adars ging der Ruf durch alle Israels Kreise, den halben Schekel zum Gottesheiligtum zu senden, auf dass mit Beginn des Frühlingsmonates schon die Gesamtopfer aus dieser neuen Schekelsammlung bestritten werden könnten, in welcher jeder Jude nahe und fern durch seinen halben Schekel sich erneut als Sohn der jüdischen Gesamtheit, als Glied des jüdischen Bundes, als Mitträger und Mitarbeiter am jüdischen Heiligtum bekannt hatte. Und wenn auch das äußere Heiligtum in Trümmern liegt, und Schutt nur die Stelle des Altars bezeichnet, auf welchem unsere Gesamtopfer zu Gott empor duften durften, der Geist dieses Heiligtums, die Gesinnung dieser Opfer ist noch die Summe unserer Aufgabe hienieden. Alljährlich, vor oder mit dem Eintritte Adars, tritt daher diese Schekel – Lehre neu vor unsere Seele, das jüdische Gesamtgefühl und das Bewusstsein in uns zu erneuern, dass wir alle, alle dem großen jüdischen Gesamtheiligtum angehören, auf jeden von uns dieses auf Erden zu vollendende heilige Gotteswerk rechne, und nur in dem treuen Anschlusse an diese heilig jüdische Aufgabe jeder von uns seine Stelle, seine Bedeutung, seine Berechtigung, sein Andenken, seine Sühne finden könne und seinen Segen, auf dass wir dem großen Frühlingsmonate unserer Nationalgeburt mit jüdischen Gedanken, mit jüdischer Gesinnung, mit erneutem, frischem, lebendigem jüdischen Hochgefühle entgegen gehen mögen.